Die Verbindung von Herz, Geist und Hand – Gelebte Praxis im Waldhaus am Laacher See

Ein Interview mit Pasada Klein, Christina Ingwald, Anna Karolina Brychcy geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der 3-2026 Herzgeist unter der Rubrik Schwerpunkt Herzgeist.

Was heißt es, Herz, Geist und Hand als Einheit zu leben? Darüber konnten wir mit drei engagierten Frauen sprechen: Pasada Klein, Leiterin des Waldhauses am Laacher See mit dem Schwerpunkt Metta-Praxis, Christina Ingwald, Psychologin und Achtsamkeitstrainerin mit dem Schwerpunkt buddhistische Psychologie, und Anna Karolina Brychcy, Psychologin, systemische Beraterin und Meditationslehrerin zur praktischen Umsetzung der Lehre. Sie sprechen über Klarheit, Selbsttäuschung, Mitgefühl – und darüber, wie sich die Verbindung von Herz, Geist und Hand im Alltag eines buddhistischen Zentrums bewähren muss.

Susanne Billig: Wenn ihr das Wort „Herzgeist“ hört – was löst es in euch aus?

Christina: Für mich gehört das untrennbar zusammen. Ich merke, dass der Blick oft erst klarer wird, wenn das Herz den Geist ausrichtet. Herzgeist hat für mich etwas Weites, Friedliches, fast Poetisches. Es beschreibt weniger einen Begriff als eine Erfahrung. So Momente, in denen man plötzlich merkt: Da ist nicht nur Denken, da ist auch ein Spüren, und beides arbeitet zusammen.

Anna: Ich habe Herz und Geist lange als Gegensätze erlebt – und dachte auch, ich müsste mich entscheiden. Also entweder funktioniere ich rational oder ich bin herzensoffen. Erst im Waldhaus habe ich verstanden, dass diese Trennung nicht trägt. In der Praxis zeigt sich: Es ist kein Entweder-oder. Eher ein Sowohl-als-auch – und oft auch ein gegenseitiges Korrigieren. Dinge, von denen ich dachte, ich sehe sie ganz klar, waren im Nachhinein doch emotional gefärbt. Und umgekehrt.

Pasada: Für mich hat sich das in letzter Zeit noch einmal vertieft. Herzgeist ist für mich so etwas wie ein Raum von Weite. Ich merke im Alltag viel schneller, was gerade da ist – Gedanken, Emotionen, auch Widerstände. Früher hätte mich das oft komplett mitgenommen. Heute kann ich es eher wahrnehmen, ohne sofort einzusteigen. Ich hatte neulich ein schwieriges Gespräch vor mir, und ich habe richtig gespürt, wie sich der Körper anspannt, ganz konkret im Brustraum. Und gleichzeitig war da dieser Raum: Ich muss dem nicht folgen. Das gibt eine große Ruhe und auch Freiheit.

Porträt Pasada Klein Waldhaus am Laacher See
Pasada Klein, Foto: Tina Degen

Das klingt nach einer Einheit. Gibt es trotzdem Momente, in denen Herz und Geist auseinanderfallen?

Anna: Ja, und zwar ziemlich oft. Eine große Gefahr ist, dass wir emotional entscheiden und uns im Nachhinein eine stimmige Begründung dafür bauen. Wir können uns selbst sehr überzeugend erklären, warum etwas „richtig“ ist. Gleichzeitig droht ein spirituelles Ausweichen: Wir umgehen Gefühle, indem wir sie intellektuell überhöhen. Dann diskutieren wir klug, aber spüren uns eigentlich nicht mehr wirklich.

Christina: Ich erlebe es so, dass der Geist oft zuerst reagiert, schnell und scheinbar logisch. Und erst mit etwas Abstand meldet sich das Herz. Man geht vielleicht kurz aus der Situation raus, spricht mit jemandem, trinkt einen Tee – und plötzlich sieht man klarer. Dann merkt man: Das war zwar vernünftig gedacht, aber nicht wirklich stimmig.

Pasada: Für mich ist ein ganz einfacher Maßstab entstanden: Ist es weit oder ist es eng? Wenn es eng wird, stimmt meistens etwas nicht. Dann versuche ich, kurz innezuhalten – manchmal reicht wirklich ein Atemzug. Und oft verändert sich dadurch schon die ganze Situation. Es ist ja immer beides da, Herz und Geist. Die Frage ist: Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit?

Wenn wir über „Geist“ sprechen – was meint das aus eurer Sicht eigentlich?

Christina: Im buddhistischen Sinn ist der Geist ja viel mehr als Denken. Also nicht nur das, was wir analysieren, sondern alles, was wir erfahren – Wahrnehmungen, Gefühle, Reaktionen. Und er ist beweglich. Das finde ich wichtig: Geist ist nichts Starres, sondern verändert sich ständig. Nur deshalb ist Praxis ja auch möglich.

