Innere Stärke, äußere Strukturen und die feinen Linien des Machtmissbrauchs

Ein Beitrag von Ayya Phalanyani veröffentlicht in der 2-2026 Macht unter der Rubrik Schwerpunkt Macht.

Macht durchzieht oft im Verborgenen Beziehungen, Gemeinschaften und Institutionen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema lohnt sich – besonders für Praktizierende, die dem Auftrag des Buddha folgen, Leid zu überwinden, indem sie ihre Ansicht von einem festen Ich und einer Persönlichkeit auflösen. Wie können wir im Sinne des Buddha Macht erkennen, begrenzen, nutzen? Reflexionen und Erfahrungen aus dem Klosterleben von Ayya Phalanyani.

Eltern-Kind-Beziehungen, Familie, Arbeitswelt, religiöse Gemeinschaften, Politik oder Klosterleben – kaum ein Bereich ist frei von Machtverhältnissen. Oft prägen sie unbenannt und unbewusst unser Erleben und Handeln. Wie Macht ausgeübt wird und wie wir ihr begegnen, macht einen entscheidenden Unterschied für Leben und Praxis. 

Macht bezeichnet die Fähigkeit oder das Recht von Personen, Gruppen oder Institutionen, zu bestimmen oder zu beherrschen. Häufig ist der Begriff negativ besetzt, insbesondere dann, wenn Macht gegen den Willen von Menschen ausgeübt wird und Ohnmacht erzeugt. Entsprechend wird sie mit Gewalt, Unterdrückung, Zwang und Dominanz verbunden. Seltener wird Macht positiv verstanden, etwa als Fähigkeit zur Befreiung oder Entwicklung – eine Perspektive, die in der Lehre des Buddha zentral ist und auch im westlichen Denken an Bedeutung gewonnen hat. 

Macht kann gegeben, genommen, ausgeübt oder missbraucht werden. Ob sie heilsam oder unheilsam wirkt, hängt wesentlich davon ab, wie bewusst und verantwortungsvoll Menschen mit ihr umgehen. Macht kann vorhanden sein, ohne eingesetzt zu werden; sie kann ausgeübt werden, ohne als solche empfunden zu werden. Von subtilen persönlichen Beziehungen bis zum Krieg hat Macht viele Erscheinungsformen – und nicht alle sind auf den ersten Blick erkennbar. 

Bild: Werner Steiner, KI-generiert, studio.creativefabrica.com

Der Buddha und die Macht 

Zunächst mag es scheinen, als hätte der Buddha wenig mit Macht zu tun. Seine Lebensgeschichte zeigt jedoch das Gegenteil. Als Königssohn und Thronfolger versuchte sein Vater, Siddhartha mit weltlicher Macht an den Thron zu binden und von einem asketischen Leben abzuhalten. Siddhartha wiederum setzte alles daran, Asket zu werden und nibbana, die vollständige Befreiung vom Leid, zu verwirklichen. Er widerstand den Versuchungen Maras (das Prinzip des Todes und des Unheils, die Red.) und entwickelte eine außergewöhnliche Macht über sich selbst – eine innere Stärke, die ihm nicht nur die Befreiung ermöglichte, sondern auch die Fähigkeit, andere auf diesen Weg zu führen. 

Im Pali finden sich mehrere Begriffe, die unterschiedliche Aspekte dessen beleuchten, was im Deutschen mit „Macht“ bezeichnet wird. Einer davon ist bala, eine körperliche und geistige Stärke, die sich aus Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit zusammensetzt. Diese fünf Kräfte verleihen Wirksamkeit und Durchsetzungskraft und können – je nach Geisteshaltung – heilsam oder unheilsam eingesetzt werden. 

Die dunkle Seite der Macht 

Obwohl es möglich ist, Macht wohlwollend und heilsam einzusetzen, finden sich dafür in der Realität nur wenige überzeugende Beispiele. Meistens dient Machteinsatz dem persönlichen Vorteil. Bereits der Gedanke daran kann einen unheilsamen Prozess in Gang setzen, sobald man das Leid anderer dabei in Kauf nimmt oder außer Acht lässt. 

Der Buddha weist seinen Sohn Rahula in Majjhima Nikaya 61 ausdrücklich darauf hin, Handlungen vor, während und nach ihrem Vollzug sorgfältig zu prüfen: Führt eine Handlung zu eigenem Leid, zum Leid anderer oder zu beidem, soll sie unterlassen werden; führt sie zu keinem Leid, darf sie ausgeführt werden. Das gilt gleichermaßen für körperliche, sprachliche und geistige Handlungen. 

