Mit guten Intentionen in das neue Jahr
Ein neues Jahr ist nicht nur eine Zäsur im Kalender, sondern immer wieder auch eine gute Gelegenheit, alte Gewohnheiten zu überdenken und neue zu etablieren. Doch wie schaffen wir es, bei unseren guten Vorsätzen zu bleiben? Im Buddhismus finden sich dazu wertvolle Inspirationen.
Neujahrsvorsätze sind die Klassiker zum Jahreswechsel. Viele verspüren den Wunsch, innezuhalten und ihre Gewohnheiten zu überdenken, und setzen sich hehre Ziele wie beispielsweise mehrere Kilos abzunehmen, fünfmal pro Woche zu meditieren oder achtsamer mit den eigenen Ressourcen umzugehen. Studien zeigen jedoch, dass nur etwa acht Prozent der Menschen ihre Neujahrsvorsätze tatsächlich umsetzen. Durchschnittlich halten Fitnessvorsätze gerade einmal acht Tage. Was läuft schief?
Laut Definition ist ein Vorsatz der Entschluss, eine bestimmte Handlung oder Vorgehensweise umzusetzen, ein fester Wille, etwas zu tun, ein mentaler Zustand der Entschlossenheit. Diese Begriffe klingen hart, starr, absolut. Und genau darin liegt das Problem: Wir setzen uns feste Ziele mit klaren Erwartungen und scheitern dann an der Realität des Lebens. Denn wir sind nun einmal Menschen, fehlbar, schwankend, ständig im Wandel.

Die Praxis des Mittleren Weges
Eine meiner Achtsamkeitslehrerinnen sprach einmal vom Spannungsfeld zwischen Geduld und Entschlossenheit. Sie verglich die Meditationspraxis mit dem Spannen eines Bogens: Zieht man zu fest, reißt die Sehne – hält man zu locker, fliegt der Pfeil nicht. Der Buddha hat den Mittleren Weg gelehrt, zwischen Askese und Genuss, zwischen Zwang und Nachlässigkeit. Vielleicht scheitern wir an unseren Vorsätzen, weil sie uns in die Extreme treiben?
Die Alternative ist nicht Resignation, sondern eine weise, mitfühlende Entschlossenheit: Wir dürfen den Wunsch nach Veränderung ernst nehmen – aber nicht mit Härte, sondern mit metta (liebender Güte) und Geduld. Wandel geschieht nicht durch Willenskraft allein, sondern durch beständige Praxis und gute Gewohnheiten.
Vielleicht sollten wir eher mit dem Begriff der Intention arbeiten. Das Wort stammt vom lateinischen intendere – etwas anstreben, die Aufmerksamkeit auf etwas richten. Im Buddhismus spricht man von cetana, der geistigen Haltung oder Motivation hinter einer Handlung. Im Gegensatz zum starren Vorsatz richtet sich eine Intention auf den Weg, nicht nur auf das zu erreichende Ziel. Sie ist fließend, gegenwärtig, nicht verhaftet.
Eine Möglichkeit, wie wir mit Intentionen arbeiten können, besteht darin, uns ein persönliches Wort zu suchen und es als inneren Leitstern für das kommende Jahr zu setzen – wie Vertrauen, Loslassen oder Ruhe. In regelmäßigen Abständen erinnern wir uns und reflektieren: Passt mein Verhalten zu meiner Intention? Wir können unsere Intentionen auch visualisieren in einer Collage aus Bildern und Worten, die symbolisieren, was wir uns für das kommende Jahr wünschen. Auch ein spiritueller Altar, auf dem wir unsere Herzenswünsche sichtbar machen, kann uns durch das Jahr begleiten.
Ein Dharma-Leitfaden zum Jahreswechsel
Kläre deine Absicht
Frage dich mit ehrlicher Selbstreflexion: Warum möchte ich abnehmen, sparen oder mich besser organisieren? Vielleicht, weil ich mich freier, friedlicher oder präsenter fühlen möchte? Die emotionale Bedeutung hinter dem Ziel zu verstehen macht das Vorhaben nachhaltiger. Und wenn unsere Motivation aus Mitgefühl und Weisheit entspringt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie Früchte trägt.
Prozess statt Ergebnis
Vorsätze wie „Zehn Kilo abnehmen“ oder „aufgeräumter werden“ fixieren sich auf ein Ergebnis, nicht auf den Weg dorthin. Studien zeigen: Wer sich auf den Prozess konzentriert, erzielt oft bessere Resultate. Wenn man sich also stattdessen vornimmt, täglich spazieren zu gehen oder gesund zu Mittag zu essen, kommt der Effekt oft ganz von allein. Im Geiste des Achtfachen Pfades (insbesondere durch Rechte Anstrengung und Rechte Achtsamkeit) geht es nicht um Ergebnisse, sondern um heilsames Tun in jedem Moment.
Gewohnheiten durchschauen
Beobachte deine Gewohnheiten: Was genau löst beispielsweise meine Impulskäufe aus? Der Autor Charles Duhigg beschreibt in seinem Buch „Die Macht der Gewohnheit“ den sogenannten Habit Loop, einen Gewohnheitskreislauf bestehend aus Auslösereiz, Handlung und Belohnung. Wer diesen Kreislauf versteht, kann ihn gezielt verändern. Achtsamkeit auf Gewohnheitskreisläufe kann uns helfen, neue Routinen zu etablieren. Statt morgens direkt zum Smartphone zu greifen, können wir eine neue Gewohnheit etablieren: eine kurze Meditation und in Ruhe eine Tasse Tee genießen – zur Belohnung starten wir dadurch öfter ruhig und geklärt in den Tag.
Freundlichkeit – auch im Scheitern
Wir alle werden Momente erleben, in denen wir unseren Zielen nicht gerecht werden. Der wichtigste Grundsatz ist daher, dass wir immer wieder neu beginnen. Wenn in der Meditation der Geist abschweift, kehren wir sanft zum Atem zurück – ohne Urteil, ohne Härte. Dasselbe gilt für das Leben. Jeder Rückschlag ist eine Einladung, bewusst und mitfühlend neu anzusetzen.
Liebevolle Veränderung statt Selbstoptimierung
Der Buddha sprach oft von wiederholtem Neubeginn, davon, immer wieder zur Praxis zurückzukehren. Neujahrsvorsätze sollten keine rigiden Regeln sein, sondern liebevolle Impulse zur Veränderung. Wenn wir aufmerksam auf unsere Gewohnheiten blicken, können wir bewusst entscheiden, was wir ins neue Jahr mitnehmen wollen – und was wir loslassen möchten. Neubeginn heißt weniger, dass ich ein besserer Mensch werde, sondern eher, dass ich neu erkenne, was bereits in mir liegt. Die Samen heilsamer Qualitäten wie Weisheit, Mitgefühl, Geduld sind bereits da. Unsere Aufgabe ist es, ihnen Raum zu geben – immer wieder aufs Neue.

Sarah Rudell Beach
ist eine US-amerikanische Autorin und engagiert sich für Achtsamkeit im Bildungskontext. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Mindfulness for Children“ und „Self-Care for Busy Mothers“.


