Die Würde des Menschen beschützen

Ein Beitrag von Bhikkhu Bodhi übersetzt von Susanne Billig veröffentlicht in der 2-2026 Macht unter der Rubrik Aktuell.

Am 6. Mai 2025 hielt der Ehrwürdige Bhikkhu Bodhi die Hauptrede auf der Feier des Internationalen Vesakh-Tages der Vereinten Nationen in Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam. In seiner Mailantwort auf die Bitte der Redaktion, die Rede 2026 abzudrucken, wünscht er sich unbedingt eine ungekürzte Publikation – auch und gerade, weil er sich darin zum Thema Gaza zu Wort meldet. Für die Menschen dort bleibe die Lage auch nach dem inzwischen vereinbarten offiziellen Waffenstillstand äußerst prekär. „Ich weiß, dass das ein äußerst sensibles Thema in Deutschland und anderen westlichen Ländern ist“, schreibt er. „Dennoch glaube ich, dass wir nicht schweigen können, während Schrecken dieses Ausmaßes vor unseren Augen geschehen.“

Die Bedeutung der Menschenwürde 

Es ist schwer, eine einfache Definition von Menschenwürde zu finden, mit der alle einverstanden sind. Menschenwürde ist ein Konzept, das wir eher intuitiv verstehen als durch eine formelle Definition. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beginnt mit der Feststellung, dass „alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren werden“. Anschließend werden die Rechte aufgeführt, die aus dem Gedanken der Menschenwürde abgeleitet werden, allen voran das Recht auf Leben, Freiheit und persönliche Sicherheit, das Recht auf Gedanken- und Meinungsfreiheit. Die Menschenwürde zu verletzen, das geschieht unter anderem, wenn man andere ausbeutet und unterdrückt, ihnen Folter und erniedrigende Strafen zufügt und sie wegen ihres sozialen Status, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder Geschlechtsidentität demütigt. Die Idee der Menschenwürde beinhaltet, dass jede Person einen inhärenten Wert besitzt und daher Respekt und Berücksichtigung verdient. Selbst Gefangene haben bestimmte Rechte, die die Behörden anerkennen müssen. 

Porträt Bhikkhu Bodhi
Bhikkhu Bodhi

Die buddhistischen Texte bringen den Gedanken der Menschenwürde nicht ausdrücklich zur Sprache, aber ich würde sagen, dass er indirekt in den buddhistischen Prinzipien vorhanden ist. Diese Prinzipien lehren uns, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten. Wir sollten sie nicht töten, ihr Eigentum stehlen, sie verleumden oder auf irgendeine Weise verletzen, denn jeder Mensch schätzt sein eigenes Leben, seine Sicherheit und sein Wohlergehen. Die Tugenden der Freundlichkeit und des Mitgefühls, die im Buddhismus zentral sind, unterstreichen die Menschenwürde ebenfalls. 

Das Abgleiten in den moralischen Nihilismus 

Welche Faktoren wirken heute so in der Welt, dass sie die Menschenwürde bedrohen und uns in Richtung eines moralischen Nihilismus drängen? Es sind all jene Verhaltensweisen, die davon ausgehen, dass Menschen keinen inhärenten Wert haben und daher ohne schlechtes Gewissen erniedrigt, ausgebeutet, gefoltert und sogar getötet werden können. 

(1) Der erste Faktor ist das transnationale Wirtschaftssystem, das von einem unregulierten, räuberischen Kapitalismus angetrieben wird. Dieses System beruht auf der Prämisse, dass das Ziel eines Unternehmens darin besteht, Gewinne zu maximieren. Dieses Paradigma betrachtet alle nicht monetären Vermögenswerte – Land und Flüsse, Mineralien und Bäume, Tiere und Menschen – lediglich als Mittel, um finanzielle Vorteile zu erzielen. Die enormen Gewinne bereichern die Führungskräfte und Investoren, bringen jedoch vielen Menschen außerhalb dieser privilegierten Kreise Elend und Verzweiflung. 

Öl- und Chemieunternehmen verschmutzen unsere Umwelt und verdrängen indigene Völker von ihrem angestammten Land. Fast-Food-Ketten nutzen Arbeiterinnen und Arbeiter ohne angemessene Bezahlung aus und feuern sie, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, auf höchstem Niveau zu arbeiten. Pharmaunternehmen treiben die Medikamentenpreise so weit in die Höhe, dass viele Menschen sich die Medikamente, die sie zum Überleben benötigen, nicht leisten können. 