Diese Praxis der Selbstprüfung schützt Praktizierende davor, unheilsam zu handeln und Macht zu missbrauchen. Das ist besonders bedeutsam, wenn Menschen intensiv meditieren und eine hohe Konzentration entwickeln. In solchen Fällen können sich geistige Fähigkeiten entfalten, ohne dass sie Gier, Hass und Verblendung bereits überwunden hätten. Praktizierende können dann sehr charismatisch und wirkungsvoll auf andere einwirken – mit einer realen Gefahr des Machtmissbrauchs. 


Bild: Werner Steiner, KI-generiert, studio.creativefabrica.com

Machtmissbrauch 

Die Struktur unserer Gesellschaft fördert und feiert Macht. Lehrer und Eltern sind mächtiger als Kinder, Vorgesetzte mächtiger als Angestellte, Männer immer noch oft mächtiger als Frauen, hohe religiöse Würdenträger mächtiger als weniger hohe, ein Partner ist mächtiger als der andere.  

Machtstrukturen sind nicht grundsätzlich problematisch. Dass ein Polizist die Macht hat, einen Straftäter festzunehmen, und ein Richter, ihn zu verurteilen, schafft Ordnung und Sicherheit. Stellen sie eigene Regeln auf und üben Macht nach Belieben aus, beginnt Machtmissbrauch. Wenn Lehrende Aufmerksamkeit und Respekt fordern, um Lernen zu ermöglichen, dient das den Lernenden. Setzen sie diese Mittel ein, um Kontrolle auszuüben oder Störungen um jeden Preis zu unterbinden, kippt das Verhältnis in Machtmissbrauch. Ähnlich im religiösen Kontext: Wenn Priester, Mönche oder Nonnen – gleich welcher Religion – im Zölibat leben und spirituelle Entwicklung üben und lehren, kann das für viele Menschen bereichernd sein. Nutzen sie diese Position jedoch, um sich selbst zu erhöhen und andere herabzusetzen, handelt es sich um schweren Machtmissbrauch. 

Mit den Strukturen anderer Religionen bin ich nicht vertraut, kenne aber die Ordnungen, die der Buddha seinen ordinierten und nicht ordinierten Schülern gegeben hat. Deshalb berichte ich nun aus eigener Erfahrung und aus dem Leben im Kloster Anenja Vihara. 

Machtstrukturen im Kloster 

Das Leben in einem Kloster braucht klare Strukturen, um den Alltag reibungslos zu gestalten. Der Buddha hat jedoch keine Hierarchie im weltlichen Sinn vorgesehen, auch wenn es auf den ersten Blick so wirken mag. Stattdessen hat er eine Ordnung nach formalen Kriterien etabliert: Ordinierte mit längerer Ordinationszeit gehen beim gemeinsamen Gehen voran. Erst nach zehn Jahren des Lernens darf jemand lehren. Auch Unterstützung durch andere – wir sprechen von Service – nimmt dann erst in Anspruch. Eine weitere Voraussetzung ist, dass man selbst bereit ist, Service zu geben, in manchen Fällen auch weniger lang Ordinierten, den Juniors. Entscheidungen treffen nicht einzelne Seniors, Äbte oder Äbtissinnen, sondern das tut die Gemeinschaft gemeinsam im Rahmen einer sanghakamma. Die Autorität von Personen, die einmal von der Sanghakamma zu etwas beauftragt worden sind, soll nicht nachträglich untergraben werden. Laiengemeinschaften funktionieren ähnlich, wobei hier das gelebte Alter ausschlaggebend ist, etwa im Hinblick auf Unterstützung oder bestimmte Privilegien. 

Dieses bemerkenswerte Modell könnte Machtmissbrauch weitgehend verhindern: Jede Person hat durch das Datum der Ordination oder der Geburt ihren festen Platz in der Gemeinschaft. Es geht nicht um Beliebtheit, Gelehrsamkeit oder vermeintliche Erleuchtung, sondern darum, den eigenen Platz anzunehmen und entsprechend den eigenen Fähigkeiten der Sangha zu dienen. An diesem Punkt könnten Diskussionen zur Ruhe kommen: Man ist da, wo man ist, und tut, was zu tun ist. 

