Wissenschaftliches Symposium zu sexualisierter Gewalt im Buddhismus

Ein Beitrag von Sarina Hassine veröffentlicht in der 2-2025 Resonanz unter der Rubrik Buddhismus und Wissenschaft.

Das Symposium „Sexualisierte Gewalt im Buddhismus: Die Stimmen der Betroffenen im Mittelpunkt“ an der Northwestern University in Chicago in den USA brachte Menschen aus der ganzen Welt zusammen, um das Thema erstmals öffentlich im wissenschaftlichen Kontext der Buddhismusstudien zu diskutieren. Sarina Hassine fasst die Medienberichte zusammen. 

Im Rahmen einer dreitägigen Konferenz des Heartwood Center in der Nähe von Chicago fand öffentlich das eintägige Symposium statt, zu dem sich im Oktober 2024 rund 70 Teilnehmende trafen, um sich über die wissenschaftliche Erforschung sexualisierter Gewalt im Buddhismus und Aspekte wie Heilung und Gerechtigkeit auszutauschen. Menschen aus Wissenschaft und Forschung, Aktivistinnen und Aktivisten und Betroffene sexualisierter Gewalt gingen hier in den Dialog. Insbesondere die Stimmen Betroffener erhielten breiten Raum, beispielsweise bei einem Podiumsgespräch, in dem sie persönliche Erfahrungen und Gedanken teilten.

Organisiert wurde die Veranstaltung von den Buddhismuswissenschaftlerinnen Ann Gleig, Professorin für Religions- und Kulturwissenschaften an der University of Central Florida, Sarah Jacoby, Professorin für Religionswissenschaften an der Northwestern University, Amy Paris Langenberg, Professorin für Religionswissenschaften am Eckerd College in Florida, und Nancy Floy, der Gründerin des integrativen Gesundheits- und Heilungszentrums Heartwood. 

In einem Artikel im Online-Magazin „The Shiloh Project“ erklärten die drei Wissenschaftlerinnen die Konferenz zur bedeutendsten ihrer akademischen Laufbahn und fügten hinzu: „Nach unserer Auffassung gibt es in unserem Fachgebiet ein ethisches und intellektuelles Versagen. Wir versuchen das zu ändern, indem wir uns für eine Wissenschaft und Pädagogik einsetzen, die sich auf Betroffene ausrichten.“ Auch machten sie das Ziel der Konferenz deutlich: zu zeigen, dass sexualisierte Gewalt im Buddhismus ein globales Phänomen darstelle, das über verschiedene Traditionslinien und kulturelle Kontexte hinweg auftrete und verheerende Auswirkungen auf die Opfer und ihre Gemeinschaften habe. Die Buddhismusforschung habe es versäumt, sexualisierte Gewalt als strukturelles Problem anzuerkennen, welches als grundlegender Aspekt der buddhistischen Geschichte, der Institutionen und sogar der buddhistischen Lehren selbst wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdiene. 

Heilige Orte, stilles Leiden

Den Auftakt des Symposiums bildeten eine Reihe von Präsentationen. Eine davon widmete sich der sexuellen Gewalt im tibetischen buddhistischen Kontext. Die Ehrwürdige Choela Tenzin Dadon, eine promovierte Nonne aus Bhutan, und die ehrwürdige Karma Tashi Choedron, eine ebenfalls promovierte Nonne aus Malaysia, beide ordiniert in der tibetischen buddhistischen Tradition, reflektierten in ihrem gemeinsamen Vortrag über „Heilige Orte, stilles Leiden: Sexualisierte Gewalt im tibetischen buddhistischen Kontext“. Sie berichteten, dass sexualisierte Gewalt in Nonnenklöstern des Vajrayana-Buddhismus allgegenwärtig sei. Sie werde beispielsweise dadurch begünstigt, dass Mönche, die in Nonnenklöstern eine angesehene Lehrtätigkeit ausüben, ihren Nonnenschülerinnen gegenüber behaupteten, ihr sexuelles Fehlverhalten stelle in Wirklichkeit einen Katalysator für fortgeschrittene spirituelle Errungenschaften dar – auf diese Weise gelinge es ihnen, die Nonnen auszunutzen.

