WARUM … wir in der Verantwortung stehen, dem Buddhismus ein Gesicht zu geben

Ein Beitrag von Tsunma Konchok Jinpa Chodron veröffentlicht in der 2-2026 Macht unter der Rubrik Warum.

Was bedeutet es, den Buddhismus zu repräsentieren, im Alltag und in den komplexen Situationen des täglichen Lebens? Welche Verantwortung und welche Freude gehen damit einher? Eine Reflexion von Tsunma Konchok Jinpa Chodron, Vorsitzende der Deutschen Buddhistischen Union. 

Kürzlich machte der Teilnehmer eines der Meditationskurse, die ich gebe, eine Bemerkung, die mich ins Nachdenken gebracht hat. Ich hätte für ihn, so drückte er sich aus, „dem Buddhismus ein Gesicht gegeben“. Dafür sei er sehr dankbar, denn vorher habe er nur über den Buddhismus gelesen. Ihn jetzt im persönlichen Austausch zu erleben, sei „etwas ganz anderes“. 

Seine Worte hallen in mir nach und ich stelle mir die Frage, was es – grundsätzlich und für mich persönlich – wohl bedeuten könnte, dem Buddhismus ein Gesicht zu geben. Wenn ich an Menschen denke, die für mich dem Buddhismus ein Gesicht geben, fallen mir die großen Lehrerinnen und Lehrer ein, neben vielen anderen sind das Seine Heiligkeit der Dalai Lama, der vietnamesische Mönch Thich Nath Hanh, die Ehrwürdigen Ayya Khema und Jetsunma Tenzin Palmo – und natürlich mein eigener Lehrer und Linienhalter, Seine Heiligkeit Drikung Kyabgon Chetsang Rinpoche. Einige von ihnen habe ich persönlich getroffen, allerdings längst nicht alle, und mir ist auch bewusst, dass solche großen buddhistischen Lehrerinnen und Lehrer für viele Menschen völlig unerreichbar sind. 
 

Ein lebendiges Gegenüber 

Es scheint mir jedoch sehr wichtig, ein lebendiges Gegenüber zu haben. Mir kommt dabei das berühmte „Du“ des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber in den Sinn, auf das wir uns beziehen können und das uns hilft, bloße Worte mit Leben zu füllen, Konzepte durch Erfahrung zu ersetzen und Gelesenes durch Einsicht zu vertiefen.  

Ein Gesicht bietet einen Einstiegs- und Anhaltspunkt – es ist greifbar, erlebbar. In diesem Sinne wäre das Gesicht des Buddhismus ein Katalysator zur weiteren Erschließung der Lehre des Buddha – ein tieferes Sehen, ein Sichten, das zu Einsichten führt.  

Nur: Welches Gesicht, welche Sicht zeige ich der Welt? Welcher Buddhismus wird durch mich sichtbar gemacht? In jedem Menschen, der den Weg des Buddha geht, in jeder und jedem Praktizierenden manifestiert und entfaltet sich ein Stück weit die Lehre des Buddha, in je verschiedener Weise, je nachdem, welche Lebensumstände und Bedingungen zusammenwirken. Darum gibt es viele Gesichter des Buddhismus, auch wenn die zugrundeliegende, ursprüngliche Natur des Geistes – das ursprüngliche Gesicht – allen gemeinsam ist. 

Die Vielfalt der Gesichter 

Und ist nicht eine Vielfalt der Gesichter auch schon in mir selbst angelegt? In meinem Fall im Äußeren das Gesicht einer Nonne mit geschorenem Kopf, in tibetisch-buddhistischen Roben, ein weibliches Gesicht, ein inzwischen altes Gesicht. Und was zeigt sich im Inneren? Das Gesicht meiner Verblendung – oder eines der vielen Gesichter des Großen Mitfühlenden in seiner friedvollen oder zornvollen Form? Kommt in diesem Moment das aktive Handeln im Weltlichen zum Ausdruck oder der Aspekt der Weisheit? Mir scheint es wichtig, dass wir uns stets darüber bewusst sind: In unserem Gesicht drückt sich unser Verständnis des Dharma aus und wie der Buddhismus durch uns genau jetzt umgesetzt wird, in diesem Augenblick, dieser Situation, dieser Begegnung. Es zeigt sich mein gelebter Buddhismus – alle Unzulänglichkeiten und Errungenschaften eingeschlossen. 

Ich sage „unser“ und „mein Buddhismus“ – aber ist es dann auch noch Buddhismus? Ja, aber nur wenn wir ein Gesicht zeigen, das sowohl die Vielfalt als auch das Ursprüngliche widerspiegelt – denn sonst erstarrt das Gesicht zu einer Maske, zu einer Identität, die es mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten gilt. Darum ist das Gesicht des Buddhismus fluid und ständig im Wandel begriffen – offener, weiter Geist, der sich immer wieder aufs Neue manifestiert. Das Gesicht des Buddhismus ist der Spiegel samadhi – immer klar, auch wenn durch vorübergehende Trübungen verdeckt. 

Was für eine große, aber auch wunderbare Verantwortung, dem Buddhismus ein Gesicht zu geben! Es ist die Verantwortung aller Buddhistinnen und Buddhisten. Auch die Deutsche Buddhistische Union (DBU), deren Vorsitzende ich zurzeit bin, gibt dem Buddhismus ein Gesicht – in vielen Variationen und Facetten. Als Praktizierende prägen wir dieses Gesicht, und es liegt täglich in unserer Verantwortung, was sich darin widerspiegelt und welches Gesicht des Buddhismus wir zeigen. Ein einheitliches wird es sicher nie sein und sich manchmal getrübt, manchmal klar zeigen. Wichtig ist, dass es ein wahrhaftiges Gesicht ist und bleibt.  

Wir sind ein Spiegel füreinander, ursprünglicher Geist in all seinen Formen und Variationen. Und vielleicht ist es weniger der Buddhismus als historisch gewachsene Philosophie und Religion als vielmehr der Dharma selbst – die zeitlosen Wirkweisen und Gesetzmäßigkeiten des Lebens, wie sie der Buddha erkannt und gelehrt hat –, der sich durch uns im alltäglichen Leben manifestiert. 

Sehr selten können wir dem unvergleichlich tiefen und äußerst subtilen Dharma begegnen,  
selbst in Hunderttausenden Millionen Äonen.  
Nun können wir ihn sehen, ihn anhören und ihn bewahren.  
Mögen wir die wahre Bedeutung der Lehre des Tathagata vollständig verstehen. 

Gebet aus dem Zen-Buddhismus, basierend auf dem Text „Der Samadhi des Schatzspiegels“ 

Tsunma Konchok Jinpa Chodron

ist in der tibetischen Drikung-Kagyü-Tradition ordiniert, im Vorstand der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft und Vorsitzende des Vereins Gelebter Dialog im alten Kloster, der sich für den interreligiösen Dialog engagiert. Sie unterstützt das internationale buddhistische Frauennetzwerk Sakyadhita.

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