Alles ist Bardo

Ein Beitrag von Geshe Sönam Namgyäl veröffentlicht in der 4-2026 Übergänge unter der Rubrik Schwerpunkt Übergänge.

Bardo wird oft als Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt verstanden. In einigen Traditionen des tibetischen Buddhismus bezeichnet der Begriff jedoch viel mehr: Unser ganzes Leben besteht aus Übergängen. Geshe Sönam Namgyäl über den bewussten Umgang mit Wachsein, Träumen und Meditation als Schlüssel zu einem glücklichen Leben – und Sterben.

Was hat es mit dem Begriff „Bardo“ auf sich? Mit Bar drückt man aus, dass man sich irgendwo zwischen zwei Punkten aufhält, weder am einen Ende noch am anderen. Das deutsche Wort „Zwischenzustand“ gibt gut wieder, was mit Bardo gemeint ist.

In Buddhismus kann sich der Begriff auf verschiedene Kontexte beziehen. Geht es um die „sechs Bardos“, so meint man damit verschiedene Phasen im Verlauf unserer Existenz, die alle ein Übergang sind. Aus Sicht der Lehre von den sechs Bardos befindet man sich stets im Übergang – von einer gerade durchlaufenen Phase zur jeweils folgenden. Der gesamte Prozess vom Annehmen einer Geburt bis zum Einzug des Bewusstseins in den nächsten Körper ist von den sechs Bardos umfasst. Viele Traditionen verwenden den Ausdruck eingeschränkter und bezeichnen mit Bardo lediglich eine Art Schwebezustand zwischen zwei Leben.

Kunst Bild Figur und Flächen

Bevor wir alle sechs Bardos erklären, gehen wir aus Gründen der Verständlichkeit erst einmal von vier Bardos aus und besprechen:

1. das Bardo dieses Lebens (wörtlich: das Bardo des Geborenwerdens und Verweilens),

2. das Bardo des Sterbens,

3. das Bardo der Dharmata,

4. das Bardo des Werdens.

Das Bardo dieses Lebens und des Sterbens

Das Bardo dieses Lebens beginnt mit dem Moment, in dem das Bewusstsein den Körper dieses Lebens annimmt. Es dauert an, bis der Sterbeprozess unwiderruflich beginnt. in dessen Verlauf lösen sich die groben Ebenen von Körper und Geist schrittweise auf.

In dieser Hinsicht sind Menschen nicht anders als beispielsweise ein Baum: Er wächst aus einem Samen und wird immer größer, bis sich der Prozess umkehrt und er langsam wieder verfällt. Auch bei uns beginnt nach einer Zeit des Wachstums irgendwann der Niedergang. Wenn dann konkret Auflösungsprozesse grober Ebenen von Körper und Geist einsetzen, beginnt auch das Bardo des Sterbens. Innerhalb des Buddhismus schildert vor allem das Vajrayana diese Vorgänge sehr detailliert und unterteilt den Auflösungsprozess in acht Stufen – sie wären ein Thema für einen eigenen Artikel.

In unserem Überblick reicht es, zu erklären, dass das Bardo des Sterbens andauert, bis kurz darauf das sogenannte Klare Licht des Todes beginnt – das „Bardo der Dharmata“. Die Auflösungsprozesse des groben Körpers und des groben Geistes sind zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen, sodass sich das Klare Licht als die subtilste Ebene des Geistes manifestieren kann.

Dieser Moment dauert gewöhnlich nicht sehr lange an und wird schnell abgelöst vom Bardo des Werdens. Das ist jener bereits erwähnte Zwischenzustand, der normalerweise unter dem Begriff des Bardos als Übergang zwischen zwei Leben verstanden wird und so lange andauert, bis ein neues Leben beginnt. Diese Interpretation geht auf den indischen Gelehrten Vasubandhu zurück.

Sechs Bardos

Um von diesen vier auf sechs Bardos zu kommen, unterteilen wir das Bardo dieses Lebens noch etwas feiner in insgesamt drei Bardos:

1. das Bardo des Geborenwerdens und Verweilens

2. das Bardo des Traums

3. das Bardo der Versenkung

Drei der insgesamt sechs Zwischenzustände entfallen nun also auf dieses Leben – was zeigt, wie bedeutsam es ist. Und es sind alle Erlebnisse einer menschlichen Existenz abgedeckt: Im Kontext der sechs Bardos gibt es keine einzige Lebensphase, die kein Zwischenzustand wäre. So lässt sich das gesamte Erlebnisspektrum eines Lebewesens als eine Abfolge von Zwischenzuständen betrachten.