Ein anderer Vortrag widmete sich dem Schweigen über sexualisierte Gewalt und wie es gebrochen werden kann. Lama Willa Blythe Baker von der Natural Dharma Fellowship in Boston erzählte in ihrem sehr persönlichen Bericht, wie sie gewaltvolle Erfahrungen mit ihrem Lehrer öffentlich und privat aufgedeckt hat. „Sexuelle Gewalt ist kein Problem einzelner Personen, sie ist systemisch“, erklärte in diesem Zusammenhang Caroline DeVane, ehemalige Zen-buddhistische Priesterin, ebenfalls Betroffene und Doktorandin der Anthropologie gegenüber dem Online-Magazin „Buddhistdoor Global“. Sie hoffe, dass künftig mehr Menschen das Zusammenspiel sozialer, struktureller und in buddhistischen Lehrinhalten begründeten Faktoren erkennen können, welches die sexuelle Gewalt ermögliche. Dafür seien wissenschaftliche Untersuchungen der Ursachen und Bedingungen sexualisierter Gewalt unabdingbar.

Die Anwältin für Betroffene Carol Merchasin sprach auf dem Symposium über die langsamen und oft mühsamen Rechtsverfahren, denen Betroffene ausgesetzt sind. Sie betonte allerdings auch, wie wichtig in den letzten Jahren Gerichtsverfahren gegen buddhistische Täter gewesen seien, die viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt hätten. Auf diese Weise hätten solche Verfahren dazu beigetragen, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die weitverbreitete und tief verwurzelte sexualisierte Gewalt in buddhistischen Gemeinschaften zu schärfen.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder 

Auch sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist auf der Konferenz ein wichtiges Thema gewesen. Als erster Forscher weltweit hat sich der sri-lankische Psychotherapeut und ehemalige Mönch Chandana Namal Rathnayake mit dem Thema sexuelle Gewalt an Kindern in buddhistischen Klöstern befasst und dazu jüngst seine Promotion vorgelegt. Unter dem Titel „Buddhismus und sexuelle Gewalt – Eine Belastung für buddhistische Kinder in Sri Lanka“ zeigt die Arbeit die immensen Ausmaße sexualisierter Gewalt gegen Jungen durch Lehrer und ältere Mönche in buddhistischen Klöstern des Landes auf. Die Forschungsarbeit basiert dabei sowohl auf soziologischen Forschungsmethoden wie auf den persönlichen Erfahrungen des Verfassers als Kindermönch in Sri Lanka, wo nach seinen Schätzungen mehr als 50 Prozent der Kinder in Klöstern sexueller Gewalt ausgeliefert sind. „Rathnayakes wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema ist ebenso mutig wie ergreifend und zeigt, dass dringend weitere Forschung und institutionelle Reformen gebraucht werden“, kommentieren die Wissenschaftlerinnen in ihrem Beitrag bei „The Shiloh Project“.

Solidarität und Unterstützung

Die Veranstaltung beinhaltete auch eine offene Gesprächsrunde Betroffener sexualisierter Gewalt durch Gurus aus verschiedenen buddhistischen Traditionen – darunter Zen, Theravada und die tibetische Tradition. Die Betroffenen teilten ihre persönlichen Erfahrungen und sprachen über die tiefgreifenden Auswirkungen der Gewalt auf ihr Leben. Insgesamt war es den Organisatorinnen gelungen, für die Konferenz einen geschützten und mitfühlenden Rahmen zu schaffen, wie Rachel Montgomery, Betroffene und Mitbegründerin des Heartwood-Projekts „Connecting Survivors“ („Überlende vernetzen“) abschließend zum Ausdruck brachte. Die gesamte Konferenz sei bemerkenswert herzlich und inklusiv gewesen, erklärte sie gegenüber „Buddhistdoor Global“: „Für mich als Betroffene von Verletzungen im buddhistischen Umfeld war die unterstützende und fürsorgliche Umgebung zutiefst bedeutsam. Mein wichtigster Eindruck war das überwältigende Gefühl der Solidarität und Unterstützung – es fühlte sich an, als gäbe es mehr Menschen, die uns bei unserer Heilung und Genesung stützen, als solche, die versuchen, uns zum Schweigen zu bringen.“

