Den Krieg mit dem Herzen spüren  

Ein Beitrag von Roshi Joan Halifax veröffentlicht in der 3-2026 Herzgeist unter der Rubrik Krieg und Frieden.

Roshi Joan Halifax, US-amerikanische Zen-Lehrerin und Menschenrechtsaktivistin, reflektiert über die anhaltenden Auswirkungen des Krieges, die verborgenen Wunden, die er hinterlässt, und darüber, wie wir der Gewalt in der heutigen Welt mit Mitgefühl und Gleichmut begegnen können. 

Mein intimstes Wissen über den Krieg verdanke ich meinem Vater. In den letzten Tagen seines Lebens begann er, seine Kriegserfahrungen erneut zu durchleben, Erinnerungen, die er nie mit seiner Familie geteilt hatte. Jahrzehntelang hatte er sie schweigend getragen, die Wunden tief in sich vergraben. In seinen letzten Stunden kamen diese Erinnerungen wieder an die Oberfläche, wie eine versteckte Infektion, die durch die Haut bricht. 

Kurz vor seinem Tod erwachte er in einem Delirium und glaubte, sich wieder auf dem Landungsschiff (LST) zu befinden, das er während des Zweiten Weltkriegs im Mittelmeer befehligt hatte. Er war überzeugt, das Schiff werde erneut bombardiert. Der Krieg war mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor zu Ende gegangen, und doch war sein Gift in ihm geblieben. Das ist eine der Wahrheiten über Krieg und ebenso über Völkermord: Die Gewalt endet nicht, wenn die Gewalt aufhört. Sie setzt sich fort in den Nervensystemen, in den Träumen und in den Beziehungen derjenigen, die überleben oder die schließlich keinen anderen Ausweg sehen, als ihr eigenes Leben zu beenden. 

Krieg und Völkermord jedoch begegnen die meisten von uns durch Bildschirme, Schlagzeilen und die Sprache der Eilmeldungen. Weil wir offene Kriege oder Völkermorde meist nicht selbst erlebt haben, erfahren wir diese Gewalt aus der Distanz. Und diese Distanz wirft wichtige Fragen auf: Verharmlosen wir Krieg und Völkermord, sind wir abgestumpft gegenüber Krieg und Völkermord, oder sehen wir Krieg und Völkermord wirklich als das, was sie sind? 

Was bedeutet Krieg? 

Wir könnten fragen: Wie ist es, vor einschlagenden Bomben zu fliehen? Wie ist es, vor den Trümmern eines einstürzenden Gebäudes wegzurennen? Wie ist es, Leichen auf der Straße zu sehen oder zu beobachten, wie Verwundete an einem vorbeigetragen werden? Wie ist es, in Angst zu leben, während Sirenen die Luft durchschneiden und vor einem weiteren Angriff warnen? Die meisten von uns kennen dies nur aus ihrer Vorstellung oder als Bilder auf einem Bildschirm. Doch für viele Menschen in unserer heutigen Welt ist dies tägliche Realität. 

Wenn ich darüber nachdenke, wandern meine Gedanken zu den Tausenden und Abertausenden von Menschen, die tatsächlich unter den schrecklichen Bedingungen von Krieg oder Völkermord gelebt haben. Was werden sie für den Rest ihres Lebens mit sich tragen? Und welche Erinnerungen werden in ihnen auftauchen, wenn sie ihrem eigenen Tod entgegengehen? 

Der Buddha sagt im Dhammapada ganz klar: „Hass wird niemals durch Hass besänftigt.“ Ein eindrückliches Beispiel für diese Wahrheit erlebte ich einmal, als ich sechs Jahre nach der Revolution, die die französische Kolonialherrschaft beendete, in Algerien arbeitete. Ich war damals als Anthropologin am Musée de l’Homme in Paris tätig. Die algerische Regierung wandte sich an mich mit der Bitte, ein beunruhigendes Problem zu untersuchen: In einem Stadtviertel namens Bab El Oued, aus dem viele der Revolutionskämpfer stammten, war die Suizidrate ungewöhnlich hoch. Warum sollten sich die Heldinnen und Helden einer Revolution das Leben nehmen? 

