Das Leben des Dalai Lama
Die offizielle Graphic Novel
| Heft: | 01 | 2026 Macht |
| Verlag: | Knesebeck Verlag |
| Jahr: | 2025 |
| Preis: | 25 Euro |
| Seiten: | 96 |
Rezension
Es gibt Lebensgeschichten, die wollen erzählt werden. Ohne Zweifel gehört die Biografie des 14. Dalai Lama dazu, der am 6. Juli 2025 seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Die beiden tschechischen Autoren Tom Taylor und Matyáš Namai haben den Feiertag zum Anlass genommen, sein langes und wechselvolles Leben in einer Graphic Novel nachzuzeichnen.
Das Buch beginnt mit einem kurzen informativen Abriss der Geschichte Tibets. Die eigentliche biografische Erzählung setzt im Jahr 1933 mit dem Tod des 13. Dalai Lama ein. Tibet war damals bereits ein Objekt politischer Interessen, geheimnisumwittert und dabei für Reisende – mit wenigen Ausnahmen – unzugänglich. In diesem Umfeld beginnt die Geschichte des späteren Tenzin Gyatso, erzählt mit einer Mischung aus Fakten und faktennaher Fiktion.
Spannend, teilweise auch bedrückend beschreiben die beiden Autoren das Leben des Bauernjungen, der als Lhamo Döndrub geboren und mit zwei Jahren als Reinkarnation des Dalai Lama gefunden wurde. Reiche historische und politische Details machen anschaulich, welchen Herausforderungen er sich vor und nach seiner Flucht nach Indien im Jahr 1959 stellen musste. Flucht, Exil, Widerstand – ein Leben in ständiger Veränderung, aber dennoch unerschütterlich festhaltend an der Hoffnung, dass der Konflikt zwischen Tibet und China beendet werden kann. Man spürt bei der Lektüre, wie sehr die Autoren den Dalai Lama bewundern. In anrührenden Passagen beschreiben sie, wie einsam sich ein von seiner Familie getrenntes Kind fühlen kann – sehr persönlich und ungeschönt. Für eine autorisierte Comic-Biografie erfahren die Leserinnen und Leser hier ungewöhnlich viel über das, was das spirituelle Oberhaupt Tibets psychisch und intellektuell bewegt hat.
Die Illustrationen sind auf dem Niveau anspruchsvoller Graphic Novels und detailreich – das Leben im Palast, die Invasion der Volksarmee, die brutale Niederschlagung jeden Widerstands und die Umstände der Flucht des Dalai Lama aus Tibet, als China das Land und seine Verwaltung endgültig übernimmt. Die Künstler durchbrechen die klassische Panelstruktur, also die Anordnung von Einzelbildern im Comic, und nutzen Zeichnungen, um dramatische Höhepunkte hervorzuheben: Manchmal verschwimmen Szenen wie in Überblendungen ineinander, gelegentlich bricht ein alleinstehendes Bild den Fluss der Erzählung. Anlehnungen an Mandalas finden sich in den Bildfolgen ebenso wie Farbkolorierungen, wie sie in der tibetischen Kultur häufig verwendet werden. Leider ist die sehr feine Schrift an manchen Stellen auf dem dunkelblauen oder dunkelroten Hintergrund nicht gut lesbar.
Deutlicher schmälern einige editorische Nachlässigkeiten das Lesevergnügen: etwa im eröffnenden Panel der Satz, dass man „im Buddhismus an die Reinkarnation des Bewusstseins“ glaubt. So platt lässt sich das schon nicht für den tibetischen Vajrayana behaupten – und keinesfalls für die Vielfalt buddhistischer Überzeugungen und Schulen. Im Kontext der chinesischen Invasion vom 7. Oktober 1950 heißt es etwas später: „Nur das von den Briten regierte Indien protestierte.“ Doch Indien war bereits seit dem 15. August 1947 unabhängig, und Jawaharlal Nehru, den die Autoren im Buch auch mehrfach erwähnen, amtierte als Ministerpräsident und Außenminister. Schließlich wird wieder einmal der „blonde Bergsteiger“ Heinrich Harrer wohlwollend erwähnt. Es wäre eine weitere Fußnote wert gewesen, zumindest anzudeuten, dass Harrer, ein überzeugter Nazi, nicht nur aus sportlichen Gründen im Himalaja unterwegs war.
So bleibt nach der Lektüre doch ein etwas schales Gefühl und von einer „offiziellen Graphic Novel“ wäre mehr zu erwarten gewesen. Dennoch: Um einen ersten Eindruck vom Leben des Dalai Lama zu bekommen, ist das Buch durchaus lesenswert.


