Prägungen – Wie sie unser Leben bestimmen und wie wir sie auflösen können

Ein Beitrag von Ayya Phalanyani veröffentlicht in der 4-2026 Übergänge unter der Rubrik Schwerpunkt Übergänge.

Warum ein Beitrag über Prägungen in einem Schwerpunkt, der sich mit Übergängen befasst? Weil unreflektierte Prägungen es schwierig oder sogar unmöglich machen, erwünschte Übergänge zu erleben – zum Beispiel von einem rastlosen zu einem beruhigten Leben, von aggressiven zu freundlichen Emotionen und Verhaltensweisen, von geistiger Enge zur Befreiung. Ein Beitrag der Theravada-Nonne Ayya Phalanyani. 

Alle Wesen erfahren Prägungen – durch ihre biologischen Anlagen, durch Eltern, Erziehung Religion und alles andere, was die Kultur eines Ortes und Landes ausmacht. Niemand kann sich davon freimachen. Wie genau prägen uns gesellschaftliche Normen und Glaubensrichtungen? Und: Müssen diese Prägungen dauerhaft sein? Das möchte ich hier untersuchen. 

Was ist Prägung? 

Betrachtet man den buddhistischen Kontext und fragt, mit welchen Begriffen der Buddha darüber gesprochen hat, erhält man einen guten Überblick darüber, was Prägung ist und wie sie entsteht. Er verwendet die Begriffe sankhaara, anusaya und vaasanaa. 

Sankhaara bezeichnet geistige Eindrücke, Absichten, gedankliche Formationen und Dispositionen, die das künftige Denken und Handeln beeinflussen. Aus eigener Erfahrung können wir wahrscheinlich alle bestätigen, dass sich gedankliche Vorgänge in uns ständig wiederholen. Je häufiger dies geschieht, desto schwerer wird es, dem etwas entgegenzusetzen und anders zu denken oder zu handeln. Auf diese Weise entstehen Neigungen und Tendenzen – anusaya. 

Der Palibegriff sankhaara bezeichnet also die persönliche Prägung des Geistes und die gedanklichen Gestaltungen, die daraus hervorgehen. Das Wort wird zwar gewöhnlich nicht mit „Prägung“ übersetzt, beschreibt aber genau das, was unsere innere Formung ausmacht. 

Anusaya wird als zugrunde liegende Tendenzen, Herzensneigungen oder tief sitzende Prägungen übersetzt. Meist sind damit Prägungen gemeint, die aus Gier, Hass und Verblendung entstehen. Aber auch äußere Umstände können sie hervorrufen. Wie auch immer eine Prägung entsteht: Meist geschieht dies unbewusst. Wir erleben sie dann als vaasanaa, als unsere Gewohnheiten, und glauben, daran nichts ändern zu können. Vorschnell sagen wir dann: „Ich bin eben so.“ 

Wie Eltern den einzelnen Menschen prägen 

Foto zwei schlafende Kinder
Quelle: unsplash, annie-sprat

Die meisten Prägungen entstehen in einem Lebensabschnitt, an den wir uns später nicht mehr erinnern können. Sigmund Freud nannte dieses Phänomen die „infantile Amnesie“. Auch nach neurowissenschaftlichem Verständnis beeinflussen die ersten drei Lebensjahre die neuronale Prägung und Persönlichkeit eines Menschen ganz entscheidend.  

Weil uns die Zeit der frühen Kindheit nicht mehr bewusst ist, nehmen wir viele der damaligen Prägungen als selbstverständlich hin, statt sie zu hinterfragen. Dabei bestimmen sie häufig das ganze Leben: unsere Ansichten, unsere Religion und unsere Vorlieben. Unbewusste Prägungen aus dieser frühen Zeit können sogar über Generationen weitergegeben werden. Das ist besonders dann problematisch, wenn es sich um unheilsame Prägungen handelt, denn sie entstehen in einer Zeit, in der ein Mensch ihnen nichts entgegensetzen kann. 

Dennoch sind wir diesen frühen Prägungen nicht ausgeliefert. Es gibt weitere prägende Einflüsse, die mit den frühkindlichen zusammenwirken oder ihnen entgegensteuern können. 

