Über den Tod hinaus – Wie der chinesische Buddhismus Verstorbene begleitet 

Ein Beitrag von Shifu Simplicity veröffentlicht in der 4-2026 Übergänge unter der Rubrik Schwerpunkt Übergänge.

Der Buddhismus hat in den Ländern Asiens über die Jahrhunderte unterschiedliche Rituale der Sterbebegleitung und des Gedenkens entwickelt. Wie geht der chinesische Mahayana-Buddhismus mit Sterbenden und Toten um? Das beschreibt die Nonne in chinesischer Tradition Shifu Simplicity.  

Der chinesische Buddhismus basiert – wie alle buddhistischen Traditionen – auf der Lehre Buddhas. Ihr zufolge endet das Leben nicht mit dem Tod und es hat auch nicht mit der Geburt begonnen. Stattdessen hat es unzählige frühere Leben gegeben und das Bewusstsein eines Menschen wird noch unzählige Male wiedergeboren werden.  

In Samsara, dem Kreislauf der Wiedergeburten, ist eine menschliche Wiedergeburt allerdings keineswegs garantiert. Je nach dem angesammelten Karma kann das Bewusstsein auch in anderen Daseinsbereichen wiedergeboren werden, etwa als Tier, in einer Himmels- oder Höllenwelt oder als hungriger Geist. 

Im Buddhismus spricht man nicht von einer unvergänglichen Seele, da es kein unveränderliches Selbst gibt, sondern einen Bewusstseinsstrom, der sich von Augenblick zu Augenblick verändert – und den viele als ein festes Ich missverstehen. Das Ziel buddhistischer Praxis ist es, aus dem leidhaften Kreislauf der Wiedergeburten auszubrechen und so die Befreiung zu erlangen und Nirvana zu verwirklichen.  

Eine günstige Wiedergeburt 

Dekoration der letzten Zeremonie „Closing the Coffin“
Dekoration der letzten Zeremonie „Closing the Coffin“ vor der
Einäscherung. Der Sarg steht hinter dem Vorhang. Ein Foto des
Verstorbenen und eine gelbe Namenskarte sowie Räucherstäbchen
und Obst stehen vorne links, der Buddha immer im Zentrum.

Sich zu befreien erfordert disziplinierte Praxis in Ethik, Konzentration und Weisheit. Nur wenige sind dazu in der Lage. Deshalb hoffen Menschen, die das Ziel noch nicht erreicht haben, auf eine günstige Wiedergeburt – als Mensch, als Himmelswesen oder im Reinen Land, wo sich die Praxis unter besonders guten Bedingungen fortsetzen lässt. 

Welche Wiedergeburt folgt, hängt vom Karma ab, also von den Handlungen des Körpers, der Rede und des Geistes, die ein Mensch im Laufe dieses und früherer Leben vollzogen hat. Besonders prägend sind Gewohnheiten, die ein Mensch über lange Zeit entwickelt hat, sowie Geisteszustände wie Mitgefühl, Großzügigkeit, Ärger oder starke Anhaftung. 

Auch der Moment des Sterbens ist für den Übergang in das nächste Leben bedeutsam. Ist der Geist von Angst, Hass oder Anhaftung erfüllt, erschwert das nach buddhistischer Auffassung eine günstige Wiedergeburt. Ist er dagegen ruhig und klar, erhöht

das die Wahrscheinlichkeit, eine gute Wiedergeburt zu erlangen. 

Ein Zwischenzustand von 49 Tagen  

Während einer Zeremonie

Nach chinesischer Tradition kann das Bewusstsein unmittelbar wiedergeboren werden oder bis zu 49 Tage in einem Zwischenzustand verweilen. Die Angehörigen versuchen, dem Sterbenden einen möglichst friedlichen Abschied und Übergang zu ermöglichen. Im chinesischen und vietnamesischen Buddhismus rezitieren sie laut den Namen Amitabha Buddhas. Dann kann ein Sterbender seine Aufmerksamkeit auf die positive Energie der Rezitation richten. Ähnliche buddhistische Sterberituale finden sich auch in Teilen der japanischen Schulen des Reinen Landes. 

Der Sterbeprozess kann – zwischen dem letzten Atemzug und der vollständigen Lösung des Bewusstseins vom Körper – bis zu acht Stunden dauern. Deshalb setzen Angehörige ihr Chanting auch so lange nach dem letzten Atemzug fort. Dabei wechseln sie sich ab. Häufig bitten sie Mönche oder Nonnen zur Unterstützung hinzu. Außerdem sprechen sie ruhig mit dem sterbenden oder gerade verstorbenen Menschen und ermutigen ihn, alles loszulassen und ohne Anhaftung weiterzugehen. In den acht Stunden nach dem letzten Atemzug berühren die Angehörigen den Verstorbenen möglichst nicht und waschen ihn auch nicht. Sie bemühen sich darum, nicht zu weinen, weil das den Geist eines frisch Verstorbenen an die Hinterbliebenen binden könnte. 

