Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit
Dogen Zenjis 301 Koan-Geschichten
| Heft: | 02 | 2026 Macht |
| Verlag: | Sprachlichter Verlag |
| Jahr: | 2025 |
| Preis: | 26,90 Euro |
| Seiten: | 464 |
Rezension
„Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit“ ist die Übersetzung des Shinji Shobogenzo (oft bekannt unter dem Titel „Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“), des Hauptwerks von Dogen Kigen (1200–1253). Der Mitbegründer der japanischen Soto-Schule (soto-shu), die auf die chinesische Caodong-Schule zurückgeht, hat die Sammlung von 301 Koans vermutlich während seines vierjährigen Chinaaufenthalts zusammengetragen und später geordnet. Der ursprünglich chinesische Text des Shinji Shobogenzo ist erstmals 1766 auf Japanisch erschienen. Dogen selbst hat keine Kommentare hinzugefügt, während Gudo Wafu Nishijima in seiner vollständigen Übersetzung ins moderne Japanisch jedes Koan mit einem kurzen Kommentar versehen hat. Auf dieser Basis ist eine englische Ausgabe entstanden, die Dagmar Doko Waskönig nun sorgfältig ins Deutsche übersetzt hat.
Die Texte des Shobogenzo sind spirituell so stark aufgeladen, dass sie beim Lesen zunächst meist unverständlich bleiben. Genau das ist intendiert, ermöglicht es doch die eigentliche Koan-Arbeit. In seinen Kommentaren versucht Gudo Wafu Nishijima nun, heutige Lesende anzusprechen und den spirituellen Kontext aktualisiert auf den Punkt zu bringen.
Er gilt manchen kritischen Stimmen im Westen als ausgemachter Soto-Purist. Historisch hatten die Soto-Shu-Autoritäten, deren Schule ihre Überlieferungen und Regeln auf Dogen zurückführt, den Text als Fälschung verurteilt, nicht zuletzt, weil er die offizielle Haltung unterlief, Dogen habe der Beschäftigung mit Koans nur wenig Bedeutung beigemessen. Bis heute sind etliche Soto-Lehrende und -Gemeinschaften der Auffassung, Dogen habe den Gebrauch von Koans in der Zen-Praxis grundsätzlich abgelehnt. Die vorliegende Sammlung dürfte das Gegenteil hinlänglich beweisen, ebenso wie eine Niederschrift von Bemerkungen zu Koan-Fällen aus dem Bi Yan Lu (Hekiganroku), die inzwischen ebenfalls unzweifelhaft auf Dogen zurückgeführt worden ist. Vor diesem Hintergrund wirkt eine Behauptung der beiden Schüler Nishijimas in der Einleitung zur englischen Übersetzung umso befremdlicher: Es sei wichtig, zu vermerken, dass Dogen die Geschichten im Shobogenzo nicht als Koans bezeichnet habe, und er habe die Verwendung von Koans in der Zen-Praxis auch nirgendwo empfohlen.
Genau das Gegenteil ist eine Grundlage dieses wichtigen Buches für deutschsprachige Leserinnen und Leser mit einem unvoreingenommenen Interesse an Dogen und/oder Koans. Die Koan-Liste am Ende des Buches bietet beispielsweise eine Hilfe, um die meisten Stellen wiederzufinden, an denen diese Koans im Shobogenzo vorkommen. Dagmar Doku Waskönig und dem kleinen Sprachlichter-Verlag kann für die wirtschaftlich vermutlich riskante Herausgabe dieses Buches nur gedankt werden.


