„Glauben Sie auch an Gott?“ – Eine Schulklasse im buddhistischen Zentrum
Die engagierte Buddhistin Dorothea Brill führt Schulklassen durch das buddhistische Zentrum Lotos Vihara in Berlin. Zwischen Stupa, Garten und Meditation beantwortet sie die Fragen der Kinder und lässt sie bei einer Gehmeditation ungewohnte Ruhe erleben.

Ein sonniger Märzmorgen in Berlin. Der Verkehr rauscht unablässig über eine der Magistralen der Stadt – doch nur wenige Schritte dahinter öffnet sich ein anderer Raum. Versteckt zwischen Häuserzeilen und von Rasenflächen umgeben liegt das Lotos Vihara, ein buddhistisches Meditationszentrum mit traditionsübergreifenden Angeboten. Am Eingang beginnt an diesem Vormittag eine Führung für eine Schulklasse. Die fünfzehn Kinder sind um die zwölf Jahre alt und wirken neugierig und interessiert. Ihr Klassenlehrer, eine Erzieherin und eine Religionspädagogin begleiten sie. Geführt wird die Gruppe von Dorothea Brill, Schmuckdesignerin und praktizierende Buddhistin. „Ich arbeite gerne mit Kindern und biete auch Achtsamkeitsprojekte in Schulen an. Diese Arbeit ist eine schöne Gelegenheit, bei der ich mich selbst weiter kennenlernen kann“, sagt sie. Das Ziel des anderthalbstündigen Angebots ist, den jungen Menschen praxisnahe Einblicke in den Buddhismus zu ermöglichen. Im Rahmen des Projekts „Kinder erleben Religionen“ besuchen die Schülerinnen und Schüler Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempel und lernen verschiedene religiöse Weltanschauungen kennen. In den – oft religiös vielfältigen – Schulklassen treffen unterschiedliche Überzeugungen, Lebensweisen und Bräuche aufeinander. Die Besuche sollen dazu beitragen, dass die Kinder zu einem respektvollen Umgang mit Andersgläubigen finden.
Staunen am Stupa

Noch steht die Gruppe an diesem kühlen Morgen etwas steif vor dem Eingang und betrachtet das Relief der Fassade – Spuren der Vergangenheit, die vom früheren Nutzen des Flachbaus als Kindergarten zeugen. Dann geht es in den hellen Innenhof, wo sich alle um den etwa drei Meter hohen Stupa versammeln, das spirituelle Zentrum der Anlage. Für die Kinder ist er ein Rätsel: Sie umrunden ihn, bleiben stehen, zeigen auf Details. Dorothea Brill eröffnet die erste Gesprächsrunde und lädt ein, Fragen zu stellen. Die kommen schnell: Welche Bedeutung hat der Stupa? Was befindet sich im Inneren? Warum hängen im Hof so viele bunte Fahnen? Die Religionspädagogin Luitgard Demir, die den Besuch inhaltlich vorbereitet hat, ergänzt und „übersetzt“ zentrale Begriffe in den Kontext der christlichen oder islamischen Religion.
Für Dorothea Brill ist diese Aufgabe ein Herzensprojekt. Aufgewachsen im katholischen Glauben, fand sie vor fünfzehn Jahren in Berlin zum Buddhismus und ins Lotos Vihara. „Spiritueller Leiter des Zentrums ist Dr. Wilfried Reuter. Seine Unterweisungen habe ich jahrelang aufgesogen“, erzählt sie von ihrem Lehrer. Die Praxis der Achtsamkeit sei für sie bis heute zentral: „Sie gibt meinem Leben eine tiefe Bedeutung.“
Gehmeditation im Garten

