Kinder in ihrer spirituellen Entwicklung unterstützen
Neue Schritte für den buddhistischen Religionsunterricht an Berliner Schulen
Der buddhistische Religionsunterricht in Deutschland steht noch am Anfang, vor allem im Vergleich zu den beiden christlichen Konfessionen, die in allen Bundesländern fest im Lehrplan verankert sind, und im Vergleich zu Religionen wie dem Islam und dem Alevitentum, die in den meisten westdeutschen Bundesländern etabliert sind. Berlin hat nun einen wichtigen Schritt in Richtung eines breiteren religiösen Bildungsangebots unternommen: Seit diesem Jahr sind Schulen verpflichtet, den Bedarf bei den Eltern abzufragen. Nun geht es darum, die notwendigen Strukturen zu schaffen und Lehrkräfte auszubilden.

BUDDHISMUS aktuell: Was macht einen buddhistischen Religionsunterricht an Schulen so wertvoll?
Carola Roloff: In einer zunehmend komplexen und pluralistischen Gesellschaft bietet dieser Unterricht den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich mit wesentlichen ethischen und spirituellen Fragen auseinanderzusetzen und eine Identität zu entwickeln, die auf Mitgefühl, Toleranz und Verantwortung basiert. Während das Bildungssystem oft auf kognitive Fähigkeiten fokussiert, bringt der buddhistische Ansatz die Herzensbildung in den Vordergrund, fördert soziale und emotionale Kompetenz und stärkt so das individuelle und gesellschaftliche Wohl. Letztlich geht es darum, Kindern und Jugendlichen die Werkzeuge an die Hand zu geben, um mit Achtsamkeit und Empathie durch das Leben zu gehen und so aktiv zur Schaffung einer friedlicheren Welt beizutragen.
Viele Eltern klagen darüber, dass ihre Kinder sich nicht mehr für Religion interessieren. Oft sind sie ab einem bestimmten Alter über das Elternhaus nicht mehr erreichbar. Gerade im Alter zwischen 14 und 16 Jahren kommt Religionsunterricht in der Schule eine besondere Bedeutung zu.
Hier könnte vielleicht auch Norwegen als Vorbild dienen, wo die Norwegische Buddhistische Union seit einigen Jahren einmal im Jahr eine von den buddhistischen Gemeinschaften gemeinsam organisierte „buddhistische Konfirmation“ für Jugendliche anbietet. Dieses Modell zeigt, wie junge Menschen durch gemeinschaftliche religiöse Bildung in ihrer eigenen Peergroup einen stärkeren Bezug zu ihrem Glauben entwickeln und durch den buddhistischen Religionsunterricht in ihrer spirituellen Entwicklung unterstützt werden können.
Es gibt nun eine wichtige Neuerung im Berliner Religions- und Weltanschauungsunterricht – welche ist das?
Bislang war die Organisation des buddhistischen Religionsunterrichts in Berlin herausfordernd, da die Buddhistische Gesellschaft Berlin, also die BGB, als Trägerin des Unterrichts stark auf Eigeninitiative durch Ehrenamtliche angewiesen war. Seit dem 14. Juni 2024 sind Berliner Schulen nun verpflichtet, einen Fragebogen zu verteilen, mit dem Eltern ihre Kinder anmelden können. Diese Änderung stellt sicher, dass neben dem christlichen und islamischen auch der buddhistische Religionsunterricht stärker in den Schulalltag integriert werden kann.
Wer gestaltet den buddhistischen Religionsunterricht in Berlin bisher?
Es gibt nur wenige Berliner Lehrkräfte, die sich als buddhistisch offenbaren und bereit sind, eine entsprechend zertifizierte Fortbildung zu durchlaufen. Der Unterricht wurde über viele Jahre allein von Renate Noack, Studienrätin für Deutsch und Philosophie, durchgeführt. Derzeit gibt es insgesamt vier von der BGB zertifizierte und von der Schulbehörde zugelassene Lehrkräfte. So wird beispielsweise Hanna Ebinger, die schon seit längerer Zeit die Materialien für den Schulunterricht auf der DBU-Website organisiert, demnächst ihre erste eigene Schulklasse übernehmen. Und auch Marc Schneider steht in den Startlöchern. Der Sozialunternehmer entwickelt und begleitet bereits Bildungsprojekte und leitet Workshops für Potenzialentfaltung und Climate Justice.
Insgesamt ist es noch ein zartes Pflänzchen, aber immerhin: Berlin ist seit 2002/2003 der einzige Ort innerhalb Deutschlands, an dem es überhaupt einen buddhistischen Religionsunterricht gibt – damals wurde er erstmals an zwei Schulen eingeführt, der John-Lennon-Oberschule und der Schinkel-Grundschule. Der Senat finanziert den Unterricht zu 90 Prozent, wobei die Höhe des Zuschusses von der Teilnehmerzahl abhängt. Von den über 800 staatlichen Schulen in Berlin haben sich 2024 neun bei der BGB gemeldet und einige Neueinschulungen buddhistischer Kinder angegeben.