Wie innere karmische Prägungen entstehen 

Dazu gehören die karmischen Prägungen. Karma heißt genau genommen einfach nur Tat oder Handlung. Ob man eine Tür öffnet, Tomaten kauft, schützt oder tötet – alle Handlungen sind Karma, denn Karma heißt nichts anderes als Handlung.  

Karma ist weit von der Idee des Schicksals entfernt. Nichts ist schicksalhaft vorbestimmt. Alles, was wir erleben, wird durch Handlungen in Gedanken, Worten und Werken geprägt. An Karma ist auch nichts Mystisches – nichts, woran man glauben müsste. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zum Beispiel wird ein Mensch, wenn ich ihn schlage, mit Wut oder Trauer reagieren – und das hat definitiv andere Konsequenzen, als wäre ich freundlich zu ihm gewesen.  

Entscheidend für die karmische Reaktion (vipaaka kamma) ist, wie und warum eine Handlung ausgeführt wird, also die cetanaa – grob übersetzt die Absicht, die zur Handlung führt. Wenn jemand nur freundlich ist, weil er sich etwas erschleichen will, ist diese Freundlichkeit nicht heilsam. Wenn jemand dagegen einen Menschen beiseite reißt, um ihn vor einem heranrasenden Auto zu schützen, ist diese Handlung heilsam. Die Handlung folgt der Absicht. Die Absicht entsteht aus Prägungen – und führt zu weiteren Prägungen. 

Wie kollektive Prägungen entstehen 

Nach der ersten Phase der unbewussten individuellen Prägung ist der Mensch weiteren prägenden Institutionen und Einflüssen ausgesetzt. Er kommt in den Kindergarten, in die Schule und in Gruppen mit gemeinsamen Überzeugungen und Werten. Sie formen ihn so, dass er sich in die jeweilige Kultur und Gesellschaft einfügen kann. 

Im Zuge der Globalisierung sind die uns prägenden Normen vielfältiger geworden. Die einst überwiegend deutsch und christlich geprägte Gesellschaft ist längst multikultureller. Das erfordert die Bereitschaft, Unterschiede zu tolerieren – was Menschen mit starken Prägungen oft schwerfällt. Das gilt nicht nur für Deutschland. Auch andere Kulturen und Religionen entfalten eine starke prägende Kraft. 

Kulturelle Prägungen vermitteln Geborgenheit und Sicherheit. Sie können wunderschöne Traditionen, Dialekte und Bräuche hervorbringen, die es zu bewahren lohnt. Oft wird jedoch vergessen, dass auch andere Kulturen, Traditionen und Religionen schön, lebendig und wertvoll sein können. Dabei nimmt es der eigenen Kultur nichts weg, eine andere anzuerkennen; es bereichert sie allenfalls. 

Wie das Christentum in die buddhistische Ausübung hineinwirkt 

Zeichnung Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies
Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, Chromolitho-
grafie nach einer Zeichnung von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794–1872

Kaum eine Kultur ist nicht auch von Religionen oder anderen Glaubenssystemen geprägt. Im Westen wirken vor allem Christentum, Kapitalismus und Individualismus; in vielen Teilen Asiens sind es Islam, Hinduismus oder Buddhismus, stark gemeinschaftlich geprägte Gesellschaftsformen, aber auch die kapitalistische Marktwirtschaft. Jede individuelle Prägung entsteht im Zusammenhang mit der Kultur und Religion, in der ein Mensch aufwächst. 

Gerne möchte ich an dieser Stelle das Konzept der Schuld als ein Beispiel religiöser Prägung beleuchten, denn es begegnet mir in meinen Gesprächen mit Meditierenden auffallend häufig. Dieses Konzept schwingt, auch wenn man im Alltag nicht viel darüber nachdenkt, bei den meisten Menschen auch dann noch stark mit, wenn sie sich dem Buddhismus zuwenden. Das liegt nicht daran, dass Schuld ein universelles Konzept wäre. Ein Blick in andere Kulturen und Religionen zeigt uns das Gegenteil. Aber wir sind als Menschen stark von westlich-christlichen Vorstellungen geprägt und die Idee, dass irgendjemand immer schuld sein müsse, ist so tief verwurzelt, dass sie auch dann noch Bestand hat, wenn Menschen einer Religion wie dem Buddhismus folgen. 