Der Unternehmenskapitalismus schafft einen tiefen Graben zwischen den Superreichen und allen anderen. Heute besitzen ein Prozent der Weltbevölkerung 43 Prozent des Wohlstands; die unteren 50 Prozent besitzen etwa ein Prozent. Diese extreme Ungleichheit hat schädliche Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit. Menschen am unteren Ende der Skala verlieren ihr Selbstwertgefühl, und viele fallen dem „Tod der Verzweiflung“ durch Alkoholismus, Drogenmissbrauch, schlechte Gesundheit und Suizid zum Opfer. 

(2) Ein zweiter Faktor, der zum moralischen Nihilismus beiträgt, ist die heutige invasive Rolle der Computertechnologie in unserem Leben. Das Internet hat uns immense Vorteile gebracht und bedroht zugleich auf ernste Weise die Menschenwürde. Diejenigen, die dort verwendeten Systeme beherrschen, können innerhalb von Sekunden Milliarden persönlicher Daten über uns sammeln. Sie können diese Informationen nutzen, um unsere politischen Ansichten zu beeinflussen, unsere Konsumentscheidungen zu ändern, unsere Berufschancen zu schädigen und unseren rechtlichen Status zu zerstören. Computertechnologie selbst ist ein wertvolles Gut, aber wenn wir die elektronischen Medien nicht richtig regulieren, wird man sie gegen uns verwenden und sogar zu Werkzeugen totalitärer Kontrolle machen. 

Das Internet bietet angehenden Autokraten auch einen einfachen Weg zur Macht. Tweets und andere Sofortnachrichten können wütende Menschenmassen aufwiegeln, Gewalt entfachen und die Chancen eines rivalisierenden Politikers zunichte machen. Lügen schallen durchs Internet und man wiederholt sie so oft, bis wir sie für Fakten nehmen. 

(3) In den letzten Jahren haben sich mehrere große Demokratien in rechtsextreme Autokratien verwandelt. Autoritäre Politikerinnen und Politiker gelangen häufig an die Macht, indem sie ihre Basis, die sie „die wahren Menschen“ nennen, gegen diejenigen aufhetzen, die sie als Sündenböcke behandeln: Einwanderer, homosexuelle und Transmenschen, Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen und Anhänger der „falschen Religion“. Wer autoritäre Macht innehat, kann seine Opfer inhaftieren, deportieren oder „verschwinden lassen“. Nach jahrzehntelangem Kampf im Untergrund feiert der Faschismus ein Comeback. Er wird zwar nun in eine sanftere Sprache gefasst, versucht aber dennoch, seine Anhängerinnen und Anhänger mit den altbekannten Appellen für sich zu gewinnen – an rassistische Vorurteile, wirtschaftliche Ängste und das fanatische Bedürfnis, vermeintliche Feinde zu bestrafen. 

Viele Kommentatoren haben bereits darauf hingewiesen, dass die Demokratie fragil ist und wir sie wachsam verteidigen müssen. Wenn wir nicht vorsichtig sind, könnten wir uns in einer auf den Kopf gestellten Welt wiederfinden, in der Menschen ihre Peiniger als ihre Retter bejubeln. 

Kinder in Kriegstrümmern
Im Gaza-Streifen, Bild: Unsplash, Mohammed Ibrahim

(4) Der vierte Faktor, der zum moralischen Nihilismus führt, sind die Kriege der Gegenwart. Jeder Krieg verletzt die Menschenwürde, aber die gegenwärtigen Kriegspraktiken verletzen die grundlegendsten Standards der Menschlichkeit. Länder im Krieg zerstören heute absichtlich Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Kraftwerke. Sie entführen Kinder und foltern Gefangene. Sie massakrieren Zivilistinnen und Zivilisten, posten Fotos ihrer Opfer auf Social Media und nennen zivile Opfer beiläufig „Kollateralschäden“. Die internationalen Vereinbarungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg formuliert wurden, definieren die völkerrechtlichen Grenzen militärischen Handelns im Krieg. Doch heute treten Regierungen diese Regeln mit Füßen und versetzen die Leitplanken, die die globale moralische Ordnung aufrechterhalten. 

Was diese vier Trends als Formen moralischen Nihilismus qualifiziert, ist das allen gemeinsame Projekt der Entmenschlichung. Um Niedriglohnarbeiterinnen und -arbeiter auszubeuten, muss man vorgeben, sie hätten keine menschlichen Bedürfnisse. Um die persönlichen Daten anderer zu sammeln, muss man die realen Menschen hinter den Daten ignorieren. Um an die Macht zu gelangen, indem man die Verwundbaren angreift, muss man sie als legitime Ziele des Hasses behandeln. Um Zivilisten zu töten und Gefangene zu foltern, muss man sie zuerst entmenschlichen. 

