Gnade in vorsprachlicher Zeit

Ein Beitrag von Amaury Cruz übersetzt von Kirsten Schulte veröffentlicht in der 1-2026 Neubeginn unter der Rubrik Bewusstsein.

Konnten Dinosaurier Mitgefühl zeigen? 

Terrence Malicks „Der Baum des Lebens“* ist ein Film, der sich weniger wie eine Erzählung  als vielmehr wie eine Meditation anfühlt – eine filmische Sutra über Leiden, Vergänglichkeit und das Geheimnis der Gnade, die unsere gegenwärtige Situation als Menschen widerspiegelt. Zu den eindringlichsten Szenen gehört eine, in der ein Dinosaurier seine Klaue auf den Hals eines gefallenen Wesens presst und es dann aus unerfindlichen Gründen wieder loslässt. Dieser Moment scheint einen Riss in der Zeit selbst zu öffnen, denn er zeigt einen ersten Hauch von Gnade in einer Welt, die vom Instinkt beherrscht wird. Könnte Gnade bereits vor der Sprache existiert haben – bevor der menschliche Verstand gelernt hat, sie zu benennen? Können wir hoffen, dass tiefe Instinkte der Gier, der Wut und der Täuschung entgegenwirken?

kreiert mit KI Sora: Ein Dinosaurier hat einen anderen besiegt und steht über ihm.
Bild: Amaury Cruz, kreiert mit Hilfe von Sora

Fossilien sprechen nur in Fragmenten. Sie bewahren Knochen und Sedimente, nicht Absichten. Im buddhistischen Denken ist diese Unvollständigkeit die Natur aller bedingten Dinge: sabbe sankhara anicca – alle Formationen sind vergänglich. Von Stein moralische Beweise zu verlangen, bedeutet, die Landkarte mit dem Gelände selbst zu verwechseln. Die Aufzeichnungen des Lebens offenbaren, wie der Geist, nur Teilwahrheiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass Mitgefühl fehlte. Wie das Bewusstsein entsteht auch Empathie in Abhängigkeit – sie ist ein beziehungsbedingtes Ereignis, kein dauerhafter Zustand. Das Zögern des Dinosauriers – ob real oder imaginär – offenbart möglicherweise dieselbe Dynamik, die Buddha beschrieb: den Moment, in dem ein Impuls auf das Bewusstsein trifft und sich nicht vollendet. Dieser Moment ist der Keim der Menschlichkeit.

Die moderne Wissenschaft lehrt uns, dass viele Theropoden**, insbesondere die Dromaeosaurier, Vorfahren der heutigen Vögel waren. Wenn man beobachtet, wie ein Rabe Probleme löst, ein Papagei seinen Partner oder seine Partnerin tröstet oder eine Krähe um ihre Toten trauert, erhält man einen Einblick in Entwicklungslinien, die bis ins Mesozoikum zurückreichen. Selbst Krokodile, die oft als Symbole der Brutalität abgestempelt werden, beschützen ihre Jungen und koordinieren die Jagd. Mitgefühl scheint nicht auf Säugetiere gewartet zu haben. Es könnte so alt sein wie die Fähigkeit des Lebens, sich selbst in einem anderen wiederzuerkennen, unsere Buddha-Natur zu reflektieren.

Der Buddhismus nennt dies „Interbeing“: Kein Leben existiert für sich allein, und daher ist keine Handlung jemals isoliert. Jede Geste, ob gewalttätig oder barmherzig, sendet Wellen durch das Netz der Existenz. Malicks Dinosaurier, der über seiner Beute innehält, wird zum Symbol für paṭicca-samuppada – bedingtes Entstehen – die Wahrheit, dass jedes Phänomen durch Beziehungen entsteht. Zögern bedeutet, diese Verbindung offen zu legen; ein anderes Leben zu verschonen bedeutet, sie zu verkörpern.

