Den Herz-Geist entfalten
Zen-Gedichte für Meditation und Alltag
| Heft: | 01 | 2026 Neubeginn |
| Verlag: | Patmos |
| Jahr: | 2025 |
| Preis: | 20 Euro |
| Seiten: | 134 |
Rezension
Das Leben lässt sich vergleichen mit dem Tautropfen, den der Wasservogel von seinem Schnabel schüttelt. Es ist wie die Spiegelung des Mondlichts, die für einen Augenblick auf dem Tropfen verweilt. Mujo – alles ist vergänglich.
Dieses kurze Gedicht hat Zen-Meister Dogen vor etwa 800 Jahren verfasst. In wenigen Worten erinnert er uns daran, wie schnell das Leben vergeht. Er braucht dazu nur die Skizze eines Naturbilds: ein Vogel, der etwas Tau abschüttelt. Ein Lichtschein, der aufstrahlt und vergeht. In der Zen-Tradition gibt es viele solcher Gedichte, die einen besonderen Augenblick beschwören und uns dadurch innehalten lassen. Ein flüchtiger Moment, der uns aus Verstrickungen löst und in die unmittelbare Gegenwart führt.
Der Schweizer Zen-Lehrer Peter Widmer rezitiert während seiner Seminare und Retreats gelegentlich ein Gedicht, statt einen längeren Dharmavortrag zu halten. So ist im Lauf der Jahre eine kleine Sammlung von Gedichten aus vielen Jahrhunderten entstanden, die er nun im Patmos-Verlag publiziert hat – insgesamt nicht mehr als zwei Dutzend. Der Autor erläutert und kommentiert sie auf jeweils zwei Seiten. Die Tuschzeichnerin Rita Böhm hat zu jedem Gedicht wunderschöne Grafiken geschaffen, nicht nur im traditionellen schwarz-weißen Stil, sondern auch mit überraschenden farblichen Akzenten.
Historisch hat sich die Tradition der Zen-Poesie mit der Ausbreitung des chinesischen Chan-Buddhismus nach Vietnam, Korea und Japan weiterentwickelt. Ein bedeutender Zen-Meister und -Dichter ist Ryokan (1758–1831), der in Peter Widmers Sammlung mehrfach vertreten ist, etwa mit diesen Versen: Der Affe streckt seine Hand aus nach dem Mond im Wasser. Bis der Tod ihn einholt, gibt er niemals auf. Ließe er den Ast los und ginge im Wasser verloren, würde die ganze Welt in blendender Reinheit glänzen. Loslassen, erläutert Peter Widmer in seinem Kommentar, bedeute nicht, aufzugeben, sondern Illusionen, die uns gefangen halten, loszuwerden. Ein Schritt in die Wirklichkeit. Oder, wie es Ryokan ausdrücken würde: Wenn dein Herz-Geist leer ist, sind alle Dinge deiner Welt im Überfluss vorhanden.
Michael Schornstheimer