Anna: Gleichzeitig bringen wir aus dem Westen oft ein verengtes Verständnis mit. Wir setzen Geist mit Intellekt gleich – analysieren, einordnen, erklären. In der Praxis wird aber deutlich, dass das nur ein Ausschnitt ist.

Pasada: Ja, das erlebe ich im Alltag ganz konkret. Da ist ein Gedanke – und sofort entsteht dazu eine Geschichte, die sich wahr anfühlt. Heute sehe ich öfter: Ah, da ist ein Gedanke. Mehr nicht.

Anna: Gerade wenn wir über methodisches oder akademisches Wissen verfügen, können wir uns ziemlich geschickt selbst täuschen – und im ungünstigen Fall sogar andere beeinflussen. Die andere Seite ist das, was man spirituelles Bypassing nennt: dass wir Gefühle nicht wirklich zulassen, sondern sie auf eine kognitive Ebene verschieben – etwa in Diskussionen oder Analysen – und dabei Wut, Angst oder Verzweiflung nicht wirklich spüren.

Christina: Deswegen finde ich die Verbindung von Praxis und Austausch so wichtig. Allein kann ich mir viel erzählen. In der Begegnung zeigt sich, ob ich das, was ich verstanden habe, auch leben kann.

Pasada: Die kleinen Situationen sind da oft hilfreich. Wenn etwas nicht nach meinem Plan läuft, ich mich übergangen oder ungerecht behandelt fühle. Dann sieht man sehr schnell, wie der Geist reagiert – ob er sich verengt oder offen bleibt.

Porträt Christina Ingwald
Christina Ingwald, Foto: Hardy Welsch

Christina, du bringst einen psychologischen und neurowissenschaftlichen Hintergrund mit. Hilft dir dein Wissen, den Geist besser zu verstehen?

Christina: Es kann helfen, bestimmte Prozesse einzuordnen. Zum Beispiel zu sehen, wie automatisch viele Reaktionen ablaufen. Aber es ersetzt keine Praxis. Man kann sehr viel über den Geist wissen und trotzdem in denselben Mustern festhängen. Umgekehrt können Menschen ohne jedes theoretische Wissen sehr klar und präsent sein.

Anna: Ich finde psychologisches Wissen als Brücke hilfreich. Für viele Menschen ist es ein Zugang, wenn sie hören: Das, was wir im Buddhismus lehren, hat auch eine wissenschaftlich überprüfbare psychologische Seite; es ist nichts Abgehobenes. Aber die eigentliche Arbeit beginnt erst danach. Da, wo ich bereit bin, mich wirklich infrage stellen zu lassen.

Pasada: Mir hilft, zu wissen und zu fühlen, dass der Geist weicher werden kann, weniger festgelegt. Wenn ich nicht sofort Bescheid weiß, sondern offen bleibe – dann kann sich auch das Herz wieder stärker zeigen.

Was hilft, unseren beweglichen Geist auszurichten?

Anna: Ehrlichkeit. Und zwar eine fundamentale, also eine, die an die Wurzel geht. Zu merken: Was treibt mich gerade wirklich? Ist es Angst oder ein Bedürfnis nach Anerkennung? Ist es Kontrolle? Das zu untersuchen, ist nicht immer angenehm, aber ohne diese Klarheit bleibt vieles oberflächlich.

Christina: Übung hilft. Immer wieder innehalten, wahrnehmen und neu schauen. Der Geist verändert sich nicht durch einen einmaligen Entschluss, sondern durch Wiederholung.

Pasada: Für mich ist es auch Vertrauen. Dass ich nicht sofort reagieren muss. Dass ich einen Moment warten kann. In diesem kleinen Raum kann sich oft schon viel klären.

Wie zeigt sich die Verbindung von Herz, Geist und Hand im Alltag des Waldhauses?

Anna: Sie zeigt sich, wenn es konkret wird. Ein Haus wie dieses zu tragen heißt nicht nur, Praxis anzubieten, sondern auch Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und Dinge auszuhalten. Ob das, was wir über Herz und Geist sagen, wirklich trägt, wird in den vielen kleinen Momenten deutlich: wie wir miteinander umgehen, wie wir reagieren, wenn etwas nicht funktioniert oder jemand Unterstützung braucht.

Pasada: Ja, es ist auch für mich vor allem im Miteinander spürbar. Mich berührt sehr, wenn Menschen im Retreat zu Einsichten kommen – das ist für mich ein großes Glück. Gleichzeitig arbeiten wir hier eng zusammen, und da entstehen auch Spannungen. Früher wollte ich es oft allen recht machen. Heute sehe ich klarer, dass es manchmal Entscheidungen braucht, die nicht allen gefallen – und dass man auch aushalten muss, nicht immer gemocht zu werden. Auch in Klarheit kann sich Mitgefühl zeigen.