Namenstafeln und Rezitationen 

Rezitierende neben einem Verstorbenen
Rezitation von Buddha Amitabhas Namen kurz vor und bis zu acht Stunden nach Eintritt des Todes neben dem Verstorbenen

Nach diesen ersten Stunden beginnt die eigentliche Trauerzeit. Häufig bitten Angehörige einen Tempel, eine Namenstafel für die verstorbene Person aufzustellen und regelmäßig Rezitationen durchzuführen. Oft bringen sie Obst und Räucherwerk als Gaben dar. In der ersten Woche finden die Zeremonien teilweise täglich statt, anschließend in siebentägigem Abstand bis zum 49. Tag und später noch einmal am ersten Todestag. 

Während der 49-tägigen Übergangszeit versuchen viele Angehörige, selbst möglichst viel gutes Karma zu sammeln und die daraus entstehenden Verdienste an die verstorbene Person zu übertragen, damit auch sie ihr Karma noch verbessern und eine bessere Wiedergeburt erlangen kann. Deshalb geben sie Spenden an Tempel, Klöster, Mönche oder Nonnen. Viele rezitieren außerdem Sutren, also Buddhas Lehrreden, oder sie ernähren sich, falls sie es nicht ohnehin schon tun, während der Trauerzeit vegetarisch. 

Vor der Kremation findet eine weitere Zeremonie statt, bei der der Sarg endgültig geschlossen wird. Mönche und Nonnen leiten die Zeremonie, und es nehmen möglichst viele Buddhistinnen und Buddhisten teil, damit die Rezitationen eine große Energie entfalten können. Danach wird der Leichnam eingeäschert.  

In asiatischen Ländern bewahrt man die Asche anschließend in einer speziellen Pagode oder Gedenkstätte auf. Dort gibt es einen Raum mit dauerhaften Namenstafeln und mehrmals täglich Rezitationen für die Verstorbenen. Auch die Angehörigen besuchen die Pagode noch häufig, bringen Obst dar und schließen sich den Rezitationen an. So bleibt ihre Verbindung zu den Verstorbenen über den Tod hinaus lebendig. 

Wenn große buddhistische Feste stattfinden, stellt man oft temporäre Namenstafeln für die Verstorbenen auf. Sollten sie beispielsweise in der Geisterwelt gelandet sein, können sie auf diese Weise an der Zeremonie teilnehmen, ihr Karma verbessern und in einen besseren Bereich aufsteigen.  

Wenige Orte im deutschsprachigen Raum 

Eingangsbereich zur letzten Zeremonie „Closing the Coffin“
Eingangsbereich zur letzten Zeremonie „Closing the Coffin“

Im deutschsprachigen Raum gibt es bislang nur in wenigen Städten besondere Orte für buddhistische Verstorbene. Dazu gehören auf dem Zentralfriedhof in Wien ein buddhistischer Friedhof und der Friedhof Berlin-Ruhleben mit einem buddhistischen Bestattungsbereich.  

Westliche Buddhistinnen und Buddhisten haben auch bislang keine einheitlichen Rituale und Formen des buddhistischen Abschieds entwickelt. Zum einen liegt das daran, dass sie in unterschiedlichen buddhistischen Schulen praktizieren. Zum anderen sind Angehörige oft nicht buddhistisch orientiert, weshalb man sich hier zurückhalten möchte.  

Manche Familien und Freundeskreise rezitieren buddhistische Texte oder bitten eine Dharmalehrerin oder einen Dharmalehrer, eine Trauerfeier und eine Beisetzung mit Segnungen, Ritualen oder auch einer Ansprache zu begleiten. Manchmal bitten sie auch ein Kloster, die Verdienste der täglichen Praxis einer verstorbenen Person zu widmen. Spenden an Tempel, Klöster sowie Nonnen und Mönche sind auch hier verdienstvolle Handlungen. 

Aus buddhistischer Sicht endet die Fürsorge für Verstorbene nicht mit dem Tod, sondern setzt sich in Gedenken, Rezitation und guten Taten fort. 

Shifu Simplicity

war früher Ärztin und ist seit 21 Jahren buddhistische Nonne. Sie verbrachte sechs Jahre in Plum Village und 14 Jahre im Chan-Kloster Chung Tai in Taiwan. Heute leitet sie das Miao Fa Zentrum für Meditation und Chan-Buddhismus in Berlin und das Chan-Kloster Wassermond bei Guben in Brandenburg.

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