In Gesprächen erfahre ich immer wieder: Schuldgefühle sind ein starker Motor. Schuld, weil man nicht gut genug und nicht klug genug ist, nicht genug meditiert oder so viel, dass man Freunde und Familie vernachlässigt. Schuld, weil man etwas getan oder nicht getan hat. Eine Variante besteht darin, anderen die Schuld zu geben. Es scheint, als müsse immer irgendjemand oder irgend etwas schuld sein, sonst findet der Geist keine Ruhe. Es gibt ein Maß dafür, wie etwas zu sein hat. Entspricht ein Ausschnitt der Realität diesem Maß nicht, muss jemand schuld sein. Und dann gibt es diejenigen, die das Maß kennen und die Schuld zuweisen. 

Augustinus, Paulus, Martin Luther  

Die Vorstellung, dass alle Menschen Schuld tragen, geht vor allem auf Augustinus von Hippo (354–430 u. Z.) zurück, einen der einflussreichsten Theologen der christlichen Geschichte. Er prägte Begriffe wie Erbsünde, Gnade und Gottesstaat, die das kirchliche Denken bis heute beeinflussen. Seinen Lehren folgend, gilt im Katholizismus die Erbsünde – die wiederum auf den Sündenfall Adams und Evas im Paradies zurückgeht – als eine Wunde, mit der jeder Mensch geboren wird. Durch die Taufe wird diese Wunde zwar geheilt; die Neigung zur Sünde bleibt jedoch bestehen.  

Der Protestantismus betont noch stärker, dass der Mensch sich nicht aus eigener Kraft von seiner Schuld befreien kann, sondern auf Gottes Gnade angewiesen ist. Auch die orthodoxe Kirche kennt die Erzählung von Adam und Eva, misst dem Schuldgedanken jedoch geringere Bedeutung bei. 

Augustinus litt, ebenso wie Paulus, unter starken Schuldgefühlen. Beide machten daraus nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern eine Lehre. Aus buddhistischer Sicht könnte man sagen: Sie lösten ihre sankhaaras nicht in Frieden auf, sondern systematisierten sie. 

Auch Martin Luther soll Kirchenhistorikern zufolge unter starken Zweifeln, Schuldgefühlen und Gewissensqualen gelitten haben. Daraus entwickelte er die „Rechtfertigungslehre“. Ihr zufolge kann sich Mensch niemals durch gute Taten aus seinen Schuld- und Sündenverstrickungen befreien, sondern das vermag allein Gott mit seiner Gnade.  

Das Kausalprinzip im Buddhismus 

Erbsünde, dauerhafte Schuld, Angewiesensein auf göttliche Gnade: Aus buddhistischer Sicht können solche Vorstellungen als Ausdruck einer kulturellen und religiösen Prägung verstanden werden. In der Lehre des Buddha haben sie keinen Platz.  

Während im Christentum Schuld als zentrales spirituelles Prinzip dient, steht im Buddhismus das Kausalprinzip im Mittelpunkt: „Wenn dies ist, ist jenes; wenn dies nicht ist, ist jenes nicht.“ Hinzu kommt die Empfehlung, allen Wesen, sich selbst ebenso wie anderen, mit metta (Wohlwollen), karuna (Mitgefühl), mudita (Mitfreude) und upekkha (Gleichmut) zu begegnen. Nichts – keine Worte, keine Taten und nichts, was einem Wesen angetan wird oder was es sich selbst antut – rechtfertigt eine Reaktion außerhalb dieser vier brahmaviharas. 

Grundsätzlich sollte man sein Leben so leben, dass man später keine Reue empfinden muss. Reue ist ein Hindernis auf dem Weg zur Befreiung vom Leid. Im Zusammenhang mit den fünf Hindernissen (panca nivarana) spricht der Buddha von uddhacca-kukkucca, Rastlosigkeit und Reue. Manchmal wird kukkucca einfach mit „Unruhe“ übersetzt, gemeint ist jedoch die Unruhe, die aus Reue entsteht. 