Doch menschliche Herzen vermögen auch dieses Modell zu verdrehen. Sobald Menschen, getrieben von Gier, Hass und Verblendung, Erwartungshaltungen entwickeln – nach Huldigung, besonderem Respekt oder Bedienung – entstehen Machtstrukturen. Das geschieht auch dort, wo Seniorität mit Anspruch verwechselt wird oder Entscheidungen nach persönlichem Geschmack und Vorlieben getroffen werden. 

Anspruchsvolle Aufgabe 

Als Äbtissin eines Klosters und Lehrerin von neun Bhikkhunis und Samaneris, also Nonnen und Novizinnen, habe ich in den vergangenen Jahren erfahren, wie groß diese Gefahren sind. Wie verführerisch es ist, Entscheidungen schnell selbst zu treffen, statt erneut eine sanghakamma einzuberufen. Und wie anspruchsvoll es bleibt, allen Schülerinnen mit gleicher Fürsorge zu begegnen, ohne sich von Schmeichelei, Manipulation, geleisteter Hilfe, persönlichen Vorlieben oder momentanen Launen leiten zu lassen – damit jede das erhält, was sie für einen guten Start auf dem Weg zur Befreiung vom Leid braucht. 

Meine Schülerinnen haben aus eigener Initiative begonnen, den im Vinaya (den Ordensregeln) beschriebenen Dienst gegenüber der Lehrerin auszuüben. Umgekehrt bin ich zu demselben Dienst verpflichtet, wenn meine Schülerinnen krank sind – notfalls auch, indem ich eine andere Nonne um Hilfe bitte, falls Alter oder Krankheit mich daran hindern. Es ist leicht, sich daran zu gewöhnen, dass andere viel für einen tun. Doch man darf es niemals erwarten, verlangen oder als verdient betrachten. 

Ich habe beobachtet, wie aus einer beiläufigen Bemerkung – etwa, dass ich etwas nicht gut vertrage – rasch Vorstellungen entstehen: „Ayya will dies nicht. Ayya braucht jenes.“ Im eigenen Herzen lassen sich dann Erwartungen wahrnehmen, Enttäuschung, wenn etwas fehlt, und schließlich Ablehnung. Dieser Prozess verläuft schleichend. Wenn man ihn nicht erkennt, bilden sich Machtstrukturen und gut gemeinte Initiativen von Schülerinnen oder Unterstützern geraten in manipulative Bahnen. Das ist Machtmissbrauch. 

Eine Lehrerin-Schülerin-Beziehung braucht auf der einen Seite unbedingtes Vertrauen und in gewissem Sinne auch Gehorsam. Nur so kann sie tragen. Es muss genügend Vertrauen vorhanden sein, dass das, was ich lehre, zur Kompetenz im Dhamma und zur Befreiung vom Leid führt. Zugleich setze ich bei den Schülerinnen genug Weisheit voraus, um im Zweifel ein klares und entschiedenes „Nein, Ayya, das mache ich nicht“ auszusprechen, sollte ich jemals Unheilsames lehren oder verlangen. 

Für die Anenja Vihara, meine Schülerinnen und mich heißt das: Wir alle müssen wachsam bleiben, damit sich keine Strukturen entwickeln, die Manipulation und Machtmissbrauch begünstigen. Für junge Nonnen und eine lebendige Gemeinschaft wäre Machtmissbrauch verheerend. 

Machtmissbrauch erkennen 

Es gibt Gemeinschaften, die – anders als vom Buddha angeregt – nicht auf gegenseitigem Respekt beruhen, sondern von vornherein hierarchisch organisiert sind und einer Leiterin oder einem Leiter nahezu uneingeschränkte Macht zuschreiben. Wer das weiß und sich bewusst für eine solche Struktur entscheidet, kann sich darauf einlassen. 

Lehrerinnen und Lehrer beeinflussen Schülerinnen und Schüler jedoch immer in gewissem Maß, um das Gelehrte zu vermitteln. Auf dem buddhistischen Weg zur Befreiung vom Leid geht es darum, das Selbst zu durchschauen und zu überwinden. Lehrende, die wissen, was sie tun, werden daher mitunter das Ego ihrer Schülerinnen und Schüler berühren oder „ankratzen“. Dabei kann es geschehen, dass sich jemand angegriffen oder verletzt fühlt. 