Mit der Wissenschaft im Dialog

In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden Möglichkeiten erkundet, wie die akademische Forschung mit der Interessenvertretung von Betroffenen künftig verbunden werden kann. Fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beantworteten Fragen wie: Welche Hindernisse und Herausforderungen haben die Buddhismuskunde daran gehindert, eine auf Betroffene ausgerichtete Forschung zu unterstützen? Wie würde eine auf Betroffene ausgerichtete buddhologische Forschung aussehen? Was könnten wir über den Buddhismus lernen, was gegenwärtige Forschungsansätze verdecken? 

Die wissenschaftlichen Expert:innen plädierten dafür, dass die Buddhismuskunde der Frage der sexualisierten Gewalt mit soliden Methodiken Raum gebe, anstatt sie zu marginalisieren. Sie waren sich auch einig, dass das Thema in die Einführungsseminare der Buddhologie aufgenommen werden müsse, zum einen, um die jungen Studierenden vor sexualisierter Gewalt zu schützen, und zum anderen, um das Thema ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu holen.

Dialog zwischen Betroffenen und Wissenschaftler:innen

Damchö Diana Finnegan von der Universität von Wisconsin-Madison und Gründerin der Nonnengemeinschaft Dharmadatta, formulierte gegenüber „Buddhistdoor Global“ ihr Resümee: „Betroffene sexualisierter Gewalt durch buddhistische Lehrer werden oft aus ihren Sanghas ausgeschlossen – stattdessen bilden diese oft einen schützenden Kreis um den Täter. Daher war es für viele Betroffene heilsam, in diesem öffentlichen Rahmen sprechen zu können, mit Buddhismusforschenden zusammenzukommen und Lehrende sowie Gemeinschaften rechenschaftspflichtig zu machen.“ Rachel Montgomery drückte ihre Hoffnung auf einen anhaltenden Dialog zwischen Betroffenen und Forschenden aus: „Diese Konferenz ebnet hoffentlich den Weg dafür, dass mehr Betroffene ihre Erfahrungen mit buddhistischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern teilen.“

Finanziert wurde die Konferenz zum größten Teil von der Hemera Foundation, die in den nächsten zwei Jahren auch gut 600 Therapiesitzungen für Betroffene sexueller Gewalt in buddhistischen Kontexten bezahlen möchte. Zusätzliche Unterstützung kam vom Heartwood Center, das die beiden Konferenztage ausrichtete, und von der Henry Luce Foundation, der Khyentse Foundation und der Northwestern University. 

Quellen und weitere Informationen

Symposiumsbericht auf „Buddhistdoor Global“: www.buddhistdoor.net/news/symposium-at-northwestern-university-addresses-sexual-violence-in-buddhism/

Symposiumsbericht auf „The Shiloh Project“: shilohproject.blog/category/buddhism/

Symposiumsbericht auf „Lions Roar“: www.lionsroar.com/the-heartwood-northwestern-symposium-a-groundbreaking-gathering-centering-survivors-of-sexual-violence-in-buddhism/

Nicht mehr schweigen! Kritische Betrachtung sexueller Ausbeutung in der buddhistischen Praxis – Eine monastische Perspektive“, Vortrag der Ehrwürdigen Dr. Tenzin Dadon und der Ehrwürdigen Karma Tashi Choedron, präsentiert auf der 16. Internationalen Sakyadhita-Konferenz buddhistischer Frauen 2019: youtu.be/0Qvbm9G1HKo  

Sarina Hassine

arbeitet als Autorin und Redakteurin, unter anderem bei BUDDHISMUS aktuell.Seit 2012 leitet sie Angebote für Achtsamkeit, Meditation und Mitgefühl für Erwachsene, Eltern, Familien und im pädagogischen Kontext. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

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