Daraus folgt: Der Schlüssel zur Bekämpfung des moralischen Nihilismus ist die Bekräftigung der Menschenwürde. Wir müssen das Licht auf die Menschlichkeit der Gefährdeten richten. Wir müssen uns in anderen erkennen, sie in unser Herz schließen und mutig für ihren Schutz eintreten. 

Sechs Säulen einer würdevolle Gesellschaft 

Wie müsste eine Gesellschaft beschaffen sein, die – im Einklang mit den buddhistischen Lehren – in der heutigen Welt in der Lage ist, die Menschenwürde aufrechtzuerhalten und zu fördern? Um den Kräften entgegenzutreten, die der Menschenwürde feindlich gesinnt sind, reicht es nicht aus, nur auf die Gefahren hinzuweisen, denen wir ausgesetzt sind. Wir müssen auch eine alternative Vision für unser gegenwärtiges System vorlegen, ein Modell einer sozialen Ordnung, die die Menschenwürde bekräftigt – für eine Welt, die gut ist für uns alle. 

Bhikkhu Bodhi mit Blume

Bhikkhu Bodhi beim Friedensmarsch in Israel

Für eine solche Vision schlage ich sechs Säulen einer das Ideal der Menschenwürde verkörpernden sozialen Ordnung vor. 

(1) Die erste Anforderung ist eine Welt mit einer sicheren, schönen, blühenden natürlichen Umwelt – eine Welt, in der wir die Gefahren der ungebremsten Klimaveränderungen und der industriellen Verschmutzung vermeiden. Um eine solche Welt zu verwirklichen, müssen wir giftige Abfälle eindämmen und schnell auf saubere und erneuerbare Energiequellen umsteigen, um deren Vorteile mit allen Menschen auf diesem Planeten zu teilen. Wir müssen entschlossene Anstrengungen unternehmen, um andere Arten neben dem Menschen zu schützen, damit wir Wälder, Dschungel, Seen und ein lebendiges Tierreich bewahren. 

(2) Eine sichere Welt wäre auch eine Welt des Friedens, in der wir nicht mehr auf Krieg zurückgreifen, um Spannungen zu lösen. Konflikte zwischen Ländern sollten durch Diskussion, Mediation und Kompromiss gelöst werden, wobei die Vereinten Nationen die geeignete Plattform für solche Verhandlungen sind. Wir müssen das Ziel einer vollständigen Abschaffung von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen verfolgen. 

(3) Im sozialen Bereich sollten wir auf eine Welt mit echter demokratischer Regierungsführung hinarbeiten, in der die Bürgerinnen und Bürger die Macht haben, Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben betreffen. Eine gesunde Demokratie würde strenge Gesetze erlassen, die es Unternehmen und Superreichen verbieten, Wahlen durch Wahlkampfspenden und Interessenverbände zu beeinflussen. Die Regierung sollte den Willen des Volkes widerspiegeln und nicht den riesiger Firmen und Milliardäre, die nach noch mehr Reichtum und Macht streben. 

(4) Zu einer gerechten sozialen Ordnung gehört, dass ein angemessener Lebensstandard für alle im Land lebenden Menschen gesichert ist, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Die perfekte Gleichheit an Wohlstand und Einkommen ist ein unerreichbares Ideal, aber alle Bürgerinnen und Bürger sollten in der Lage sein, ihre grundlegenden materiellen Bedürfnisse zu befriedigen: ein Zuhause, nahrhafte Lebensmittel, Kleidung und Gesundheitsversorgung. Forschende haben festgestellt, dass die materiell gerechtesten Gesellschaften auch die glücklichsten sind; diejenigen mit der größten Ungleichheit hingegen sind am gewalttätigsten und leiden unter den stärksten Spannungen. 

(5) In einer lebendigen Demokratie müssen die Bürgerinnen und Bürger eine umfassende Bildung erhalten, die sie auf ihre staatsbürgerlichen Pflichten vorbereitet. Schulen sollten Pflichtfächer in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in Ethik und in der politischen Bildung vorsehen und kritisches Denken systematisch fördern. Regierungen sollten die Hochschulbildung großzügig unterstützen und Stipendien für bedürftige Studierende bereitstellen, sodass alle von einer vertieften Ausbildung profitieren können. 

