Haushoch überlegen – oder fließender Übergang?  

Ein Interview mit Christine Webb geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der 4-2026 Übergänge unter der Rubrik Schwerpunkt Übergänge.

Die promovierte Primatologin Christine Webb forscht an der Harvard University sowie an der New York University zum Sozialverhalten, der Kognition und den Emotionen nichtmenschlicher Primaten. In ihrem neuen Buch Der arrogante Affe verbindet sie Erkenntnisse aus der Primatologie, der Verhaltensbiologie und der Evolutionsforschung zu einer grundlegenden Kritik der Vorstellung, Menschen stünden jenseits der übrigen Natur. Im Gespräch erläutert sie, warum die Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren weit durchlässiger ist, als wir lange angenommen haben. 

Susanne Billig: Ihr Buch stellt eine der tiefsten Überzeugungen der westlichen Kultur infrage – dass zwischen dem Menschen und der übrigen Tierwelt eine klare Grenze verläuft. Warum ist uns diese Grenze so wichtig? 

Christine Webb: Wir haben es hier mit einem menschlichen Überlegenheitskomplex zu tun. Dahinter verbergen sich tiefere Gefühle von Unzulänglichkeit und Verletzlichkeit angesichts eines unermesslichen Kosmos, den wir weder vollständig verstehen noch kontrollieren können. Die Vorstellung, grundsätzlich vom übrigen Leben getrennt zu sein, vermittelt uns Sicherheit. Sie sagt uns: Wir sind etwas Besonderes. Wir stehen über der Natur, statt ihr unterworfen zu sein. 

Das war zugleich außerordentlich nützlich. Es hat die Ausbeutung anderer Arten und historisch sogar die Entmenschlichung anderer Menschen gerechtfertigt, indem man sie auf den Status von „Tieren“ reduziert hat. 

Sie nennen den „arroganten Affen“ eine Maske. Was meinen Sie damit? 

Wir verstecken uns hinter Arroganz und betrachten andere Arten als gescheiterte oder unvollständige Versionen des Menschen –anstatt sie so zu sehen, wie sie wirklich sind. Zugleich verstellt uns die Maske den Blick auf uns selbst. Sie verleitet uns zu der Vorstellung, der Mensch stehe außerhalb der Natur, anstatt Teil von ihr zu sein. 

Sobald diese Illusion schwindet, wird die Welt unendlich viel reicher. Andere Arten erscheinen uns als komplexe Lebewesen mit ihren eigenen Formen von Intelligenz, Empfindungsfähigkeit, Sozialleben und Weltperspektiven. Unsere eigene Art wirkt dann nicht länger wie eine Ausnahme, sondern wie eine von vielen Ausdrucksformen des Lebens. 

Porträtfoto Christine Webb
Christine Webb

Sie selbst tragen diese Maske nicht mehr. Wie ist es dazu gekommen?  

Zunächst mal würde ich das nicht so sagen – ich denke, dass wir alle, die wir in der dominanten Kultur leben, auf unterschiedliche Weise das Weltbild der menschlichen Sonderstellung verinnerlicht haben und zugleich zu seiner Aufrechterhaltung beitragen. Doch sobald wir Zeit in der Natur und mit anderen Lebewesen verbringen, gerät diese Vorstellung meist sehr schnell ins Wanken. 

Bei mir war das keine einzelne spektakuläre Entdeckung, sondern ist in den Jahren passiert, in denen ich andere Primaten in ihrem Alltag beobachtet habe. Mit der Zeit habe ich Formen von Empathie, Geduld und Neugier erkannt, die sich unmöglich als bloßer Instinkt abtun ließen. 

In meinem Buch erzähle ich viele solcher Geschichten. Eine handelt von einem Pavian namens Bear. Er und mehrere andere Paviane umringten meine Kollegin, bellten sie lautstark an und schlugen ihr gegen die Beine – ein Verhalten, das einem Angriff bedrohlich nahekam. Zwar eskalierte die Situation nicht weiter, doch wir alle waren erschüttert. 

Am nächsten Morgen hielt ich mich vorsichtshalber von der Gruppe fern. Doch Bear kam auf mich zu. Er sah mich an und zog die Lippen zurück – eine beschwichtigende Geste, mit der Primaten Spannungen abbauen und soziale Beziehungen wiederherstellen. Ich hatte deutlich den Eindruck: Er erkennt an, was am Vortag geschehen ist, und möchte unsere Beziehung wieder ins Gleichgewicht bringen. 