Das Bardo des Geborenwerdens und Verweilens bezeichnet die Wachzeit eines Menschen, das Bardo des Traums die Zeit vom abendlichen Einschlafen bis zum morgendlichen Aufwachen.

Das wichtige Bardo der Versenkung

Für Praktizierende ist das Bardo der Versenkung in Zuständen der Meditation besonders wichtig, weil es die eigene Praxis berührt. Versenkung und meditative Konzentration zielen wesentlich darauf, den eigenen Geist kennen und kontrollieren zu lernen. Der Buddha selbst hat davon gesprochen, dass ein gezähmter, beherrschter Geist Glück bedeutet, während ein unbeherrschter Geist für Leiden sorgt. Wir müssen lernen, zu sehen, wohin sich unser Geist die ganze Zeit bewegt. Gehen die Gedanken, die sich in meinem Geist abspielen, in eine heilsame Richtung oder nicht? Das müssen wir uns eigentlich Tag und Nacht fragen und dabei überprüfen, ob wir gerade Täuschungen folgen. Solange wir diese Art der Praxis nicht durchführen, können wir nicht davon ausgehen, Glück zu erlangen.

In dem Maße, in dem wir den eigenen Geist im jetzigen Leben zu kontrollieren lernen, wird es uns später auch möglich sein, unseren Sterbeprozess, das an seinem Ende stehende Klare Licht und das Bardo des Werdens leidfreier zu erleben – ein guter Verlauf ist uns mit einer gelingenden Praxis gewiss.

Das Bardo der Wachzeit und das Bardo des Traums bilden die Basis des Bardos der Versenkung. Allgemeine Wach- und Schlafphasen müssen wir so nutzen, dass das Bardo der Versenkung tiefgründig werden kann.

Täuschungen erkennen – der Ausgangspunkt des Glücks

Fotomontage Tor und Wolken

Beginnen sollten wir in der wachen Zeit damit, den Geist gut im Blick zu behalten. Wohin bewegt er sich und unter welche Mächte gerät er? Bin ich in verwirrten Zuständen oder kann ich klar denken? Denn wenn wir uns in der Wachphase ständig verwirrten Zuständen hingeben, wird unser Geist das gewohnheitsmäßig auch in den Träumen tun und dort ebenfalls Täuschungen nachgehen wollen. Gerade im Schlaf und im Traum sind wir dafür besonders anfällig.

Dabei halten wir unsere Wahrnehmungen meist für verlässliche Erkenntnisse – ganz gleich, ob wir schlafen oder wachen. Nach dem Erwachen erkennen wir zwar leicht, dass ein Traum lediglich eine Erscheinung war. Die Wahrnehmungen des Wachzustands erscheinen uns dagegen als Wirklichkeit und als schlichte Tatsachen. Wir glauben, die Realität so zu sehen, wie sie ist.

Aber eigentlich gibt es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Wach- und Schlafphasen. In beiden Fällen sitzen wir Täuschungen auf und halten sie für gültige Erkenntnisse. Zumindest wäre das die Betrachtungsweise eines Buddha, eines Erleuchteten, der uns beobachtet. Schlafend und wachend geraten wir aufgrund von Täuschungen in leidenschaftliche Zustände wie Begierde und Hass, unter deren Einfluss es uns selbst nicht gut geht und die uns dazu verleiten, Leid erzeugend zu handeln und uns in schwierige Situationen zu verstricken.

Wenn wir das wissen, können wir uns – zunächst im Wachzustand – daran erinnern und davon abhalten, Täuschungen und aufgerührten Emotionen nachzugehen. Dinge und Menschen sind bei Weitem nicht so festgefügt und eindimensional, wie sie uns oft erscheinen. Eigentlich sind sie leer von den Zuschreibungen unseres wahrnehmenden Bewusstseins. Wir können den Vorsatz fassen, wenigstens in der wachen Zeit Täuschungen nicht eins zu eins für die Realität zu halten.

Mit etwas Übung wird uns das dann auch in unseren Träumen gelingen: Wir werden sie als Täuschungen erkennen und uns nicht mehr so stark von ihnen aufwühlen lassen.

Weitere Informationen

Tibetisches Zentrum Hamburg: tibet.de

Geshe Sönam Namgyäl

begann schon in seinem 16. Lebensjahr, an der Klosteruniversität Sera Jey in Indien zu studieren. Er schloss seine Ausbildung 2015 mit dem höchsten Grad, dem Lharampa-Geshe, ab. Seit 2019 lehrt er am Tibetischen Zentrum Hamburg. Von 2020 bis 2025 leitete er dort das buddhistische Vollzeitstudium Dharma-Kolleg.

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