Editorial der Ausgabe 2026/4
Liebe Leserinnen und Leser,
die Arbeit an dem Schwerpunktthema „Übergänge“ hat mir einmal mehr klargemacht, dass es im Leben nichts, aber auch überhaupt nichts gibt, was nicht Übergang wäre. Wer mit der buddhistischen Philosophie vertraut ist, weiß das natürlich eigentlich. Alles fließt, alles ist dem Wandel, der Vergänglichkeit und dem Umbruch unterworfen. Kommen und Gehen, Geburt, Sterben, Tod und Geburt schließen – jedenfalls hier, jenseits des Erwachens, wo ich lebe – nichts und niemanden aus.
Doch wie so häufig klafft zwischen eigentlichem Wissen und einem Wissen, das uns als Menschen vollständig durchwirkt – dem Verstehen mit dem ganzen Leben – eine Lücke, die sich erkunden lässt.
So ist mir beim Nachdenken aufgefallen, wie widerstandslos ich manche Übergänge schätze und begrüße. Dass Menschen den Tieren nicht als andere Kategorie gegenüberstehen, sondern dass wir Tiere sind, nur graduell verschieden von anderen Lebensformen mit Gehirnen und Gefühlen und Fell irgendwo und sozialen und weniger sozialen Verhaltensweisen – das in seiner gesamten philosophischen und ethischen Tragweite zu entdecken, gehört zu den großen Freuden meines Lebens. Mich draußen in der Natur in den Flug der Vögel hineinzuversetzen, dem Erleben einer Wespe nachzuspüren oder die Sehnsucht der Bäume wahrzunehmen, die, kaum ergrünt, schon Blüten bilden und dann sofort Früchte und Samen – dieser Wunsch nach Selbstausdruck. Dass wir in Kreisläufe eingebunden sind, schon wieder ein Sommer, ein Herbst, immer gleich, immer verschieden. Dass mein Patensohn erwachsen wird und beginnt, anders zu denken und zu sprechen; eine Abgeklärtheit und Reflektiertheit zieht in ihn ein, die ich in genau dieser Form nie vorhergesehen hätte – wie spannend.
Und da sind wir auch schon bei den anderen, den schwierigen Übergängen. Wohin ist das Kind verschwunden, mit dem ich in den Berliner Hinterhöfen auf Abenteuerstreifzüge gehen konnte? Den Jungen von damals werde ich, außer in meiner Erinnerung, nie wieder treffen. Meine Mutter wird dieses Jahr 98 Jahre alt. Wie sehr habe ich mich daran gewöhnt, dass sie einfach immer da ist – lesend, lebensklug, interessiert, hilfsbereit. Wie viele Menschen waren mir einmal nah und gegenwärtig und sind inzwischen gestorben oder aus meinem Leben verschwunden.
Zu verlieren, was gut ist – freundliche Menschen, Teile der Gesundheit, gesellschaftlichen Optimismus, das Zutrauen in sich, dass man es schon mit jeder Schwierigkeit in diesem Leben aufnehmen wird: Wie tief muss das Wissen um Vergänglichkeit und die Übergangsnatur jeder Lebenserfahrung reichen, damit das nicht mehr schmerzt?
„Alles ist Bardo“, schreibt Geshe Sönam Namgyäl in seinem Beitrag für diese Ausgabe, nüchtern, akzeptierend. „Man kommt an – und dann geht es weiter“, sagt Dharmasara, Leiter des Buddhistischen Tors in Berlin, im Gespräch. Da ist einer aufgebrochen, hat gefunden, was ihm wichtig wurde, hat sich gebunden – und ist doch immer wieder weitergegangen. Ankommen und Weiterziehen verlieren bei ihm ihren Gegensatz.
Ajahn Chah hält eine Ansprache an eine sterbende Frau – und es geht nicht mehr darum, ob wir Veränderung interessant finden oder willkommen heißen, sondern um das Loslassen unserer gesamten Existenz und aller vertrauten Menschen.
Etwas mit dem ganzen Leben verstehen bedeutet, dass die großen philosophischen Einsichten des Buddhismus in einem bestimmten Leben ankommen, einem bestimmten Moment. In meinem, deinem, Ihrem Augenblick. In diesem Abschied. Diesem Umbruch. Dieser Freude. Diesem Schmerz.
Herzlich grüßen das Redaktionsteam von Buddhismus aktuell und
Susanne Billig
Redaktionsleitung
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Susanne Billig
Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.


