Buddhismus zwischen Tradition und Gegenwart

Ein Beitrag von Ayshen Delemen und Tsoknyi Rinpoche veröffentlicht in der Ausgabe 2018/3 lebendig unter der Rubrik Buddhismus Heute

Uns Menschen wohnt ein natürliches spirituelles Zufluchtsbedürfnis inne. Ungeachtet der Hinwendung zu Vernunft und Naturwissenschaften hat die spirituelle Sehnsucht für den Menschen nicht an Bedeutung verloren. Auf seiner Suche nach Antworten stößt er heute auf eine große Vielfalt spiritueller Perspektiven, unter anderem auf den Buddhismus, von dessen farbenfrohem Erscheinungsbild sich viele Menschen angezogen fühlen. 



Doch der Buddhismus ist gerade dabei, sich aus starren kulturbedingten Konventionen zu lösen und in die Moderne hinein zu entwickeln. Eine Eins-zu-eins-Übernahme des asiatisch geprägten buddhistischen Weges kann am eigentlichen Zweck vorbeiführen. Das gilt auch für den tibetischen Buddhismus. Der im vergangenen Jahrhundert im Westen geschaffene „Mythos Tibet“ existiert nicht selten heute noch, und es gibt die Tendenz, „die Weisheit“ Tibets mit persönlichen inneren Projektionen und Sehnsüchten zu vermischen. Paradoxerweise hat gerade die authentische Übermittlung des tibetischen Buddhismus in den letzten Jahrzehnten dieses romantische Ideal bei Menschen verstärkt, die sich von der esoterischen Exotik dieser Kultur angezogen fühlen. Der historische Buddha jedoch lehrte nichts anderes als einen rigorosen Geisteswandel. Der Praxispfad des Buddhismus ist ein präziser, forschungs- und anwendungsbezogener, der kritische Selbstreflexion, große Entschlossenheit und zähes Dranbleiben erfordert. 



Ein Jahrhundert nach Ankunft des Buddhismus in der westlichen Welt wird Kritik laut an traditionellen Formen der Übertragung, die häufig durch mangelndes Wissen unverändert an westliche Praktizierende weitergegeben werden. Doch die Frage ist, wie viel echte Hilfe ein kulturfremder und aus der Zeit gefallener Übertragungsstil dem modernen Geist bei der Anwendung von buddhistischen Kernprinzipien bieten kann. Die Überlieferung dieses tiefgründigen spirituellen Wegs erfordert im 21. Jahrhundert einen frischen Ansatz, der die Gegenwart und Lebensart der Praktizierenden berücksichtigt. 


© Franck Michel

Klare Differenzierung

Auf der anderen Seite ist es mitnichten so, dass wir diese uralte Weisheitslehre beliebig verändern könnten, um sie unseren vom Zeitgeist gefärbten Vorstellungen anzupassen. Eines muss uns klar sein: Um den Kern der Lehre Buddhas lebendig zu übermitteln, muss sich die Form der Weitergabe an die jeweilige Kultur und Zeit annähern. Das war auch in der Vergangenheit nicht anders. Die Kernthemen des Buddhismus aber stehen jenseits von Lifestyle-Trends. Wenn wir über bloße Inspiration hinaus Wert auf Authentizität legen und ergebnisorientiert bleiben möchten, können wir nicht eine zeitgerechte Spiritualität nach unserem Gusto erschaffen und diese dann noch „Buddhismus“ nennen. Wir müssen der Gegebenheit Rechnung tragen, dass es eben den traditionellen Strukturen zu verdanken ist, dass der Kern des Buddhadharma bis in unsere Zeit lebendig erhalten bleiben konnte, da sie eine Änderung über Jahrhunderte für nicht notwendig erachtet haben.

Wären die Worte des Buddha nicht festgehalten und wäre nicht akribisch über sie gewacht worden, wären wir nicht im Besitz von glaubwürdigen Überlieferungen. Und gäbe es darüber hinaus keine bezeugte ununterbrochene mündliche Übertragung ihres Sinngehalts, gäbe es keine authentische Erläuterung seiner Worte. Sie würden missverstanden und könnten nicht von echtem Nutzen sein. 

Im Gezeitenwandel unserer Tage bleibt es eine Herausforderung, Buddhas Botschaft unverfälscht aus ihrem kulturellen und historischen Hintergrund herauszufiltern und wirksam anzuwenden. Der Schlüssel dazu liegt wohl in der klaren Differenzierung zwischen dem Erhalt der universellen Aussage dieser empirisch orientierten Geistesschule einerseits und dem nachvollziehbaren nostalgischen Bestreben nach Aufrechterhaltung wertvoller traditioneller Formen andererseits. Die Zeit wird zeigen, ob und wie die Bewahrung von Buddhadharma in der Moderne gelingen wird. 

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch „Heiter und gelassen — in einer ruhelosen Welt?“

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Ayshen Delemen

Ayshen Delemen ist Praktizierende des tibetischen Buddhismus in der Linie von Tulku Urgyen und seinen Söhnen. Sie lebt und arbeitet als Autorin und Veranstalterin in München. Als Organisatorin, auch von buddhistischen Veranstaltungen, fördert sie seit zehn Jahren die Weitergabe einer zeitgemäßen Form des Buddhismus mit Dharma-Lehrern, die dieses Interesse teilen. www.ayde.eu

Tsoknyi Rinpoche

Tsoknyi Rinpoche ist Meditationsmeister in der Dzogchen-Tradition des tibetischen Buddhismus mit regem Interesse an Geistesforschung und westlicher Denkweise. Er ist Autor mehrerer Bücher und bekannt für seinen klaren und unkomplizierten Lehr-Stil. Rinpoche ist geistliches Oberhaupt mehrerer Nonnen-Klöster in Nepal und Tibet und leitet darüber hinaus auch humanitäre Projekte, indem er z.B. in etwa 50 Klausureinrichtungen im Osten Tibets über 2000 Nonnen und Yoginis sowie 900 Mönche unterstützt. Webseite: pundarika.de
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