Anenja Vihara – Pionierinnen im Theravada Nonnenorden
Zufluchtsort und Herausforderung für spirituell suchende Frauen
| Heft: | 03 | 2026 Herzgeist |
| Verlag: | Waxmann Verlag |
| Jahr: | 2025 |
| Preis: | 34,90 Euro |
| Seiten: | 132 |
Rezension
Was geschieht, wenn Frauen im Westen den radikalen Schritt in die Hauslosigkeit wagen? Wenn sie Liebesbeziehungen, Familie und Beruf hinter sich lassen, um Nonne zu werden – in einer Tradition, in der die Gleichberechtigung zwischen Nonnen- und Mönchsorden nicht die Norm ist? Nach wie vor ist Frauen vielerorts der freie Zugang zu buddhistischen Nonnenorden verwehrt: „Trotz all der Hindernisse sind bereits viele Frauen weltweit den steinigen Weg gegangen, um die volle Ordination zur buddhistischen Nonne dennoch zu erlangen – und dieser Prozess dauert bis heute an“, schreibt Gabriele Helmer in ihrem Buch „Anenja Vihara – Pionierinnen im Theravada Nonnenorden“. Historische Einordnungen verbindet sie mit Beispielen dafür, wie Nonnen sich weltweit organisieren, um für ihre Gleichstellung zu kämpfen. Zugleich gibt sie Einblicke in die Lebenswege der Frauen und ihr klösterliches Zusammenleben.
Am Beispiel des Allgäuer Klosters Anenja Vihara zeigt sie, wie Frauen sich einen selbstbestimmten Ort buddhistischer Praxis geschaffen haben. Es ist das einzige Trainingskloster in Deutschland, das Frauen zur voll ordinierten Nonne ausbildet. Der Alltag im Kloster ist strukturiert: frühes Aufstehen, Chanten, Arbeit, Studium und Meditation. Das bewusste Leben nach acht, zehn oder mehr Regeln ist dabei nicht bloß religiöse Disziplin, sondern eine Form der Geistesschulung. Eine Klosterbewohnerin erklärt in einem der anonym mit den Frauen geführten Interviews: „Mein Ziel ist es, mich auf den Tod vorzubereiten – meine weiteren Ziele sind, Gleichmut zu erreichen, frei zu sein von Gier und Neugier und einen leeren Geist zu haben.“
Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn man kein Geld mehr benutzt und sich in der Meditation mit den existenziellen Fragen des Lebens beschäftigt? Die Nonnen müssen den Spagat zwischen Tradition und Moderne leisten. Einerseits leben sie nach den buddhistischen Ordensregeln des Vinaya, andererseits passen sie sich an die örtlichen kulturellen Gegebenheiten im überwiegend christlich geprägten Allgäu an. Das Dana-Prinzip erscheint als Gegenentwurf zur neoliberalen Selbstoptimierung. Dabei verschweigt das Buch die finanziellen Herausforderungen des Ordenslebens nicht. Die Abhängigkeit von Spenden und die Sorge um Krankenversicherungen werden angesprochen: „Alle zwei Wochen gehen wir auf Almosengang in Sonthofen. Wir bedanken uns für die Almosen – in Asien ist das ein No-Go. Dort bedanken sich die Ordinierten nicht für die Almosen. Ich fühle mich gut, wenn ich mit meiner Schale auf dem Markt stehe. Ich verstreue Metta, liebende Güte.“
Gabriele Helmer macht sichtbar, wie Nonnen die Entwicklung des Theravada im deutschsprachigen Raum mitgeprägt haben und weiterhin mitprägen. Und sie zeigt: Die Gleichstellung der Nonnen im Buddhismus entscheidet sich nicht allein im Ordensrecht, sondern vor allem auch im gelebten Alltag.
Theonie Leite