Solche Momente häuften sich. Nach und nach erschienen mir die Grenzen, die ich zwischen „Mensch“ und „Tier“ gelernt hatte, immer künstlicher. Die Tiere, mit denen ich arbeitete, waren nicht bloß Vertreter einer Art. Sie waren Individuen mit eigener Persönlichkeit, eigenen Vorlieben, Beziehungen und Gewohnheiten. Mit der Zeit hörte ich auf, zu fragen, ob sie sind „wie wir“. Ich begann, sie um ihrer selbst willen wertzuschätzen. Je genauer wir andere Arten kennenlernen, desto vertrauter werden sie uns – und gleichzeitig auf wunderbare Weise anders. 

Immer wieder heißt es, bestimmte Eigenschaften trennen den Menschen grundsätzlich von anderen Tieren. 

Und immer wieder fallen diese Grenzen. Im Laufe der Geschichte hat sich die vermeintliche Trennlinie mit jeder Forschergeneration verschoben: von der Seele zur Vernunft, zur Sprache, zum Werkzeuggebrauch bis zur Moral, Kultur und Spiritualität. Sobald sich herausstellt, dass auch andere Arten über eine dieser Fähigkeiten verfügen, verschieben wir die Grenze einfach erneut – statt uns zu fragen, ob nicht die Grenzziehung selbst fragwürdig ist.  

Paviane versöhnen sich nach Konflikten. Wale geben kulturelle Traditionen über Generationen weiter. Honigbienen spielen und lösen Probleme. Schimpansen behandeln Wunden – ihre eigenen und die von Artgenossen – mit Insekten, die vermutlich heilende Eigenschaften haben. Selbst dort, wo wir heute noch Grenzen ziehen, etwa bei der Sprache, der Kunst oder Spiritualität, entdecken wir immer mehr Kontinuitäten. 

Entscheidend ist aber nicht, dass andere Tiere genau das Gleiche tun wie wir. Entscheidend ist, dass wir es mit einem Kontinuum zu tun haben: Verschiedene Arten bringen vergleichbare Fähigkeiten auf ganz unterschiedliche Weise zum Ausdruck. 

Nahaufnahme Gesicht Affe
Quelle: Robert Sachowski auf unsplash

In Ihrem Buch erläutern Sie sehr anschaulich, dass wir häufig die falschen Maßstäbe an andere Tiere anlegen. 

Der Spiegeltest galt lange als Goldstandard zur Messung von Ich-Bewusstsein. Tieren, die sich im Spiegel nicht selbst erkannten, sprach man diese Fähigkeit kurzerhand ab – Hunden und Wölfen zum Beispiel. Dahinter steckt jedoch eine sehr menschenzentrierte Annahme: dass Sehen die wichtigste Möglichkeit ist, sich von anderen zu unterscheiden. 

Doch Hunde orientieren sich vor allem am Geruch. Als Forschende deshalb einen „Geruchsspiegel“ entwickelten und Hunden ihren eigenen Geruch zusammen mit veränderten Duftproben präsentierten, erkannten die Tiere den Unterschied eindeutig. Das Problem waren also nicht die Hunde – sondern der Test. 

Das Gleiche gilt für die Intelligenzforschung. Jahrzehntelang haben wir gefragt, ob Tiere Aufgaben lösen können, die typisch menschliche Fähigkeiten voraussetzen – Sprache, symbolisches Denken, abstrakte Problemlösung. Zugleich haben wir sie oft unter künstlichen Laborbedingungen untersucht und völlig ignoriert, wie der Stress und die soziale Isolation in einer fremden Umgebung auf sie wirken. 

Sobald wir nicht mehr fragen, ob andere Arten so denken wie wir, sondern wie sie sich in ihren eigenen Lebenswelten zurechtfinden, verändert sich das Bild grundlegend. Dann entdecken wir Formen von Intelligenz, die keine minderwertigen Varianten unserer eigenen sind, sondern auf einzigartige Weise zu den Herausforderungen ihres jeweiligen Lebens passen.  

Sie behaupten aber nicht, Menschen und andere Tiere seien identisch. 

Das stimmt. Wir sollten Einzigartigkeit nicht mit Exzeptionalismus verwechseln. Jede Art – auch unsere eigene – ist auf ihre Weise einzigartig. Der Mensch besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit, seine Umwelt zu verändern. Doch auch die Echoortung der Fledermäuse, das dezentrale Nervensystem der Kraken oder die erstaunliche Problemlösungskompetenz von Schleimpilzen sind außergewöhnlich. Die Einzigartigkeit des Menschen bedeutet nicht, über allem anderen Leben zu stehen. Darin liegt unser Denkfehler. 