Welche positiven Wirkungen können wir von dieser Neuerung erwarten?
Selbst wenn es noch einige strukturelle Hürden, auch innerhalb der Schulen, gibt, haben wir nun nach 21 Jahren die Chance, den buddhistischen Religionsunterricht gezielt zu stärken, insbesondere für Erstklässler und Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse, die an eine Oberschule wechseln. Diese Änderung erleichtert die Identifizierung buddhistischer Schülerinnen und Schüler durch die Schulen und entlastet die Lehrkräfte von der aufwendigen Recherchearbeit, wo diese Kinder zu finden sind. Wenn Eltern dies unterstützen und sich in Zukunft interessierte Lehrkräfte melden, könnte der buddhistische Religionsunterricht an Berliner Schulen einen deutlichen Aufschwung erleben.
Besonders wichtig ist es auch, nun den Kontakt zu buddhistischen Familien mit Migrationshintergrund herzustellen, die oft in bestimmten Stadtvierteln in der Nähe von Tempeln leben, wie zum Beispiel vietnamesische, thailändische und tibetische Buddhistinnen und Buddhisten. Eine traditionsübergreifende Kooperation zwischen verschiedenen buddhistischen Gemeinschaften könnte dabei helfen, den Unterricht effektiver zu gestalten und den Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu ihrer religiösen Identität zu ermöglichen.
Wer ist nun gefragt, damit der buddhistische Religionsunterricht breiter und solider aufgestellt werden kann?
Es braucht dringend qualifizierte Lehrkräfte. Während in Berlin Fächer wie evangelische und katholische Theologie wie auch islamische Religionslehre auf Lehramt studiert werden können, gibt es in Deutschland derzeit noch keinen Ort, an dem buddhistische Religionslehre angeboten wird. Lehrkräfte müssen daher eine „vergleichbare“ Ausbildung vorweisen, wie etwa ein Theologie- oder Buddhologiestudium oder Zertifikate von Studienprogrammen buddhistischer Zentren sowie eine DBU-Prüfung. Das Tibetische Zentrum Hamburg ist beispielsweise inzwischen als Bildungsinstitut anerkannt, das Buddhismusstudium hier könnte von der BGB teilweise oder vielleicht sogar vollständig anerkannt werden.
Außerdem benötigen wir Unterstützung von Akteurinnen und Akteuren, die die Rahmenbedingungen für buddhistische Lehrkräfte verbessern und klarere Wege zur Qualifizierung schaffen. Es ist wichtig, dass sich Lehrkräfte, die bereits im Schuldienst sind oder Interesse an der buddhistischen Religionslehre haben, bei der BGB melden. Gleichzeitig braucht es langfristig eine solide universitäre Anbindung. Ebenfalls langfristig wird eine größere Vernetzung und eine institutionelle Anerkennung notwendig, um den Unterricht auch in anderen Bundesländern zu ermöglichen, wo bisherige Zertifizierungen aus Berlin oder Österreich nicht anerkannt werden. Berlin scheint hier durch die sogenannte Bremer Klausel juristisch mehr Flexibilität zu haben.
Wie kann man sich als Lehrkraft weiterbilden, um in Berlin zu unterrichten?
Wer daran interessiert ist, buddhistische Religion in Berlin zu unterrichten, hat die Möglichkeit, sich über das bhavana-Studienprogramm der Deutschen Buddhistischen Union aus- und weiterzubilden. Dieses Programm umfasst rund zwanzig Module, die speziell auch für Ethik- und Religionslehrkräfte konzipiert sind. Es bietet eine formelle und zertifizierte Aus- und Weiterbildung, die auf die Anforderungen des buddhistischen Religionsunterrichts vorbereitet.
Informationen zum buddhistischen Religionsunterricht
Unterrichtsmaterialien auf der DBU-Website: buddhismus-unterricht.org
BGB-Website: tinyurl.com/buddhistischer-schulunterricht
Weiterbildung für Lehrkräfte: bhavana, Koordination Hanna Ebinger, ebinger@dbu-brg.org
Interview mit Renate Noack in BUDDHISMUS aktuell, Ausgabe 2/2023 (Buddhismus im Westen): https://tinyurl.com/interviewnoack
Carola Roloff, Thorsten Knauth (Hg.): „Buddhistischer Religionsunterricht. Bestandsaufnahme und Perspektiven“, Waxmann Verlag 2023, Religionen im Dialog, Band 21, mit einem Beitrag von Renate Noack

Carola Roloff (Jampa Tsedroen)
Carola Roloff (Jampa Tsedroen) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte der Universität Hamburg. Als Nonne erhielt sie eine Ausbildung von Geshe Thubten Ngawang im Tibetischen Zentrum HH. Sie studierte Tibetologie und Indologie mit dem Schwerpunkt Buddhismuskunde und schloss mit einer Promotion ab. Seit 2013 forscht sie in der Akademie der Weltreligionen zu Religion und Dialog in modernen Gesellschaften.