Nach vielen Gesprächen mit jungen Männern aus diesem Viertel wurde mir klar, dass sie die Gewalt der Revolution verinnerlicht hatten. Der äußere Feind war verschwunden, doch die Gewohnheitsmuster der Gewalt waren geblieben. Da es niemanden mehr gab, gegen den sie sich richten konnten, kehrte sich die Gewalt nach innen. Einige litten unter Depressionen und einem Gefühl der Sinnlosigkeit, andere hatten Suizidgedanken. Manche nahmen sich das Leben.  

Dies ist die tiefere Tragödie der Gewalt. Selbst wenn ein Krieg endet, wenn ein Völkermord endet, können die Muster von Hass und Angst fortbestehen. Die Albträume meines Vaters waren ein Beispiel dafür. Nach außen hin erschien er als ein normaler, liebevoller Mensch. Doch in ihm tobte ein verborgenes Schlachtfeld. Ich begann zu erkennen, dass sowohl Sieg als auch Niederlage Leid mit sich bringen. 

Sich den schwierigen Gefühlen stellen 

Vor nicht allzu langer Zeit wachte ich um drei oder vier Uhr morgens mit einer tiefen Unruhe im Herzen auf. Mein Computer piepste mit einer Benachrichtigung. Als ich sie öffnete, las ich, dass ein neuer Krieg begonnen hatte. Eine Mischung aus Angst und Traurigkeit überkam mich. Ich konnte nicht so tun, als sei ich ruhig. Ich konnte mich nicht hinter spirituellen Plattitüden über Vergänglichkeit verstecken oder versuchen, gelassen zu bleiben. Während die Stunden vergingen und ich die Nachrichten las, wurde mir etwas Wesentliches klar: Angesichts von Leiden begehen wir leicht zwei Fehler. Der erste ist, sich abzuwenden. Der zweite ist, die spirituelle Praxis zu nutzen, um das, was wir erleben, zu umgehen. 

Mein Lehrer, der Ehrwürdige Thich Nhat Hanh, tat in seinen frühen Jahren keines von beidem. Während des Vietnamkriegs stellte er sich dem Leiden direkt. Er sprach offen darüber. Er forderte unser Land auf, sein Land nicht länger zu bombardieren. Zugleich praktizierte er tief, um sich weder von seiner eigenen Wut und Traurigkeit noch von der Wut und Traurigkeit seiner Gemeinschaft überwältigen zu lassen. 

Manchmal glauben Menschen, spirituelle Reife bedeute, ruhig und vom Leiden unberührt zu wirken – eine Darstellung von Gleichmut. Doch wahrer Gleichmut ist keine emotionale Betäubung. Gleichmut ist die Fähigkeit, alles in unsere Erfahrung einzubeziehen, ohne uns von dem, was wir erleben, überwältigen zu lassen. Gleichmut erlaubt uns, Trauer, Angst und Wut zu fühlen, ohne von ihnen erstickt zu werden. Er ermöglicht es uns, zu antworten, statt nur zu reagieren. Und ja, Gleichmut löscht das Leiden nicht aus, aber er gibt uns die Kraft, ihm wirklich zu begegnen. 

Während des Vietnamkriegs wurde Thich Nhat Hanh eine schwierige Frage gestellt: Würde er Frieden unter einem kommunistischen Regime vorziehen, selbst wenn der Buddhismus verschwände, oder den Sieg eines demokratischen Vietnams, in dem der Buddhismus möglicherweise aufblühen könnte? Seine Antwort war eindeutig und entsprang seinem echten Gleichmut: Der Frieden muss an erster Stelle stehen. Den Buddhismus zu bewahren, dürfe niemals bedeuten, Menschenleben zu opfern, um Klöster, Rituale oder Hierarchien zu schützen. Wenn Menschenwürde und Mitgefühl überleben, kann der Buddhismus jederzeit in den Herzen der Menschen wiedergeboren werden. Wenn jedoch menschliches Leben zerstört wird, was bleibt dann noch zu bewahren? 

Die eigentliche Aufgabe besteht nicht darin, Institutionen zu bewahren. Die eigentliche Aufgabe ist die Befreiung aller, einschließlich uns selbst. Das bedeutet, das Terrain unseres eigenen Geistes zu erkunden und die subtilen und offensichtlichen Formen der Gewalt zu entdecken, die wir in uns tragen, und zu erkennen, wie diese uns von anderen trennen, sogar von unseren sogenannten Feinden. 