Sie sagen: Die Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren wird immer durchlässiger – und damit verschwimmt auch die Grenze, die wir um uns selbst ziehen. 

Die Biologie legt zunehmend nahe, dass wir eher Prozesse als klar voneinander abgegrenzte Wesen sind. Unsere Körper sind Ökosysteme, geprägt von unzähligen Wechselwirkungen mit Mikroorganismen und anderen Lebewesen. Besonders anschaulich wird das während einer Schwangerschaft: Wo endet das eine Individuum – und wo beginnt das andere? 

Die Evolutionsbiologie zeigt uns, dass wir Zweige am weit verzweigten Baum des Lebens sind. Die Ökologie macht deutlich, dass wir nur in und durch Beziehungen existieren. Und auch die Psychologie weist darauf hin, dass unser Empfinden, ein festes, unabhängiges Selbst zu sein, zumindest teilweise eine Konstruktion ist. 

Was gewinnen wir, wenn wir aufhören, uns als grundsätzlich getrennt von anderen Lebensformen zu verstehen? 

Sehr viel. Wir fühlen uns weniger einsam, weil wir erkennen, dass wir Teil einer viel größeren Gemeinschaft des Lebens sind. Wir werden neugieriger und staunen mehr über andere Arten. Und im besten Fall werden wir demütiger. Demut bedeutet nicht, schlechter von uns selbst zu denken, sondern die erstaunlichen Gaben und Einsichten wertzuschätzen, die andere Lebewesen uns schenken können. 

Ehrfurcht, Demut, Zugehörigkeit, Beziehung. Das sind für Buddhistinnen und Buddhisten vertraute Themen. Wie kommen Sie auf dem Weg der Naturwissenschaft dorthin? 

Die Wissenschaft hat den menschlichen Exzeptionalismus zugleich gestützt und untergraben. Das ist eine der spannenden Ironien, die ich in meinem Buch untersuche. Grundlegende wissenschaftliche Annahmen – etwa die Vorstellung eines distanzierten Beobachters, eines atomisierten Individuums oder einer Natur als Maschine – haben uns darin bestärkt, uns als getrennt von der lebendigen Welt zu verstehen. 

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst aber erzählen eine andere Geschichte. Evolutionsbiologie, Ökologie, Mikrobiologie und Psychologie weisen immer wieder auf Kontinuität, wechselseitige Abhängigkeit und Beziehungen hin. Wir haben wissenschaftliche Objektivität mit Getrenntsein verwechselt. Doch keine Wissenschaftlerin und kein Wissenschaftler steht außerhalb der lebendigen Welt, die sie oder er zu verstehen versucht. Wenn uns das klar wird, hören Ehrfurcht und Demut auf, moralische Ideale zu sein. Sie werden zu angemessenen Antworten auf die Welt, wie sie tatsächlich ist. 

Group of different animals on transparent background
Artenvielfalt, Quelle: Shutterstock

Was bedeutet das für die ökologische Krise? 

Klimawandel, Artensterben und die Zerstörung von Lebensräumen sind schwerwiegende, konkrete Probleme. Zugleich liegt ihnen eine tiefere Geschichte zugrunde – nämlich die Frage, für wen wir uns selbst halten. Wenn wir uns als von der Natur getrennt verstehen, werden Wälder zu Holz, Flüsse zu Ressourcen und Tiere zu Nutztieren.  

So gesehen ist die ökologische Krise eine Beziehungskrise. Wir diskutieren unablässig über fossile Brennstoffe, Treibhausgasemissionen und Überkonsum. Doch nur selten hinterfragen wir das Weltbild, das all dies überhaupt erst möglich gemacht hat. Der menschliche Exzeptionalismus prägt unsere Wirtschaft, Politik, Bildung, unser Rechtssystem und auch die Wissenschaft. Ich halte ihn für eine der einflussreichsten – und am wenigsten hinterfragten – Überzeugungen der modernen Welt.  

Was müsste sich verändern? 

Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen – vielleicht vor allem in unserem Ernährungssystem, aber ebenso in Politik, Wirtschaft, Bildung und Recht. In vielen industrialisierten Ländern gelten Menschen als Rechtspersonen, andere Arten dagegen als Sachen oder Eigentum. Bewegungen wie Rights of Nature setzen sich deshalb dafür ein, auch anderen Lebensformen eigene Rechte zuzuerkennen. 

