Avihimsa

Ein Beitrag von Ayya Phalanyani veröffentlicht in der 2/2024 Krieg und Frieden unter der Rubrik Schwerpunkt Krieg und Frieden.

Harmlos leben in dieser Welt

Frieden braucht eine Freiheit, die jeder Mensch in sich selbst entwickeln muss – die Freiheit von Gier. Wie sie diesen Weg für sich selbst entdeckt hat, beschreibt die Theravada-Nonne Ayya Phalanyani in ihrem Beitrag.

Wir alle wünschen uns Glück und Frieden. Sogar Unruhestifter und Kriegstreiber erklären, sie würden Krieg nur führen, weil sie Frieden wollen. Frieden und Glück sind untrennbar verbunden: Wenn wir in Frieden gelassen werden, können wir glücklich werden. Und wenn wir glücklich sind, ist unser Herz zur Friedfertigkeit geneigt. Das Herz wird uns schwer, wenn wir weder Glück noch Frieden empfinden. 

Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Während des Kalten Krieges hatte meine Familie immer einen Notfall- und Fluchtplan. Irgendwann waren zwar die Koffer nicht mehr ständig gepackt, aber uns allen war klar, was wir im Falle eines Falles schnell einpacken würden. Meine beiden Eltern hatten als Kinder den Krieg erlebt und durch den Krieg alles verloren. Die Mutter musste fliehen und kam mit viel Glück auf einen Zug nach Schweden. Der Vater wurde als Achtzehnjähriger in einem Lager in Nordafrika gefangen gehalten, fünf Jahre lang. 

Seit ich denken kann, benannten die Erwachsenen in meinem Umfeld Krieg, Gewalt und Unterdrückung ganz klar als etwas, das Unglück bringt und nie wieder geschehen darf. Auch in der Schule und in meinem gesamten Umfeld hieß es laut, einhellig und deutlich: „Nie wieder Krieg!“ Im Geschichtsunterricht hörten wir, dass wir aus der Geschichte lernen müssen und Fehler nicht wiederholen dürfen. Ob es meinen Mitschülerinnen und -schülern ebenso erging, weiß ich nicht, aber ich empfing jede Geschichtsstunde als Plädoyer für den Frieden. 

In meiner Jugend hingen zu Hause überall Bilder aus dem Vietnamkrieg. Auf einem davon war ein Mädchen zu sehen, das nackt vor Napalmbomben davonlief. Auch Bilder von weinenden Kindern in Biafra mit aufgeblähten Hungerbäuchen hingen dort. Daneben stand eine Ermahnung: Frieden zu halten und zu teilen, damit Krieg und Hunger nie und nirgends mehr auf der Welt sein können. 

Vor diesem Hintergrund habe ich schon früh die Entscheidung getroffen, dass ich harmlos in der Welt sein möchte. Weil ich ich nicht verletzt werden möchte, werde ich auch andere nicht verletzen. Für den Frieden einstehen, den Frieden als höchstes Gut anerkennen – das ist seitdem die Neigung meines Herzens geblieben. 

Alles wird gut?

Schon früh habe ich aber auch die große Diskrepanz gesehen zwischen dem, was die Erwachsenen sagten, und ihrem Handeln. Mir war offensichtlich, dass weder meine Eltern noch meine Lehrerinnen und Lehrer, noch irgendwer sonst um mich herum wirklich in Frieden war. Auch sah ich, je mehr Wohlstand sich ansammelte, dass nicht alles mit allen geteilt wurde. Ich habe das als Leid wahrgenommen, zumal ich dieselbe Diskrepanz auch in mir selbst spürte. Und die Lösung? Wenn etwas nicht so war, wie es sein sollte, wenn Leid entstanden war und es Wunden, Verletzungen und Streit gab oder jemand weinte, hieß es lapidar: „Alles wird gut.“ 

Wann ist es endlich so weit, dass alles gut wird? Das fragte ich mich als Kind und Jugendliche oft. Wie wird es dazu kommen? Und was bedeutet „alles“ in diesem Zusammenhang? Wird das Gute nur für meine Familie eintreffen oder für die ganze Welt? Wird es für immer bleiben, oder kann es sich auch wieder verschlechtern? Kann oder muss ich etwas dafür tun, oder wird von ganz allein alles gut werden? Weil die Menschen um mich herum mir diese Fragen nicht beantworten wollten oder konnten, begann ich mich als Jugendliche mit der Philosophie auseinanderzusetzen – Kant, Nietzsche, Sartre, Beauvoir, Voltaire. Zweimal las ich die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite. Vieles fand ich hochinteressant. Aber es brachte mir keinen Frieden und auch keine Aussicht darauf.