Ethologen beschreiben ein solches Zögern als „Hemmungsverhalten“: ein Raubtier, das den tödlichen Schlag zurückhält. Der Buddha beschrieb ahimsa, das Nicht-Verletzen, als die erste Blüte der Weisheit. Zwischen Impuls und Handlung liegt das Bewusstsein, und in diesem Raum schlägt das Mitgefühl Wurzeln. Die Pause des Dinosauriers mag zwar kein moralisches Urteilsvermögen sein, sie ähnelt jedoch der Achtsamkeit – dem Erwachen, das die Automatisierung unterbricht. Im Pali-Kanon lehrt Buddha, dass alle Wesen „vor Gewalt zittern, alle den Tod fürchten“. Dies wahrzunehmen bedeutet, den Weg der Zurückhaltung zu beschreiten.

Einige kleinwüchsige Theropoden verfügten über vergrößerte Vorderhirne, die zu sensorischer und möglicherweise auch sozialer Komplexität fähig waren. Die Evolution verläuft wie der Achtfache Pfad in kleinen Schritten des Erwachens. Dieselbe Nervenarchitektur, die ein Lebewesen zum Zögern veranlasste, könnte auch den Grundstein für Empathie, elterliche Fürsorge und sogar für eine Art Ur-Altruismus gelegt haben. Wenn ein Raubvogel vor dem Töten innehält, sehen wir dann möglicherweise nicht Verwirrung, sondern den schwachen Schimmer dessen, was spätere Kulturen als Anmut bezeichnen würden.

Aus buddhistischer Sicht ist dies nicht sentimental. Es ist einfach der Dharma, ausgedrückt in grauer Vorzeit. Das Leben ist das Feld der Praxis; saṃsara – der endlose Kreislauf von Geburt und Tod – ist keine Strafe, sondern ein Prozess. Mitgefühl ist keine menschliche Errungenschaft, sondern eine Eigenschaft, die sich auf Grundlage der gegenseitigen Abhängigkeit entwickelt hat. Das Bodhisattva-Ideal, nach dem man nicht für sich selbst, sondern für alle anderen erwachen soll, beruht auf einer in der Evolution verankerten Wahrheit: Das Leben überlebt ebenso sehr durch Zusammenarbeit wie durch Wettbewerb.

Bonobos trösten sich gegenseitig. Elefanten trauern. Selbst Ratten befreien gefangene Artgenossen. Diese Handlungen entspringen nicht einem moralischen Gesetz, sondern der natürlichen Intelligenz der Verbundenheit. Malicks imaginärer Dinosaurier, der seine Klaue hebt und Gnade walten lässt, vollzieht die Geste des Bodhisattva, noch bevor es dieses Wort gab: die Weigerung, Schaden zuzufügen, wenn Schaden möglich ist. Es ist karuṇa in seiner ältesten Form – das Zittern des Herzens angesichts des Leids eines anderen.

Ob ein solcher Moment in der Vorgeschichte tatsächlich stattgefunden hat, ist nebensächlich. Was er offenbart, ist vielmehr, dass Anmut nicht von oben verliehen wird, sondern im Gefüge des Seins zu angelegt ist.  Wenn der Dinosaurier seinen Fuß hebt, hält das Leben inne – bevor es sprechen lernt, bevor es Gut und Böse unterscheidet, bevor es menschlich wird.

Malicks Szene ist ein evolutionäres Koan:
Wann begann das Mitgefühl?
Vor der Sprache. Vor dem Denken. Bevor das erste Bewusstsein vor einem anderen erzitterte.

In dieser Stille regte sich bereits der Dharma.


ANMERKUNGEN:

*The Tree of Life“ (auf Deutsch „Der Baum des Lebens“) ist ein Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs Terrence Malick aus dem Jahr 2011. Der Film behandelt unter anderem existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Natur, der Gnade, dem Glauben und dem Leid.

** Zweibeinige, meist fleischfressende Dinosaurier


Der Beitrag ist am 27. Oktober 2025 erschienen auf dem Substack-account von Buddhist Coalition for Democracy: buddhistcoalitionfordemocracy.substack.com

Amaury Cruz

ist ein pensionierter Anwalt, Schriftsteller und politischer Aktivist aus South Carolina. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und einen Juris Doctor (einen rechtswissenschaftlicher Abschluss, der nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzt werden kann). Seit 1994 praktiziert er Zen in der Tradition von Roshi Philip Kapleau und ist Mitglied von Sanghas in Florida, North Carolina und New York.

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