Das würde auch unsere Wirtschaftsweise verändern. Heute sprechen wir Wäldern und Bäumen meist erst dann einen Wert zu, wenn wir sie fällen. Eine ökologischere Wirtschaft würde ihren Wert gerade darin sehen, dass sie lebendig sind und es ihnen gut geht. Auch unser Alltag würde sich verändern. Wir würden aufmerksamer werden, das Leben um uns herum bewusster wahrnehmen und unsere Entscheidungen vielleicht mit etwas mehr Sorgfalt, Neugier und Dankbarkeit treffen. 

Ein Satz aus der Degrowth-Bewegung beschäftigt mich sehr: „Es geht nicht um weniger, sondern um mehr von dem, was wirklich zählt.“ In einer Welt jenseits des menschlichen Exzeptionalismus werden wir manches hinter uns lassen müssen. Doch wir gewinnen unendlich viel. 

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass wir dorthin gelangen? 

Der menschliche Exzeptionalismus ist nicht angeboren. Wir erlernen ihn kulturell. Er ist eine Geschichte, die wir übernehmen. Und Geschichten können sich verändern. An meinen Studierenden erlebe ich immer wieder, wie sie innerhalb eines einzigen Semesters beginnen, die tief verwurzelte Überlegenheitserzählung zu verlernen. Besonders beeindruckt mich, dass sie dabei oft nicht das Gefühl haben, eine völlig neue Sichtweise zu erwerben. Vielmehr finden sie zu etwas Älterem und Tieferem zurück: einer angeborenen Neugier, einem kindlichen Staunen und dem Gefühl, Teil einer größeren Gemeinschaft des Lebens zu sein. 

Gleichzeitig erfüllt mich die ökologische Krise mit großer Sorge. Alles andere wäre naiv. Hoffnung wird jedoch häufig missverstanden. Sie ist nicht dasselbe wie Optimismus. Optimismus und Pessimismus sind Vorhersagen über die Zukunft. Hoffnung ist die Bereitschaft, sich trotz aller Ungewissheit weiterhin einzubringen und mitzugestalten. In diesem Sinne ist Hoffnung eng mit Demut verbunden. Beide beginnen mit der Einsicht, dass wir nicht alles wissen. 

Mit welcher Einsicht möchten Sie uns aus der Lektüre Ihres Buches entlassen? 

Ich hoffe, mein Buch hilft dabei, zu erkennen, wie stark der menschliche Exzeptionalismus unsere Sprache, unsere Institutionen und unseren Alltag prägt. Hat man das einmal verstanden, entdeckt man es überall. 

Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir erfahren: Unsere Menschlichkeit schrumpft nicht, wenn wir das Überlegenheitsdenken loslassen. Im Gegenteil: Sie wird größer und reicher. Alles Leben – auch das menschliche – gewinnt an Heiligkeit. Die Welt erscheint lebendiger, erfüllt von Bewusstsein und Klugheit. Es ist eine Wiederverzauberung der Welt, fast wie Magie: dieselbe Welt – und doch sehen wir sie mit anderen Augen. 

Ich habe diesen Wandel bei meinen Studierenden erlebt. Und ich habe ihn auch bei mir selbst erfahren. Das ist meine größte Hoffnung für die Leserinnen und Leser meines Buches. 

Danke für das Interview! 

Zum Weiterlesen 

Christine Webb: „Der arrogante Affe – Warum wir aufhören müssen, uns für etwas Besonderes zu halten“, Ullstein 2026  

In ihrem Buch zeigt die Primatologin anhand aktueller Forschung, warum die Vorstellung einer scharfen Grenze zwischen Mensch und Tier wissenschaftlich immer schwerer aufrechtzuerhalten ist – und weshalb ein neues Verständnis unserer Stellung in der Natur dringend nötig erscheint. 

Christine Webb

forscht an der Harvard University sowie an der New York University zum Sozialverhalten, der Kognition und den Emotionen nichtmenschlicher Primaten. In ihrem neuen Buch „Der arrogante Affe“ verbindet sie Erkenntnisse aus der Primatologie, der Verhaltensbiologie und der Evolutionsforschung zu einer grundlegenden Kritik der Vorstellung, Menschen stünden jenseits der übrigen Natur.

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