Begegnung mit dem Dalai Lama 

Mit Anfang zwanzig traf ich dann den Dalai Lama bei einem Vortrag in der Stadtbücherei in Düsseldorf. Er berührte mich tief und inspirierte mich, nach buddhistischer Literatur zu suchen. In der Bücherei fand ich einige Kladden mit Kopien des Tipitaka. Die dreigliedrige Sammlung gehört zum ältesten Schriftgut des Buddhismus und die Sprache der Texte mutete altmodisch an, an manchen Stellen fast wie die Bibel. Trotzdem war ich wie elektrisiert. Ich verschlang Sutta um Sutta und plötzlich ergab alles Sinn, alle Fragen fanden eine Antwort! 

Etam santam etam panitam yadidam sabbasankharasamatho sabbupadhippatinissaggo tanhakkhayo virago nibbanan’ti.
Etam santam etam panitam yadidam sabbasankharasamatho sabbupadhippatinissaggo tanhakkhayo nirodho nibbanan’ti.

Das ist der Friede, das ist das Erhabene, nämlich der Stillstand aller Daseinsgebilde, die Entledigung von allen Daseinssubstraten, die Gierversiegung, die Entsüchtung, das Nibbana!
Das ist der Friede, das ist das Erhabene, nämlich der Stillstand aller Daseinsgebilde, die Entledigung von allen Daseinssubstraten, die Gierversiegung, die Erlöschung, das Nibbana!

Angereihte Sammlung (Anguttara Nikaya) 10.60, „Die Heilung des Grimananda“ (Girimananda Sutta)

Nibbana – das ist Frieden. Da ist alles gut. 
Es gab einen Weg und eine Wegbeschreibung.

Spiritueller Hochmut

Damals hatte ich sehr viel Energie und mindestens ebenso viel Ignoranz. Im Lesen der Lehrreden konnte ich keine Pause machen, und mit dem wenigen, was ich verstand, fing ich an, zu praktizieren, wie ich es für richtig hielt. Die Kombination aus Energie und Ignoranz hätte mich leicht spirituell abrutschen lassen können, doch glücklicherweise erhielt ich eine Einladung zu meinem ersten Meditations-Retreat, bei Shodo Harada Roshi im Shogenji, einem Rinzai-Tempel in Japan.

Die Stille, der Frieden und die Heiterkeit des Klosters und seine Bewohner waren schöner als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Erstmals entstand in mir der Wunsch, immer so in Frieden und in Heiterkeit zu sein. Doch noch wollte ich das Leben und all seine Möglichkeiten erleben und ausschöpfen. Dass genau dieses Einsaugen und rauschhafte Wollen mich vom Frieden entfernte, begriff ich damals noch nicht. Heute verstehe ich, warum wir in so vielen Suttas davon lesen können. Ein eindrückliches Beispiel ist in der Mittleren Sammlung (Majjhima Nikaya) die kürzere Lehrrede über die Masse von Leid (Culadukkhakkhandha Sutta): 

Mit Sinnesvergnügen als Ursache, Sinnesvergnügen als Quelle, Sinnesvergnügen als Grundlage, weil die Ursache davon schlicht Sinnesvergnügen sind, streiten Könige mit Königen, Adelige mit Adeligen, Brahmanen mit Brahmanen, Haushälter mit Haushältern; die Mutter streitet mit dem Kind, das Kind mit der Mutter, der Vater mit dem Kind, das Kind mit dem Vater; der Bruder mit der Schwester, die Schwester mit dem Bruder, der Freund mit dem Freund. Und in ihrem Streit, ihrem Zank, ihrer Auseinandersetzung, greifen sie sich mit Fäusten, Erdklumpen, Stöcken oder Messern an, wodurch sie sich den Tod oder tödliches Leid zuziehen. Nun ist auch dies eine Gefahr im Fall der Sinnesvergnügen, eine Masse von Dukkha, die hier und jetzt sichtbar ist, die Sinnesvergnügen als Ursache hat, Sinnesvergnügen als Quelle hat, Sinnesvergnügen als Grundlage hat, weil die Ursache davon schlicht Sinnesvergnügen sind.