Weiter geht die Führung in den Garten, der erstaunlich weitläufig ist und sogar einen kleinen Teich hat. Die jungen Besucherinnen und Besucher dürfen sich erst einmal selbständig umschauen. Dann lädt Dorothea Brill die Gruppe zu einer Gehmeditation ein. Nicht rennen, nicht sprechen, mahnt der Klassenlehrer. Und Dorothea Brill erklärt: „Manchmal arbeite ich mit einer Klangschale, damit die Gruppe einen Rahmen hat.“ Das tut sie auch heute. Ein heller Klang tönt durch den Garten. Einige Kinder kichern, andere wirken irritiert, aber: Alle machen mit. Anschließend tauschen sie sich kurz aus: Was ist ihnen aufgefallen? Drei Mädchen berichten, dass sie das Gehen in Stille als angenehm empfunden haben – ein seltener Zustand in ihrem Alltag.
Nach dem Gang durch den Garten führt der Weg in den großen Versammlungs- und Meditationssaal. Die Kinder ziehen ihre Schuhe aus, ihre Stimmen werden leiser. Der helle, freundliche Raum ist dezent dekoriert, sodass die große Buddhastatue auf dem Altar sofort alle Blicke auf sich zieht. Als alle im Kreis auf ihren Kissen sitzen, gibt Dorothea Brill eine kurze Einführung und erzählt von den Veranstaltungen, die in dem Saal stattfinden.
Die Schülerinnen und Schüler bekommen eine Aufgabe: Sie sind eingeladen, ein Objekt im Raum zeichnerisch festzuhalten und ihre Fragen dazu aufzuschreiben. Ruhig wandern sie umher und beginnen zu zeichnen. Zurück im Kreis wollen sie wissen, wer die Menschen auf den Fotos auf dem Altar sind und welchen Zweck die Schalen mit Wasser und die Räucherstäbchen haben. Einige erkennen Ähnlichkeiten zu Altären in asiatischen Restaurants.
Erfahrungen mit dem Neuen sammeln



Ob Buddhisten auch beten und wie die buddhistische Praxis aussieht, interessiert einen Jungen. Andere wollen wissen, ob es eine Fastenzeit gibt, vergleichbar mit dem Ramadan. Ein Junge fragt ganz direkt: „Glauben Sie an Gott?“ Ein Mädchen möchte wissen, wie sich Buddhistinnen und Buddhisten die Entstehung der Welt vorstellen und ob es eine Art Bibel oder Koran gibt. Die Reaktionen auf Dorothea Brills Antworten sind unterschiedlich: Manche der Kinder ziehen erstaunt die Augenbrauen hoch, ein Mädchen erklärt, sie finde das „irgendwie verwirrend“. Wie viel Vorwissen die Gruppen mitbringen, ist sehr unterschiedlich. „Für manche geht es einfach darum, einmal so einen Ort zu erleben und zu spüren, wie es sich in dieser Atmosphäre anfühlt.“ Die Buddhistin gestaltet das Angebot bewusst niedrigschwellig. „Ich arbeite viel über Bilder und Erfahrungen, weniger über Theorie.“
Zum Abschluss leitet sie eine zweiminütige Meditation und eine kurze Körpereinfühlung an. Dabei werden dann wirklich alle ganz still, halten die Augen geschlossen. Ein runder Abschluss des Vormittags, der zeigt, wie Kultur und Religion jenseits von Lehrbüchern für Heranwachsende erfahrbar werden können.
Weitere Informationen
Lotos Vihara: lotos-vihara.de
Dorothea Brill: dorothea-brill.de
Luitgard Demir: tinyurl.com/kinder-religionen
DENN DIE FREUDE, DIE WIR GEBEN – Großzügigkeit ist eine grundlegende buddhistische Praxis.
Die Buddhismus aktuell-Redaktion bemüht sich täglich darum, buddhistische Wortmeldungen und Texte aus allen Traditionen sowohl aus Deutschland wie weltweit wahrzunehmen, zusammenzutragen und für diese Webseiten, auf Social Media und in der Print-Ausgabe aufzubereiten und weiterzugeben.
Unser digitales Angebot ist zu einem großen Teil kostenfrei – doch uns kostet es sehr viel Geld. Darum sind wir auf Ihre SPENDE, auf deine GROßZÜGIGKEIT angewiesen – und gerne auch auf ein ABONNEMENT, das uns wertvolle Planungssicherheit liefert.
Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.
Vielen Dank!

Sarina Hassine
arbeitet als Autorin und Redakteurin, unter anderem bei Buddhismus aktuell und Netzwerk Ethik Heute. Seit 2012 leitet sie Angebote für Achtsamkeit, Meditation und Mitgefühl für Erwachsene, Eltern, Familien und im pädagogischen Kontext. Sie ist Mutter von zwei Kindern.


