Historisches Treffen der beiden 17. Karmapas: Anfang vom Ende der Spaltung?

12. Oktober 2018

Ogyen Trinley Dorje (33) und Thaye Dorje (35), die ihren Anhängerinnen und Anhängern bislang beide als alleiniges Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie gelten, haben sich Anfang Oktober 2018 in Frankreich getroffen. Dies könnte ein Signal dafür sein, dass die mehr als drei Jahrzehnte währende Spaltung der Karma-Kagyü-Linie eines Tages überwunden werden könnte.

Thaye Dorje (links) und Ogyen Trinley Dorje (rechts), die beide den Titel des 17. Karmapa für sich beanspruchen, treffen sich zum ersten Mal in Frankreich

Die Spaltung begann nach dem Tod des 16. Karmapa, Rangjung Rigpe Dorje (1924-1981), als zwei Linienhalter der Karma-Kagyü-Linie verschiedene Nachfolger identifizierten und inthronisierten. Der 14. Dalai Lama, mehrere prominente Kagyü-Lehrer und die Volksrepublik China erkannten Ogyen Trinley Dorje an, während viele andere hohe Lamas Thaye Dorje unterstützten. Die Karma-Kagyü-Linie spaltete sich in der Folge in zwei Teile. Die Jahre der Trennung waren von Spannungen, Groll und gegenseitigen Vorwürfen geprägt.

Nach ihrem Treffen haben die beiden Karmapas eine gemeinsame Erklärung publiziert. Darin heißt es:

„Seine Heiligkeit Ogyen Trinley Dorje und Seine Heiligkeit Trinley Thaye Dorje trafen sich in den letzten Tagen in einem ländlichen Ort in Frankreich. Der Zweck war, sich persönlich kennenzulernen und zu diskutierten, wie sie zusammenarbeiten könnten, um die Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus zu bewahren und zu stärken.

Nach ihren Diskussionen gaben Seine Heiligkeit Trinley Thaye Dorje und Seine Heiligkeit Ogyen Trinley Dorje folgende gemeinsame Erklärung ab:

‚Wir sind beide sehr froh, dass wir die Gelegenheit hatten, uns in einer friedlichen und entspannten Umgebung kennenzulernen und kennenzulernen. Wir beide hatten diesen Wunsch seit vielen Jahren und wir freuen uns, dass dieser Wunsch nun erfüllt wurde.

Der Zweck unseres Treffens war in erster Linie, Zeit miteinander zu verbringen, so dass wir eine persönliche Beziehung aufbauen konnten. Wir konnten uns frei miteinander unterhalten und zum ersten Mal voneinander lernen. Wir konnten damit beginnen, was sich zu einer starken Verbindung entwickeln kann.

Während wir zusammen waren, sprachen wir auch darüber, wie wir die Spaltungen heilen könnten, die sich unglücklicherweise in unserer wertvollen Karma-Kagyü-Linie in den letzten Jahren entwickelt hatten. Wir betrachten es als unsere Pflicht und Verantwortung, alles in unserer Macht stehende zu tun, um die Linie wieder zusammen zu bringen.

Dieses Unterfangen ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Karma-Kagyü-Linie sowie für die Zukunft des tibetischen Buddhismus und den Nutzen aller fühlenden Wesen. Wir bitten daher alle innerhalb der Karma-Kagyü-Gemeinschaft, sich uns anzuschließen, um unsere Linie zu stärken und zu bewahren. Wir betrachten es als unsere kollektive Verantwortung, die Harmonie in unserer Tradition wiederherzustellen, die eine Linie von Weisheit und Mitgefühl ist.’“

Für das buddhistische Magazin „Tricycle“ kam das Treffen der Karmapas „nicht völlig unerwartet“, wie es in einem Artikel vom 11. Oktober 2018 heißt. Bereits im März diesen Jahres habe Karmapa Ogyen Trinley Dorje über seinen Wunsch gesprochen, die Spaltung mit Hilfe einer jährlich wiederkehrenden mehrtägigen Gebetszeremonie in Bodhgaya, Indien, zu lösen. Allerdings könne die Spaltung nicht allein überwinden. Offenbar ist es nun zu einer gemeinsamen Bemühung gekommen.