Dann ist da noch die Frage nach Macht und Empathie, und für mich hängt dies mit der aktuellen Kriegssituation im Nahen Osten zusammen. Moderne Neurowissenschaft und Sozialpsychologie liefern eine beunruhigende Erkenntnis: Wenn Menschen große Macht anhäufen, kann sich ihr Gehirn so verhalten, als wäre es erkrankt. Empathie kann nachlassen, Risikobereitschaft und Impulsivität können zunehmen. Die Fähigkeit, die Folgen des eigenen Handelns zu fühlen, schwindet. Auch dies ist eine Form von Leiden – wenn auch keine, zu der wir uns instinktiv hingezogen fühlen. Dieses Muster emotionaler Abstumpfung zeigt sich immer wieder in der Geschichte. Demagogen und autoritäre Führungsfiguren verlieren die Fähigkeit, das Leid zu empfinden, das sie verursachen. So wird das Leichenfeld eines gewollten Krieges oder eines grassierenden Völkermords nicht nur zu einem geopolitischen Ereignis. Es ist auch das Leichenfeld des Versagens von Empathie und einer tiefen Entfremdung unserer grundlegenden Menschlichkeit. 

Wir sind nicht getrennt, von dem, was geschieht 

Was ist unsere eigene Beziehung zu dem, was heute in der Welt geschieht? Der Zen-Meister Eihei Dogen lehrte, dass uji oder Sein und Zeit untrennbar sind. Er lehrte auch, dass zenki oder die ungeteilte Tätigkeit, das dynamische, miteinander verflochtene Wirken aller Ursachen und Bedingungen ist. Zusammen offenbaren uji und zenki eine Welt, in der jeder Augenblick die Verwirklichung aller Aspekte der Wirklichkeit ist. Aus dieser Perspektive ist unsere gegenwärtige Erfahrung der vollständige und ungeteilte Ausdruck der Existenz selbst, die sich in der Zeit entfaltet. Durch die Verwirklichung von uji und zenki wird unsere wahre, umfassende Menschlichkeit sichtbar. 

Diese Lehren erinnern uns daran, dass wir nicht getrennt sind von den Ereignissen, die sich in diesem Moment in unserer Welt entfalten. Wir sind nicht getrennt von dem, was im Iran, im Libanon, in Israel, in Gaza oder irgendwo sonst geschieht, auch nicht von der Gewalt des Krieges, der Gewalt des Völkermords oder der Arbeit des Friedens. 

Im Buddhismus ist der bodhisattva das Urbild des Friedensstiftens. Den Weg des Bodhisattva zu gehen, bedeutet zu erkennen, dass das eigene Leben untrennbar mit der Zeit sowie mit dem Leben und Wirken aller Wesen und Ereignisse verbunden ist. Aus dieser Sicht können wir verstehen, dass wir nicht getrennt sind von den Handlungen unserer Regierungen. 

Oft wird angenommen, der Buddhismus drehe sich vor allem um persönliche Erleuchtung, um Meditation, Transzendenz oder das Entkommen aus dem Kreislauf des Leidens. Doch meine eigenen Zen-Lehrer, Thich Nhat Hanh und Roshi Bernie Glassman, ebenso wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama und viele andere, haben es unmissverständlich klargestellt: Ein Buddhismus, der sich vom Leiden der Welt abwendet, ist kein Buddhismus. Wir sind ein Körper mit der Gewalt, mit dem Krieg, mit dem Völkermord und ebenso mit dem Frieden. 

Diese Sichtweise von Verbundenheit, Inklusivität und Unmittelbarkeit spiegelt sich überall in der buddhistischen Literatur wider. Im klassischen Zen-Text „Denkoroku“ von Keizan Jokin erzählt die erste Geschichte über das Erwachen der buddhistischen Vorfahren von der Erleuchtung des Buddha Shakyamuni. Als der Buddha den Morgenstern erblickte, rief er aus: „Ich, die große Erde und alle Wesen erlangen gleichzeitig den Weg.“ Beachten Sie, was der Buddha nicht sagte. Er sagte nicht: Ich habe die Erleuchtung erlangt. Er sagte: Ich und alle Wesen. 

In dieser Übersetzung fällt mir ein weiteres Wort auf, das gleichzeitig die absolute Unmittelbarkeit und Allumfassendheit unserer Erfahrung zum Ausdruck bringt: „uji“ und „zenki“. 