Das Gefühl der Reue war dem Buddha also durchaus bekannt und wird klar als Hindernis für das Leben und für die Befreiung vom Leid benannt. Dennoch trägt kein Wesen grundsätzlich Schuld oder hat Grund zur Reue. Das Problem liegt bei avijja, der Unwissenheit. Sie liegt allem Übel zugrunde. Wir tun unheilsame Dinge nicht, weil wir grundsätzlich schlecht und deshalb schuldig wären, sondern weil wir es nicht besser wissen. Es hilft nichts zu jammern, sich schlecht zu fühlen, sich Vorwürfe zu machen oder sich zu geißeln. Erst wenn wir erkennen, dass auch das Zuschreiben von Schuld – an uns selbst oder an andere – eine Prägung ist, wird Veränderung möglich.  

Was hilft, ist, achtsam und klarbewusst Fehler als Fehler zu erkennen und sie dann nicht mehr zu machen. Schlicht und einfach. Kein Drama und keine Vorwürfe. Die Praxis von Achtsamkeit und Sammlung führt dazu, dass sich Weisheit entwickelt und Unheilsames erkannt wird. Sila, ethisches Verhalten, hilft dabei, nichts Unheilsames zu begehen. 

Karma und Verantwortung 

Der Zusammenhang zwischen Karma und Verantwortung sei hier an zwei kurzen Texten verdeutlicht. In vielen Suttas und auch im Anguttara Nikaya 10,48 heißt es: 

„Eigner und Erbe meiner Taten (kamma) bin ich, meinen Taten entsprossen, mit ihnen verbunden, habe sie zur Zuflucht, und die guten und bösen Taten, die ich tue, werden mein Erbteil sein.“ 

Und im Anguttara Nikaya 3,40 steht: 

Es gibt keine Heimlichkeit in der Welt, 
für jemanden, der Schlechtes tut. 
Du weißt es selbst, 
ob du gelogen oder die Wahrheit gesagt hast. 

Die Götter und der Klargewordene 
sehen den Toren, der sich unehrlich durch die Welt bewegt. 

Daher nimm dich dir selbst gegenüber in die Pflicht: Lebe achtsam; 
nimm dich der Welt gegenüber in die Pflicht: Sei wach und übe Vertiefung; 
nimm dich der Lehre gegenüber in die Pflicht: Lebe im Einklang mit der Lehre! 

Mara ist besiegt, der Zerstörer überwunden. 
Wer sich bemüht, erreicht das Ende der Wiedergeburt. 
Unberührt, verständig, kennt er die Welt – 
dieser Abgeklärte ist durch nichts geprägt. 

Den Kreislauf durchbrechen 

Wesen werden durch ihre Handlungen geprägt, und die daraus entstehenden Prägungen prägen wiederum ihre Handlungen. Wer diesen Kreislauf nicht mit Achtsamkeit und Sammlung betrachtet und Weisheit und Ethik entwickelt, bleibt in ihm gefangen. Die gesamte Lehre des Buddha ist darauf ausgerichtet, den Kreislauf des Unheilsamen zu erkennen und zu durchbrechen. Denn Prägungen – auch der Kreislauf von Schuldgefühlen, frühe persönliche Erfahrungen und kulturelle Einflüsse – lassen sich verändern. Sonst wäre Befreiung vom Leid nicht möglich. 

Das kann mitunter harte Arbeit sein. Der fatalistische, aber auch bequeme Gedanke: „Ich bin halt so und kann mich nicht ändern“, hat in der Lehre des Buddha genauso wenig Platz wie eine Urschuld. Es liegt an jeder und jedem Einzelnen, die eigenen Prägungen zu erkennen, nicht an ihnen festzuhalten, Weisheit und Ethik zu entwickeln und sich von unheilsamen Prägungen zu befreien. 

Der Buddha hat den Weg gewiesen. 

Da sind Meditationskissen, Klöster und Seminarzentren. 

Praktiziert. 

Ayya Phalanyani

Ayya Phalanyani ging nach einer Karriere als Bühnenschauspielerin und Comedian und nach Jahren der Zen-Praxis 2007 nach Thailand, wo sie 2008 die erste Weihe und den Namen Phalanyani erhalten hat. 2010 ist sie als Bhikkhuni ordiniert worden und leitet seit 2018 das Nonnenkloster Anenja Vihara im Allgäu.

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