Thomas Lempert

Von Tantra zu Tantra

Traditionelle Weisheit begegnet heutiger Sexualität

Heft: 04 | 2026 Übergänge
Verlag:Windpferd Verlag
Jahr:2025
Preis:22 Euro
Seiten:300

Rezension

Thomas Lempert möchte eine Brücke spannen zwischen den ursprünglichen Tantra-Traditionen Indiens, vor allem der indotibetischen Tradition des Vajrayana, und dem westlichen Neotantra.

Das Vajrayana ist ein äußerst anspruchsvoller Pfad zur Erleuchtung zum Wohle aller Lebewesen. Es handelt sich hierbei keinesfalls – wie im Westen oft irrtümlich angenommen – um einen Pfad des sexuellen Yoga. Leider wird der Autor der Komplexität des indotibetischen Tantras nicht gerecht. Es irritiert, wenn er betont, er habe in seinem Buch die originalen tantrischen Texte erstmals umfassend für die moderne Praxis erschlossen. Das ist nicht der Fall: An zahlreichen Stellen vereinfacht er Zitate buddhistischer Meisterinnen und Meister, formt sie nach Gutdünken um und enthält uns die Originale zumeist vor. Ob es um die Vier Arten der Anhaftung in Verbindung mit den Vier Tantraklassen oder um die Vier Freuden geht – der Autor stellt die Meditationen der sogenannten Vollendungsstufe missverständlich und teils sogar unrichtig dar.

Ohne Frage: Die Begründerinnen und Begründer der neotantrischen Bewegung sind ebenfalls zu würdigen, beginnend mit Meister Osho und später Margot Anand. Zu ihrer Zeit förderten sie die Befreiung aus allzu engen puritanisch bürgerlichen Zwängen. Doch auch darauf geht der Autor nicht wirklich ein. Was ihm jedoch gelingt, ist die Betonung des Weiblichen auf dem spirituellen Weg. Da der tibetische Buddhismus teils noch sehr patriarchal geprägt ist, ist dies positiv zu vermerken.

Ernsthaft angegangen, hätte dies ein wunderbares Buch werden können. Interessierten am authentischen indotibetischen Vajrayana, aber auch am Neotantra erweist es leider keinen guten Dienst. Zu vermuten ist, dass die meisten Leserinnen und Leser des Buches weder langjährige buddhistische Praktizierende sein werden noch sich auf authentische buddhistische Lehrerinnen und Lehrer werden stützen können. Die Lektüre wird sie also eher verwirren. In diesem Zusammenhang sei an ein wichtiges Wort von Trungpa Rinpoche erinnert: „Unvorbereitet zu versuchen, tantrische Übungen der Vollendungsstufe zu praktizieren, ist, wie mit bloßen Händen nach einer Hochspannungsleitung mit 100 000 Volt zu greifen.“

Robert Jandaka