Muho, der Zen-Meister, der auszog, das Leben zu verstehen
17. Mai 2026
Allgemein
Olaf ist ein Mann, der das Leben von Grund auf befragt hat – und das nicht erst, seit er unter dem Namen Muho als Abt eines japanischen Zen-Klosters bekannt wurde. Schon als Kind, nach dem frühen Tod seiner Mutter, stellte er die Fragen, die Erwachsene gern verdrängen: Warum leben wir überhaupt? Was bleibt, wenn alles vergeht? Antworten fand er weder bei seinem Vater noch in der Kirche, sondern erst Jahre später, als ihn ein Pädagoge im Internat zur Meditation einlud. Widerwillig ließ sich Olaf darauf ein – und entdeckte, dass er nicht nur einen Kopf, sondern auch einen Körper hatte. „Zum ersten Mal spürte ich meinen Atem richtig“, erinnert er sich. Ein Vogel, der draußen sang, wurde zum Symbol für das Erwachen in die Gegenwart.

Mit 19 reiste er erstmals nach Japan, mit 25 blieb er für immer. Er wurde Mönch, später Abt im abgelegenen Kloster Antaiji, tief in den Bergen, wo der Winter meterhoch Schnee bringt und die Gemeinschaft sich selbst versorgt. „Du musst Antaiji erschaffen“, sagte sein Meister zu ihm – ein Satz, der Muho geprägt hat. Verantwortung übernehmen, aber sich selbst vergessen: Dieser Widerspruch ist zum Koan seines Lebens geworden. „Du bist zwar die Hauptperson, aber gleichzeitig bist du es nicht“, sagt Muho heute. „Es geht um dich – und doch überhaupt nicht um dich.“
Sein Alltag war geprägt von Meditation, Landwirtschaft, Kochen, dem ständigen Kommen und Gehen von Schülern. „Die ersten zehn Jahre war ich eigentlich der Einzige, der wusste, was getan werden muss“, sagt er. Die Arbeit im Kloster war ein 24-Stunden-Job, das Familienleben ein zweiter. Muho heiratete eine Japanerin, die er zur Meditation eingeladen hatte. Sie folgte ihm ins Kloster, zog sich aber nach der Geburt der Kinder zurück, kümmerte sich um die Familie, während Muho zwischen Sangha und Familie pendelte. Im Winter lebte die Familie im Dorf, weil der Schnee den Schulweg sonst unmöglich gemacht hätte. „Ich war immer zwischen den Stühlen“, sagt Muho. Die Sangha erwartete einen Abt, der immer da war, die Familie einen Vater, der präsent war. „Für nichts hatte ich genug Zeit.“ Seine Kinder wuchsen zwischen Reisfeldern und Tempelmauern auf, doch Muho wollte ihnen nie seine Praxis aufzwingen. „Ich wollte nie so werden wie mein Vater “, sagt er. Die Kinder sollten ihren eigenen Weg finden. Heute leben sie in Osaka und Fukui, gehen ihren eigenen Interessen nach. Seine Frau, die das Landleben nie geliebt hat, genießt die Annehmlichkeiten der Großstadt. „In Osaka kann ich nachts um zwei Pudding kaufen“, sagt sie lachend.
Für Muho war der Umzug seiner Familie in die Stadt eine Erleichterung: „Die ganze Verantwortung plötzlich weg.“ Über 40 000 Stunden hat Muho in seinem Leben meditiert. „Am Anfang spürte ich einen Unterschied zwischen Alltag und Praxis. Heute ist das eins geworden.“ Die Disziplin, die er im Kloster gelernt hat, ist geblieben, aber der Zwang ist gewichen. „Ein Tag ohne Zazen ist auch ein guter Tag.“ Körperlich spürt er die Jahre: „Mitte 30, 40 war es am besten. Jetzt geht es langsam bergab.“ Doch Muho nimmt es gelassen. „Es geht darum, den Sweet Spot zu finden – mit dem Schmerz zu sitzen, ohne sich zu kasteien.“ Muho ist kein Asket, der sich in Dogmen verliert. Er lebt bescheiden, aber nicht asketisch. Seine Bücher, Vorträge und YouTube-Videos sichern den Lebensunterhalt. „Viele spenden mir über PayPal. Das reicht, um die Kauflust meiner Frau zu befriedigen“, sagt er mit einem Lächeln.

Er reist regelmäßig nach Deutschland, gibt Retreats, bleibt neugierig auf das Leben. Seine Bücher handeln von Glück, Liebe, Tod – und immer wieder von der Praxis, das Leben so zu nehmen, wie es ist. „Je mehr du nach Glück suchst, desto unglücklicher machst du dich“, schreibt er. Akzeptiere das Unglück, akzeptiere den Moment. Seine Texte sind keine Bedienungsanleitungen, sondern Einladungen, selbst zu erfahren, was es heißt zu leben. „Spring doch erst mal selbst ins Wasser “, rät er seinen Lesern. Der Tod? Olaf sieht ihm gelassen entgegen. „Ich bin gespannt darauf “, sagt er. Ob Wiedergeburt oder nicht – es ist ihm gleich. „Wenn es mich wieder geben sollte, mache ich so weiter.“ Ein Teil seiner Asche wird wohl im Kloster Antaiji ruhen, ein anderer vielleicht im Fluss treiben. „Mir ist das egal. Das sollen die entscheiden, die bleiben.“
Muho ist ein Wanderer zwischen den Welten – zwischen Ost und West, zwischen Kloster und Großstadt, zwischen Familie und Sangha, zwischen Alltag und Praxis. Er hat gelernt, dass das Leben kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Spiel, das gespielt werden will. „Ist es wirklich so wichtig, ob ich gewinne oder verliere? Ist es nicht wichtiger, wie viel Spaß es macht?“, fragt er. Und lacht.
Thomas Kierok


