Ausflüge in eine achtsame Wirtschaft

Ein Beitrag von Dr. Kai Romhardt veröffentlicht in der Ausgabe 2013/4 Verbundenheit unter der Rubrik Praxis.

Achtsam arbeiten – aber wie? Fünf Freunde auf dem Weg

Auf dem Kissen sitzend fällt es vielen von uns relativ leicht, Achtsamkeit, Konzentration und Mitgefühl einzuladen und eine Weile aufrechtzuerhalten. Wir sitzen wie kleine Buddhas und das ist wunderbar. Doch wie sitzen wir vor dem Computer? Wie sitzen wir in anstrengenden Sitzungen? Als ich in Plum Village lebte, hatte ich die Gelegenheit, jeden Tag Arbeitsmeditation zu üben. Ob beim Kochen oder Anstreichen, über der Kloschüssel oder im Garten, immer wieder luden uns Glocken ein, innezuhalten und zu schauen, was sich gerade wieder für ein Minidrama in unseren Gedanken und Geisteszuständen abspielt, wie sich unser Körper anfühlt und was unser Bewusstsein beherrscht. In Hunderten von Arbeitsmeditationen wurde mir langsam klar, worum mein Leben und meine Arbeit kreist und dass ich es selbst in der Hand habe, etwas zu ändern. Hier möchte ich kurz fünf Prinzipien vorstellen, die sich seitdem für mich bewährt haben und die wir in Retreats des Netzwerks Achtsame Wirtschaft trainieren: Impulsdistanz, Anfängergeist, Extralosigkeit, De-Identifikation und Muße.

Impulsdistanz ist die Fähigkeit, einen körperlichen oder geistigen Impuls klar wahrzunehmen, sein Anschwellen und Abklingen zu beobachten, ohne dem Impuls folgen zu müssen. Impulsdistanz ist die Grundlage für menschliche Freiheit und erlaubt uns, die Folgen einer Tat abzuschätzen und bei klarem Verstand eine Entscheidung zu treffen. Wir werden nicht mitgerissen. Wir müssen nicht reagieren, nur weil ein Kollege zum wiederholten Male ein Reizwort in den Mund genommen hat. Ein bis drei bewusste Atemzüge können ausreichen, um Distanz zu schaffen und fünf Minuten später freuen wir uns, dass wir nicht reagiert haben.

Anfängergeist: Auch wenn wir eine Tätigkeit tausendfach ausgeführt haben, ist sie doch niemals dieselbe. Intellektuell ist uns das klar, doch wir verhalten uns nicht so. Jede Situation ist neu und verändert sich stetig auf allen Ebenen. Schauen wir so auf die vielen kleinen Alltagsverrichtungen unseres Tages, bleibt uns unsere Offenheit erhalten. Wir entgehen der Gefahr, in Routine zu erstarren. Im Kern existiert keine Wiederholung. Routine ohne Anfängergeist führt zu Erstarrung und Langeweile. Wir werden zu scheinbar Wissenden und verlieren unseren Kontakt mit der lebendigen Offenheit, die uns Einsicht und Freude schenkt. Vor „Experten“ ohne Anfängergeist darf gewarnt werden.
Extralosigkeit bedeutet, sich ganz auf den Kern einer Aktivität zu konzentrieren. Wir moderieren ein Arbeitstreffen und fragen uns nicht ständig, was in diesem Zusammensein alles schieflaufen könnte und was das wiederum für uns bedeuten könnte. Mark Twain hat einmal gesagt: „The worst things in my life never happened.“ Die buddhistische Psychologie sagt: Den größten Teil unserer Probleme schafft der untrainierte Geist sich selber. Wir steigen nicht in negative Emotionen, Gedanken oder Szenarien ein. Ohne Extras werden viele Tätigkeiten einfacher. Wir praktizieren uns im entspannten single tasking – wir konzentrieren uns auf eine Aufgabe. Viele Konflikte entstehen, weil die eine oder andere Seite unzutreffend mutmaßt, hofft, erwartet oder schlicht nicht bei der Sache ist.

De-Identifikation bezeichnet die gesunde Distanzierung von Titeln, Erfolgen, Projekten, der eigenen Visitenkarte und äußeren Zuschreibungen. Wir sind viel mehr als unsere Erfolge und Misserfolge. Sehen wir dies klar, steigen wir weder in den inneren noch den äußeren Hype um uns ein und können auch unangenehmen inneren und äußeren Urteilen zulächeln. Das verschafft uns wachsende Freiheit und entspannt uns auf einer tiefen Ebene.

Mußezeiten sind Zeiten, in denen sich das Leben ohne Zielerreichungsdruck entfalten kann. Muße, das ist Leben ohne vorgeplante Aktivitäten, Termine und Ergebnisse. Muße zieht ein, wenn wir die Zeit vergessen (können). Ein Termin fällt aus, und wir lassen nicht automatisch die nächste Tätigkeit auf der To-Do-Liste nachrutschen. Oder wir verordnen uns einen „Keine-Arbeit-Tag“. Muße schafft natürliche Entwicklung und Kreativität. Ohne Muße rennen wir von Projekt zu Projekt und geraten in Gefahr auszubrennen.

Dr. Kai Romhardt

Kai Romhardt, Jahrgang 1967 und zur Zeit in Berlin lebend, zählt derzeit zu den bekanntesten deutschen Wissenschaftlern auf dem Gebiet des Wissensmanagements. Er ist als Wissenschaftler, Unternehmensberater, Trainer und nicht zuletzt auch als Autor tätig. Seine Vielseitigkeit kommt auch in seinem zweijährigen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster zum Ausdruck.

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