David Steindl-Rast, Alexandra Kreuzeder

HerzWerk

Freude finden mit Rainer Maria Rilkes „Sonette an Orpheus“

Heft: 03 | 2026 Herzgeist
Verlag:Tyrolia Verlag
Jahr:2025
Preis:25 Euro
Seiten:224

Rezension

Der Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast – in diesem Sommer wird er hundert Jahre alt – ist einer der wichtigsten spirituellen Autoren der Gegenwart, jenseits von eng gefassten religiösen Identitäten: Er kann auf ein erfahrungsreiches Leben und viele Jahre Zen-Praxis zurückblicken. Gedichte – und vor allem die Rainer Maria Rilkes – sind für ihn ein wesentlicher „Brunnen der Erfahrung“, seit ihm seine Mutter dessen „Stundenbuch“ geschenkt hat, als er zwölf Jahre alt war. Nun hat er zusammen mit der Rilke-Kennerin Alexandra Kreuzeder ein Buch zu Rilkes „Sonette an Orpheus“ (1923) vorgelegt.

Die beiden umkreisen in Gesprächen 24 der insgesamt 55 Sonette des Zyklus, wobei sie die manchmal zunächst unzugänglich scheinenden Sprachkunstwerke durchsichtig machen. In „HerzWerk“, dessen edler Leineneinband für sich spricht, geht es um Freude: Freude an der Schönheit von Rilkes Sprache, Freude an seinen vieldeutigen und tiefen Bildern, vor allem Freude an dem Unsichtbaren, das durch dessen Worte hindurch in Erscheinung tritt. Manchmal spricht der Dichter von einem „Hauch um Nichts“, dann wieder von der „von uns gehörten Quelle“: Bilder, durch die dieses Andere leuchtet, das nicht greifbar und doch präsent ist. „Dahinter ist das Namenlose / uns eigentlich Gebilde und Gebiet“, heißt es in einem Gedicht.

Viele von Rilkes Metaphern und Bildern stammen aus der antiken und christlichen Kultur. So gilt etwa der Sänger Orpheus, der seine Frau Eurydike aus dem Totenreich ins Leben zurückführen will, als eine mythologische Vorläuferfigur des auferstandenen Christus. Doch der Dichter geht weit hinaus über die Enge des konfessionellen Christentums seiner Kindheit. Es geht ihm um ein neues, tiefes Hören und um ein Leben aus Schönheit, die aus dem Anderen, dem Namenlosen entspringt. David Steindl-Rast und Alexandra Kreuzeder zeigen, wie sich Rilkes Gedichte als ein Weg zu einem geisterfüllten, guten Leben lesen lassen.

Dr. Ursula Baatz