(6) Wir müssen Geschlechtergleichheit auf allen Ebenen der Gesellschaft herstellen, damit Frauen ihr volles Potenzial entfalten können. In Bezug auf die buddhistische Ordensgemeinschaft sollten die Ordensverantwortlichen der Bhikkhuni-Sangha volle Anerkennung zuteilwerden lassen und Schritte unternehmen, um die Ordination von Bhikkhuni in ihren jeweiligen Traditionen zu ermöglichen. Es gibt im Vinaya Wege, um die Ordination von Bhikkhuni zu legitimieren, und mit einem offenen und beweglichen Geist können wir solche Wege beschreiten. 

Die Verwirklichung der Menschenwürde heute 

Welche Werte benötigen wir für eine soziale Ordnung, in der die Menschenwürde vollumfänglich anerkannt ist? Ich spreche hier von „achtsamem Mitgefühl“, das in der buddhistischen Ethik verwurzelt ist. Achtsames Mitgefühl ist nicht einfach passives Mitfühlen mit dem Leiden anderer, sondern ein aktives Bekenntnis, gegen Systeme der Unterdrückung aufzustehen und nach Alternativen zu streben, die das Allgemeinwohl fördern. 

Der zentrale Wert des achtsamen Mitgefühls ist Solidarität, die Fähigkeit, sich mit anderen zu identifizieren. Solidarität entspringt dem Verständnis der grundlegenden Einheit aller Menschen, der Einsicht, dass alle Menschen wohlauf, glücklich und sicher sein möchten; dass wir alle frei von Gewalt und Leid sein wollen. Solidarität führt zu Liebe und Mitgefühl: Liebe als aktives Bestreben, das Wohlergehen anderer zu fördern; Mitgefühl als das Bestreben, Menschen und andere fühlende Wesen vom Leiden zu befreien. Als buddhistische Führungspersönlichkeiten sollten wir nicht still am Rande stehen. Stattdessen müssen wir die Forderungen stellen, die jetzt zu stellen sind. Wir müssen unsere Stimme finden und für Frieden und Gerechtigkeit nutzen. 

Für den Erfolg des achtsamen Mitgefühls benötigen wir noch eine weitere Qualität, nämlich Mut, der den paramitas Energie (viriya) und Entschlossenheit (adhitthana) entspricht. In der Arbeit des achtsamen Mitgefühls bedeutet Mut die Bereitschaft, dem Ruf des Gewissens zu folgen, mutig zu handeln, ohne Angst zu haben, im Namen all derer, deren Leben und Würde bedroht sind. Achtsames Mitgefühl besteht nicht nur darin, nett oder freundlich zu sein. Es erfordert den Mut zu kämpfen, sanft und gewaltlos, für Prinzipien, die im Einklang mit Liebe und Mitgefühl stehen. Es erfordert die Bereitschaft zu handeln, selbst auf großes persönliches Risiko hin. 

Mutig die eigene Stimme einsetzen 

Ich möchte meinen Vortrag mit einigen zusätzlichen Bemerkungen abschließen. Zunächst sollte ich sagen, dass ich in diesen Bemerkungen meine eigene persönliche Sichtweise äußere. Ich vertrete weder den UN-Ausschuss für den Vesakh-Tag noch die Regierung von Vietnam oder eine andere Organisation. 

Ich möchte abschließend einen Blick auf eine Region der Welt werfen, die man als Epizentrum des Konflikts zwischen den Kräften des moralischen Nihilismus und unserer Verpflichtung zum Schutz der Menschenwürde bezeichnen könnte. Ich spreche vom Gazastreifen, wo gerade jetzt ein schrecklicher Genozid im Gange ist, eine brutale Kampagne der Vernichtung, die für uns in Echtzeit auf Fernsehern und Computerbildschirmen sichtbar ist. An dieser Schnittstelle sollte uns unser Bekenntnis zur Menschenwürde zu einem unermüdlichen Kampf gegen die Kräfte des moralischen Nihilismus bewegen, die ihre Verwüstungskampagne mit glatter Diplomatie und Arsenalen der tödlichsten Waffen führen. 