Ein Mensch auf dem Weg zum Frieden muss die Gier nach Sinnesvergnügen hinter sich lassen; das hat Buddha klar dargelegt:

Ich will ein edles Waschen lehren, das einzig zu Ernüchterung, Schwinden der Leidenschaft, Aufhören, Frieden, Einsicht, Erwachen und Erlöschen führt. … Jemand mit rechter Ansicht hat falsche Ansicht abgewaschen. … Jemand mit rechtem Denken hat falsches Denken abgewaschen. … Jemand mit rechter Rede hat falsche Rede abgewaschen. … Jemand mit rechtem Handeln hat falsches Handeln abgewaschen. … Jemand mit rechtem Lebenserwerb hat falschen Lebenserwerb abgewaschen. … Jemand mit rechtem Einsatz hat falschen Einsatz abgewaschen. … Jemand mit rechter Achtsamkeit hat falsche Achtsamkeit abgewaschen. … Jemand mit rechter Versenkung hat falsche Versenkung abgewaschen. … Jemand mit rechter Erkenntnis hat falsche Erkenntnis abgewaschen. … Jemand mit rechter Freiheit hat falsche Freiheit abgewaschen. … Das ist das edle Waschen, das einzig zu Ernüchterung, Schwinden der Leidenschaft, Aufhören, Frieden, Einsicht, Erwachen und Erlöschen führt. 

Angereihte Sammlung (Anguttara Nikaya) 10.107

Tiefere Suche nach Frieden 

Mit der Zeit wurde mir klar, dass es für den Frieden, von dem der Buddha gesprochen hat, mehr brauchte als meinen jugendlichen Enthusiasmus. So gewann meine Suche nach Frieden und Stille eine seriösere und weniger gierige Ausrichtung. Das wiederum eröffnete mir nach und nach ein tieferes Verständnis des Dhamma, und der kindliche Wunsch nach Frieden wurde zu einem Auftrag für dieses Leben. 

Seitdem gibt es im Alltag nichts, was eine größere Wichtigkeit hat als Frieden: Ob das die Praxis ist, mit der ich nach wie vor versuche mein Herz zu befrieden. Ob es im Kloster bedeutet, Frieden in den Herzen anderer oder in der Gemeinschaft zu erwirken, indem ich das Dhamma lehre.

Frieden, so wie ihn der Buddha definiert, ist das Einzige, was die Kraft hat, den Brand von Gier, Hass und Verblendung zu löschen, der die Welt in Flammen setzt. Jedes Herz, in dem dieser Brand gelöscht ist oder wenigstens auf kleiner Flamme gehalten wird, löscht und minimiert die Flammen, die die Welt entzünden. 

Der Buddha hat den Weg zum Frieden gefunden, er ist ihn gegangen, hat ihn vollendet und gelehrt. Damit hat er auch uns eine Möglichkeit – und eine Bedingung – für Frieden in der Welt gezeigt.

Die ganze Welt hat er durchschaut
und alles in ihr, wie es wirklich ist;
von aller Welt entbunden so,
schuf keine neue Bindung er.

Ein Allesüberwinder, stark und weise,
der jede Daseinsfessel gänzlich brach,
erfuhr er höchsten Frieden, das Nibbana,
die Stätte frei von Furcht und Not.

Angereihte Sammlung (Anguttara Nikaya) 4.23 

Es ist an uns, den Weg ebenfalls zu finden und furchtlos zu gehen. Dann können wir in der Welt harmlos leben und ihr Frieden geben. 

Ayya Phalanyani

Ayya Phalanyani ging nach einer Karriere als Bühnenschauspielerin und Comedian und nach Jahren der Zen-Praxis 2007 nach Thailand, wo sie 2008 die erste Weihe und den Namen Phalanyani erhalten hat. 2010 ist sie als Bhikkhuni ordiniert worden und leitet seit 2018 das Nonnenkloster Anenja Vihara im Allgäu.

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