Der Weg der kleinen Schritte – Demokratiefähig bleiben in Krisenzeiten

Ein Beitrag von Sylvia Wetzel veröffentlicht in der 1-2026 Neubeginn unter der Rubrik Aktuell.

Wie können Menschen demokratiefähig bleiben inmitten der verunsichernden Krisen unserer Zeit? Die Dharmalehrerin Sylvia Wetzel empfiehlt den bewussten täglichen Umgang mit den drei Daseinsmerkmalen, die Buddha gelehrt hat.

Leben ist tragisch und erhaben. 
Alles, was kommt, muss auch wieder gehen. 
Leben geschieht, niemand hat es im Griff. 
Nur das Ende des Haderns bringt Frieden.

.

Lied zu den vier Siegeln des Buddha. Text von Sylvia Wetzel. Melodie: „Wer kann segeln ohne Wind“, skandinavisches Volkslied

In den ökologischen, sozialen und politischen Krisen unserer Zeit stellt sich stärker noch als sowieso im Leben die Frage: Wie können wir aus allen Erfahrungen, den angenehmen wie den schwierigen, das Beste machen? 

Das einzig Beständige ist der Wandel, lautet ein Sprichwort. Buddha spricht von drei Daseinsmerkmalen: Leiden, Unbeständigkeit und Nicht-Ich oder Unkontrollierbarkeit. Viertens gibt er uns den Rat, mit diesen Wahrheiten nicht zu hadern. Das nennt er die vier Siegel: Nur wer die drei Daseinsmerkmale akzeptiert, entdeckt inneren Frieden und kann so zum Frieden in der Welt beitragen. 

Dieser nüchterne Blick hilft uns, das Beste aus allen Erfahrungen zu machen und mit Geduld und trotz aller Polarisierungen einigermaßen freundlich, mitfühlend und gelassen zu bleiben. So verlieren wir den Blick für das Heilsame überall auf der Welt nicht aus den Augen. Das Christentum nennt es Gottvertrauen und Nächstenliebe, das buddhistische Mahayana Vertrauen in die Buddhanatur und ein Leben zum Wohle aller.  

Keine Macht gibt Sicherheit

Wer regelmäßig im Alltag innehält, bemerkt schnell, was sie oder ihn umtreibt. Eine Definition von Achtsamkeit ist: bemerken, was geschieht, und erinnern, was hilft und heilt. Viele von uns, auch langjährige Buddhistinnen und Buddhisten, hadern mit den drei Daseinsmerkmalen immer wieder. Es ist verständlich, dass wir Sicherheit und ein Leben in materieller Sicherheit suchen. Doch uns darauf verlassen zu wollen ist nicht tragfähig, sondern naiv. 

Wer den Weg der kleinen Schritte beständig übt, kann mehr und mehr begreifen: 1. Natürliches Leiden gehört zum Leben, weil sich 2. Bedingungen und Umstände, Wünsche und Ängste immer wieder verändern und 3. Leben so komplex ist und bleibt, dass wir es nie völlig in den Griff bekommen. Es gibt keine technisch und oder spirituell optimierbare Instanz, die dazu die Macht hätte. Weder außen als Buddha, Meister, Gott oder sogenannte künstliche Intelligenz. Noch innen als Ich. Nur mit dieser Einsicht finden wir im Auf und Ab des Lebens Frieden.

Leiden lernen – für die Demokratie

Als buddhistische Lehrerin mache ich mir seit bald fünfzig Jahren auch darüber Gedanken, wie uns der Buddhismus mit seinen grundlegenden Einsichten hilft, demokratiefähig zu werden und zu bleiben. Buddhas Lehren und ein reicher Schatz an Übungen helfen uns, auch unerwartete Veränderungen rascher zu akzeptieren und – in dem Wissen, dass es keine perfekten Lösungen gibt – das Beste daraus zu machen. Sie helfen uns, leiden zu lernen. Das hat auch positive politische Konsequenzen.

Denn da Menschen miteinander leben, müssen sie in einer Demokratie aushandeln lernen, wie sie leben wollen. Die Politiktheoretikerin Hannah Arendt drückt es sinngemäß so aus: „Politik ist das Gespräch mit Menschen im Plural über die gemeinsame Welt.“ 

Demokratische Prozesse sind langwierig, schwierig und oft auch schmerzhaft. Deshalb ist die Fähigkeit, Zeiten des Leidens gut zu ertragen, auch politisch von Bedeutung. Hoffnung und Zuversicht kultivierend, können wir uns sagen: Die Lage mag unübersichtlich sein, aber wir wissen weder, ob es gut geht, noch, ob die Welt untergeht. Um handlungsfähig zu bleiben, ist es sinnvoll, auf die Fähigkeit aller Menschen zu vertrauen: dass sie durch Erfahrungen lernen, zu bemerken, was geschieht, und sich zu erinnern, was hilft und heilt. 

Das können wir selbst üben, in konkreten Alltagsbegegnungen und im Verarbeiten der täglichen Nachrichten. Und wir können andere Menschen dabei unterstützen und sie dazu inspirieren, ebenfalls Sinn zu sehen im Weg der kleinen Schritte.

Weitere Informationen

sylvia-wetzel.de

Sylvia Wetzel

befasst sich seit 1968 mit psychologischen und politischen Wegen zur Befreiung und seit 1977 mit dem Buddhismus. Sie ist in der tibetischen Tradition ausgebildet, buddhistische Meditationslehrerin, Publizistin, Autorin und Pionierin eines frauenfreundlichen, kulturell übersetzten Buddhismus im Westen.

Alle Beiträge Sylvia Wetzel