Die Reaktionen Israels auf den furchtbaren Angriff der Hamas von 2023 haben alle ethischen Grenzen überschritten und drohen, die auf internationalem Recht und Menschenrechten basierende globale Regelordnung zu zerschmettern. In nur achtzehn Monaten hat Israel über 55.000 Menschen im Gazastreifen getötet, fast 70 Prozent davon Frauen und Kinder. Seine Bomben haben Häuser, Krankenhäuser, Hilfseinrichtungen und Universitäten in Staub verwandelt; seine Truppen haben Lehrerinnen und Lehrer, Ärztinnen und Ärzte, Journalistinnen und Journalisten und Mitarbeitende von Hilfsorganisationen kaltblütig hingerichtet. Seit zwei Monaten hat Israel eine vollständige Blockade über den Gazastreifen verhängt. Eine komplette Blockade bedeutet: kein Essen, kein sauberes Trinkwasser, keinen Strom, keine medizinische Ausrüstung. 

Ältere Menschen in Vietnam wissen, wie es ist, täglich bombardiert zu werden und wenn man nicht weiß, ob man selbst oder die eigenen Angehörigen morgen noch leben werden. Die Menschen im Gazastreifen stehen nun vor einem ähnlichen Elend. Dort kann es passieren, dass man gleich zwanzig Angehörige durch einen einzigen Raketenangriff ausgelöscht sieht. Kinder haben Arme und Beine verloren. Sie haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, und ihre ganze Familie wird absichtlich ausgehungert. Wie können wir das tolerieren? 

Bitte denken Sie daran, dass ich diese Krise nicht in erster Linie als politische Frage betrachte. Ich sehe sie als eine Frage der humanitären Ethik. Wir stehen einer Vernichtungskampagne gegenüber. Sie hat die Tür zu einem moralischen Chaos aufgestoßen und die Idee der Menschenwürde zerstört. Der Genozid im Gazastreifen sollte unser Gewissen brennen lassen und uns zum Handeln bewegen – zum Schutz eines Volkes, dessen Menschlichkeit erniedrigt und gewaltsam zerbrochen wird.  

Ich weiß, das sind starke Worte, aber ich spreche als ein Mensch jüdischer Herkunft, geboren und aufgewachsen in einer jüdischen Familie in Brooklyn, New York. Ich habe festgestellt, dass buddhistische Führungspersönlichkeiten endlos von Mitgefühl, Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde sprechen, aber wenn es darum geht, den Genozid Israels gegen die Palästinenserinnen und Palästinenser zu kritisieren, scheinen sie ihre Stimme zu verlieren. 

Ich weiß nicht, ob das aus Angst oder Gleichgültigkeit geschieht, aber wir müssen mutig sein. Als buddhistische Verantwortliche sollten wir nicht still am Rand stehen. Stattdessen müssen wir die Forderungen stellen, die jetzt zu stellen sind. Wir müssen unsere Stimme finden und nutzen für Frieden und Gerechtigkeit. Wir müssen darauf bestehen, dass Israel die Gewalt gegen das Volk Gazas beendet, und wir müssen das Bestreben des palästinensischen Volkes nach einem autonomen, souveränen Staat mit voller Vertretung bei den Vereinten Nationen unterstützen. 

Wir sollten uns daran erinnern, dass ein Angriff auf die Menschenwürde einer Gemeinschaft einen Angriff auf die Würde aller darstellt. Indem wir uns mit dem palästinensischen Volk solidarisieren, zeigen wir unser Mitgefühl, unseren Mut und unser Bekenntnis zur Menschlichkeit. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Lassen Sie mich mit den besten Wünschen für alle zu einer freudvollen Vesakh-Feier schließen. Mögen die Segnungen der heiligen drei Juwelen mit Ihnen sein. 

Bhikkhu Bodhi

BHIKKHU BODHI ist buddhistischer Mönch US-amerikanischer Nationalität, geboren in New York City im Jahre 1944. Nach Promotion im Fach Philosophie an der Claremont Graduate School ging er nach Sri Lanka um dem Saṅgha beizutreten. Sein Noviziat begann 1972, 1973 wurde ihm die höhere Ordination zu teil. Beides geschah unter dem bekannten Mönchsgelehrten, dem ehrwürdigen Balangoda Ānanda Maitreya, mit dem er Pāli und den Dhamma studierte. 1975 zog er zu Nyānaponika Mahāthera in die Forest Hermitage bei Kandy. 2002 kehrte er in die USA zurück und lebt und lehrt seither im Bodhi Monastery und Chuang Yen Monastery. Er ist Autor mehrerer Arbeiten über den Theravāda-Buddhismus, darunter Neu-Übersetzungen großer Teile des Suttapiṭaka und der zugehörigen Kommentare. Er war langjährig Redakteur und Präsident der Buddhist Publication Society. Bhikkhu Bodhi ist Gründer und Vorsitzender des Buddhist Global Relief.

Alle Beiträge Bhikkhu Bodhi