Slavoj Žižek

Christlicher Atheismus

Wie man ein wahrer Materialist wird

Heft: 04 | 2026 Übergänge
Verlag:S. Fischer Verlag
Jahr:2025
Preis:32 Euro
Seiten:416
Übersetzt von Frank Born & Axel Walter

Rezension

Religionen sind für den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek seit Langem wichtige Bezugspunkte. In seinem neuen Buch macht er einen weiteren Anlauf, religiöse Bedürfnisse in materialistische Bahnen zu lenken. Den atheistischen Kern des Christentums, Implikationen der Quantenmechanik und die Herausforderungen des nachkantianischen Denkens führt er hier zu einer anspruchsvollen, wenn auch nicht immer argumentativ klaren Gesamtkonzeption zusammen.

Er selbst bezeichnet sich als „konservativen Kommunisten“ und verteidigt den emanzipatorisch-progressiven Universalismus der Aufklärung gegen den Digitalkapitalismus der Oligarchen aus dem Silicon Valley, den Neoliberalismus sowie jede Form von Identitätspolitik – und ausdrücklich auch gegen den Buddhismus. Als einer der profiliertesten Kritiker eines entpolitisierten Achtsamkeitsverständnisses argumentiert er, westlicher Buddhismus werde dort zur Ideologie, wo er Menschen helfe, die Zumutungen des neoliberalen Kapitalismus besser zu ertragen und gesellschaftliche Konflikte zu individualisieren. Viele Buddhistinnen und Buddhisten werden ihm zustimmen, wenn er die Ausschlachtung ihrer Tradition auf dem säkularisierten Schrottplatz des Coaching- und Selbstoptimierungsmarktes kritisiert.

Im Buch verortet Slavoj Žižek den progressiven Universalismus in den Paulusbriefen und sieht ihn durch Hegels Dialektik philosophisch vollendet. Bis zu diesem Punkt ist es die vielleicht beste Zusammenfassung des respektablen Spektrums seines eigenen Denkens – auch wenn seine Überlegungen insgesamt assoziativ, gelegentlich widersprüchlich und bisweilen intellektuell protzend sind.

Ärgerlich wird es jedoch ausgerechnet dort, wo er von insgesamt acht Kapiteln ein ganzes ausführlich dem Buddhismus widmet und bis zur Ignoranz banal wird. Seine Thesen kreisen gebetsmühlenartig um die gleichen Witze, einen standardisierten Thesenfundus und das gleiche Personal – Hegel, Lacan und beim Buddhismus D. T. Suzuki. Dabei beachtet er nicht, dass D. T. Suzuki den Rinzai-Zen als langjähriger Theosoph uminterpretiert hat, verwechselt wiederholt Dharma und Nirvana und kann bei seinem an sich spannenden Versuch, das Bodhisattva-Konzept des Mahayana mit der psychoanalytischen Methodologie von Jacques Lacan gegen den Strich zu bürsten, nur in Bezug auf Jacques Lacan mit soliden Kenntnissen aufwarten.

Dennoch erinnert Slavoj Žižeks Kritik an unbequeme strukturelle Probleme des westlichen Buddhismus: Überalterung, Missbrauch, ungute Machtstrukturen, Mangel an einer echten Inkulturation und den grassierenden Ausverkauf des Dharma. Noch überdeckt der Meditations-Hype immer offenkundigere Mängel: Buddhistische Gruppen, die scheinbar zeitloses Wissen inbrünstig verwalten und sich ansonsten nur mit sich beschäftigen, sind auf einem sicheren Weg in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit. Schade, dass Slavoj Žižeks Buch in dieser Lage die Chance auf eine notwendige und produktive Auseinandersetzung vergibt.

Eberhard Kügler