Bodhicitta, der erwachte Herz-Geist 

Im Upaya Zen Center, das ich vor vielen Jahren gegründet habe, betonen wir die Kultivierung von Bodhicitta, dem erwachten Herz-Geist, der sich der Befreiung aller Wesen verschrieben hat. Bodhicitta lockert den Griff der Ichbezogenheit und öffnet uns dafür, uns mit der ganzen Welt zu identifizieren und Solidarität mit allen zu empfinden. Wenn wir auf diese Weise leben, geschieht etwas Bemerkenswertes: Wir werden freier und zugleich vollständiger wir selbst. 

In Zeiten wie diesen erinnere ich mich an die Linie mutiger buddhistischer Friedensstifterinnen und Friedensstifter: Maha Ghosananda, Sulak Sivaraksa, A. T. Ariyaratne, Joanna Macy, Sensei Alan Senauke, Bernie Glassman, Bhikkhu Bodhi und viele andere. Jede und jeder von ihnen hat Gemeinschaften um sich versammelt, die sich Mitgefühl, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit verschrieben haben. Von diesen Lehrerinnen und Lehrern lernen wir, dass keine große Friedensbewegung je von einer einzelnen Person getragen wurde. Sie erinnern uns daran, dass Frieden nicht passiv ist und nicht ohne andere verwirklicht wird. Wir sitzen alle im selben Boot, ob als Friedensstiftende oder als Kriegstreibende. 

Wenn ich zu meinem Vater zurückkehre, der in den letzten Stunden seines Lebens glaubte, wieder auf jenem Landungsschiff zu stehen, der Krieg nicht mehr fern, sondern unmittelbar, lebendig in seinem Körper, als wäre er nie zu Ende gegangen. Was er mir in diesen Momenten zeigte, war nicht nur die Unmittelbarkeit und der Preis des Krieges, sondern auch, wie einsam solches Leiden werden kann, wenn es im Schweigen getragen wird.  

Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum Solidarität so wichtig ist. Nicht als Idee, sondern als eine Lebenshaltung, die Isolation ablehnt und sich kraftvoll mit anderen zusammenschließt – angesichts der aktuellen Kriege und Völkermorde im Namen der Werte der Gewaltlosigkeit. Durch Solidarität lassen sich die Echos des Krieges zum Schweigen bringen.  

Wenn wir uns dem Krieg stellen, der sich heute abspielt, und den furchtbaren Völkermorden, dann, so empfinde ich, müssen wir gemeinsam handeln aus einer Haltung heraus, die auf Mut, Verbundenheit und Mitgefühl gründet. Wir mögen in dieser Arbeit unvollkommen sein. Wir mögen uns unsicher oder ängstlich fühlen. Doch entscheidend ist unser innerer Kompass, die Fähigkeit, uns an Gewaltlosigkeit zu orientieren und zugleich am Leiden und der Möglichkeit seines Endes – selbst, wenn die Welt in Konflikt und Verwirrung versinkt. Der Krieg ist dem Herzen nahe, der Völkermord ist dem Herzen nahe. Und vielleicht entdecken wir, dass die direkte Begegnung mit Krieg und Völkermord ein Weg hinaus ist – und dass offene Auseinandersetzung mit anderen diesen Weg für alle gesünder und befreiender macht. 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lion´s Roar, wo der Artikel am 25. März 2026 unter dem Titel “War Close To The Heart” erschienen ist.  https://www.lionsroar.com/war-close-to-the-heart/

Übersetzt von Sarina Hassine, unter Zuhilfenahme von KI. 

Roshi Joan Halifax

ist eine US-amerikanische Zen- Buddhistin, Anthropologin, Ökologin, Bürgerrechtlerin, Hospizbetreuerin und Autorin mehrerer Bücher über Buddhismus und Spiritualität. Sie ist Äbtissin und leitende Dharmalehrerin des Upaya Institute und Zen Center in Santa Fe, New Mexico, einer Zen-Peacemaker- Gemeinschaft.

Ihr jüngstes Buch “Standing at the Edge: Finding Freedom Where Fear and Courage Meet” untersucht, wie wir den Herausforderungen begegnen können, vor denen wir im gegenwärtigen angespannten politischen Klima stehen.

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