Editorial der Ausgabe 2026/3
Liebe Leserinnen und Leser,
diese Zeitschrift alle drei Monate auf den Weg zu bringen, ist eine Menge Arbeit – und ein großes Geschenk. Täglich tief in buddhistische Themen und Texte einzutauchen, mich damit auseinanderzusetzen und sie mit meinem persönlichen Leben und meiner spirituellen Praxis in Berührung zu bringen, vertieft mein Verständnis und sorgt immer wieder für Aha-Momente: „Wie interessant, so habe ich das noch nie gesehen!“ Oder auch: „Diese Erkenntnis hatte ich doch vor einigen Jahren schon einmal am Wickel – wie konnte sie mir wieder entschwinden?“ Manchmal auch: „Das ist eine Richtung, über die ich mehr erfahren möchte.“ Und immer wieder: „Wie wichtig dieser Autorin, diesem Autor ein Anliegen ist, das mir spirituell fremd bleibt. Gut, davon zu erfahren, damit ich mich umsichtig und mit solidem traditionsübergreifendem Wissen durch die buddhistische Landschaft bewegen kann.“
Ein Aha-Moment bei der Arbeit an dieser Ausgabe war eine Passage des Theravada-Lehrers Raimund Hopf: „Wer im Herzen Ärger hegt, wird dazu neigen, entsprechend zu handeln. Freude im Herzen lenkt das Denken und Handeln in eine heilsame Richtung. Es reicht also nicht, das Verhalten zu regulieren, wenn die zugrunde liegenden Regungen im Herzgeist unverändert bleiben.“
Habe ich das zum ersten Mal gelesen oder gehört? Natürlich nicht. Doch in den Myriaden von Wechselwirkungen, die unser Fühlen und Denken beeinflussen, bleibt es letztlich rätselhaft, warum ein Gedanke einen Menschen genau jetzt erfasst. Ich geriet ins Nachdenken.
Auch in angespannten Situationen höflich und freundlich zu bleiben, weil es das Zusammenleben leichter macht, ist wunderbar. Doch darunter liegt eine weitere Ebene, die sich nicht umgehen lässt. Sie lässt sich mit Fragen wie diesen erkunden: War das gerade meine gut geölte Höflichkeit – oder echtes Interesse? War das gutes Benehmen – oder lebendiges Mitfühlen? War das Offenheit für ein anderes Lebewesen – oder eine Offenheitssimulation? Und wenn es Höflichkeit oder Simulation war: Warum eigentlich? Warum nicht mehr?
Spätestens hier greift dann auch etwas anderes als die Simulation buddhistischer Praxis oder das brave Abarbeiten von Meditationstechniken: die ernsthafte Begegnung mit sich selbst. Die echte Auseinandersetzung mit alten Beschränkungen, Verletzungen und Widerständen, die im Innenleben noch immer umhergeistern. Aber vielleicht lässt sich ja ein neues Kapitel aufschlagen?
Es ist die Ernsthaftigkeit, mit der Menschen solche inneren Auseinandersetzungen führen und Wachstumsbewegungen vollziehen, die mich an den Beiträgen für diese Zeitschrift immer wieder berührt. Ayya Phalanyani schreibt: „Wer die Betrachtung des Herzgeistes praktiziert, erfährt schnell, dass diese Übung radikale Ehrlichkeit verlangt.“ Die Psychologin Anna Karolina Brychcy sagt: „Die eigentliche Arbeit beginnt erst da, wo ich bereit bin, mich wirklich infrage stellen zu lassen.“ Susanne Jushin Dittrich beschreibt ihre Aufgabe als Zen-Lehrerin darin, „überflüssig zu werden“, damit ihre Schülerinnen und Schüler auf eigenen Füßen stehen. Und die Musikerin Vera Stein hält Befreiung für möglich, erinnert aber auch daran, dass – wie beim Musizieren – jeder einzelne Schritt des Übens bereits wertvoll ist.
In all diesen Stimmen zeigt sich für mich dieselbe Qualität: Ernsthaftigkeit.
Danke an unsere Autorinnen und Autoren, die alle drei Monate so viel davon mit uns teilen. Danke an euch und Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Sie mit offenem Herzgeist, Neugier und Ernsthaftigkeit lesen.
Herzlich grüßen das Redaktionsteam von Buddhismus aktuell und
Susanne Billig
Redaktionsleitung

Susanne Billig
Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.