Umso wichtiger ist, dass Schülerinnen und Schüler genau hinschauen. Dient das Lehren dem Dhamma oder persönlichen Interessen? Ziehen Lehrende Vorteil oder Nutzen aus ihrer Position? Erwarten sie von ihren Schülerinnen und Schülern mehr als die Ausrichtung auf deren Wohl und Befreiung? Reagieren sie bei Widerstand oder Nichtbefolgung mit persönlichen Befindlichkeiten oder Launen – oder mit Geduld, Mitgefühl und Wohlwollen? Wird neben dem Dhamma etwas suggeriert oder zu unheilsamem Handeln gedrängt? Und lässt sich das Gelehrte anhand der Lehrreden des Buddha überprüfen? 

Wer sich in einem Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnis befindet, sollte sich diese Fragen stellen. Können sie offen mit den Lehrenden besprochen werden, ist das ein gutes Zeichen. Erwarten Lehrerinnen und Lehrer Vertrauen nicht als Vorschuss, sondern lassen sie es allmählich wachsen, kann eine Beziehung entstehen, in der Kraft und Weisheit zunehmen, während Irritation und Angst abnehmen. Unter solchen Bedingungen kann sich der Dhamma entfalten. 

Befindet man sich hingegen in einer Gemeinschaft, die einengt, kleinmacht, Schuld zuweist, manipuliert oder ausnutzt, bleibt oft nur eines: zu gehen. Solche Strukturen lassen sich nur mit immensem Kraftaufwand verändern – ein Aufwand, der meist in keinem Verhältnis zum möglichen Ergebnis steht. 

Machtfährten 

Um Macht im buddhistischen Sinn vollständig zu verstehen, reicht es nicht, ihre Missbrauchsformen zu betrachten. Deshalb möchte ich abschließend jene Kräfte in den Blick nehmen, die aus tiefer meditativer Praxis hervorgehen. 

Iddhi bezeichnet eine übernatürliche, auch psychische Macht. Sie entsteht durch die kultivierte Sammlung von Wunsch, Wille, Tatkraft, Herz und untersuchender Geisteshaltung. Dabei handelt es sich nicht um etwas Magisches, sondern um gewöhnliche geistige Faktoren, die – korrekt und kontinuierlich in der Meditation geübt – außergewöhnliche Fähigkeiten hervorbringen können. 

Samyutta Nikaya 51,11 beschreibt, wozu Praktizierende fähig werden, wenn sie diese „mit der Kampfesgestaltung der Einigung des Willens, der Tatkraft, des Herzens, des Prüfens erworbenen Machtfährten“ entwickeln: 

Sie werden weder innen verharren noch nach außen zerstreut sein. … Wie früher so später, wie später so früher, wie unten so oben, wie oben so unten, wie tags so nachts, wie nachts so tags. So entfaltet er entschleierten Gemütes, unverhüllten Gemütes ein selbstleuchtendes Herz. 

Nicht wenige Übende erleben das vorübergehend, ausgelöst durch eine Meditation, in der alle Bedingungen günstig zusammenkommen. Solche Erscheinungen bleiben jedoch instabil und sind nicht verlässlich wiederholbar, solange eine weitere Fähigkeit fehlt: vasa, die Meisterschaft. Sie entsteht erst durch kontinuierliche Praxis und macht meditative Versenkungen und daraus hervorgehende Fähigkeiten zuverlässig zugänglich. 

Am Ende dieser Entwicklung steht eine tiefgreifende Erkenntnisfähigkeit. Hat jemand die vier Machtfährten entfaltet und ausgebildet, kann er das Gemüt anderer Wesen erkennen: ein von Gier, Hass oder Verblendung erfülltes Herz ebenso wie ein gesammeltes, zerstreutes, erlöstes oder unerlöstes. Dabei handelt es sich nicht um magisches Gedankenlesen, sondern um eine durch konsequente Praxis erworbene Fähigkeit. 

So weist die Lehre des Buddha auf eine Form von Macht hin, die keine Herrschaft über andere braucht, sondern still, unaufdringlich und verantwortungsvoll wirkt – und darum heilsam. Sie dient nicht der Erhöhung des Selbst, sondern der Befreiung vom Leid. 


Weitere Informationen: www.anenja-vihara.org

Ayya Phalanyani

Ayya Phalanyani ging nach einer Karriere als Bühnenschauspielerin und Comedian und nach Jahren der Zen-Praxis 2007 nach Thailand, wo sie 2008 die erste Weihe und den Namen Phalanyani erhalten hat. 2010 ist sie als Bhikkhuni ordiniert worden und leitet seit 2018 das Nonnenkloster Anenja Vihara im Allgäu.

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