Und ganz praktisch: Wenn bei uns jemand nicht zurechtkommt oder Unterstützung braucht, vielleicht krank wird, kümmert sich eine Person, organisiert, hilft – unsere Mitarbeitenden tun das oft weit über das hinaus, was eigentlich von ihnen zu erwarten wäre.

Christina: Ja, Mitgefühl wird oft mit Harmonie verwechselt. Aber im Alltag heißt es manchmal, Schwieriges anzusprechen. Wenn wir das vermeiden, wird es nicht leichter – es verschiebt sich nur. Man braucht also sowohl klare Strukturen wie auch die Offenheit, auf das einzugehen, was gerade entsteht.

Anna Brychcy im Wald
Anna Brychcy

Ein spiritueller Ort muss auch wirtschaftlich bestehen. Wie geht ihr mit dieser Spannung um?

Pasada: Es bedeutet konkret: Wir müssen laufende Kosten decken, Gehälter zahlen und gleichzeitig das Gebäude erhalten. Der Kursbetrieb trägt vieles, aber größere Dinge wie Renovierungen lassen sich darüber nicht finanzieren. Gleichzeitig erlebe ich die Großzügigkeit von Menschen als etwas sehr Berührendes. Es ist nicht nur ein Geben, sondern auch eine Praxis. Dana ist ja im Buddhismus zentral. Beim Thema Spenden empfinde ich es nicht so, dass wir um etwas bitten, sondern wir geben die Möglichkeit, sich auf diese Weise einzubringen.

Christina: Wir brauchen zum Beispiel dringend eine Dachsanierung. Die kann man nicht so eben nebenbei stemmen, sondern wir sind dafür auf Spenden angewiesen. Damit der Geist lernen kann, sich zu sammeln, braucht es eben auch ein Dach über dem Kopf!

Anna: Vernünftig wirtschaftlich zu handeln ist wichtig. Dass Mitarbeitende fair bezahlt werden, ist für mich zum Beispiel kein Nebenaspekt, sondern Teil der ethischen Praxis. Das Waldhaus bietet unterschiedliche Möglichkeiten der Unterstützung. Es gibt Menschen, die finanziell unterstützen, andere bringen sich praktisch bei Arbeitsretreats oder im Ehrenamt ein. Die Strukturen müssen verlässlich sein und gleichzeitig lebendige Praxis möglich machen.

Das Waldhaus gibt es seit vierzig Jahren. Was bedeutet euch dieser Ort ganz persönlich?

Pasada: Für mich ist es ein Ort, an dem Menschen wirklich ankommen können. Nicht, weil alles perfekt wäre, sondern weil Raum da ist – für das, was gerade ist.

Christina: Es ist ein Ort, an dem man üben kann. Und zwar nicht nur auf dem Kissen, sondern im ganzen Leben.

Anna: Für mich ist das Waldhaus eine konkrete, greifbare Zuflucht, eine Herberge. Wenn es mir mal nicht gut geht, wenn ich mich in meinen eigenen Verstrickungen verliere oder eine schwierige Phase habe, kann ich ins Waldhaus kommen. Da gibt es diesen Ort, da ist eine Struktur, da sind Menschen, da ist Praxis. Das Waldhaus ist keine Zuflucht, um mich dauerhaft zurückzuziehen. Aber es ist ein Ort, an dem ich wieder Boden unter den Füßen bekomme und von dem aus ich weitergehen kann. Allein das zu wissen, gibt mir eine große Sicherheit.

Auch die Offenheit des Ortes gehört für mich dazu: Von Anfang an hat das Waldhaus unterschiedlichen Zugängen zur buddhistischen Praxis einen Platz gegeben. Ganz selbstverständlich stehen hier Buddhastatuen aus den verschiedensten Traditionen. Menschen können mit verschiedenen Hintergründen kommen und müssen nicht das Gefühl haben, sich zuerst in eine bestimmte Form einpassen zu müssen.

Christina: Ja, darin liegt auch für mich etwas sehr Wertvolles. Praxis ist bei uns nicht an eine bestimmte Form gebunden, sondern Menschen können auf unterschiedliche Weise Zugang finden.

Pasada: Sie kommen ja auch mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen. Und wir versuchen, darauf einzugehen, ohne dass es beliebig wird.

Wenn ihr den Satz vollenden würdet: Der Buddhismus im Westen braucht heute vor allem …?

Anna: … Emanzipation. Also eine bewusste, selbstkritische Auseinandersetzung mit dem, was wir aus den Traditionen übernehmen und in unsere heutige Lebensrealität übersetzen müssen.

Christina: … Menschen, die bereit sind, sich wirklich einzulassen und die Herausforderungen dieser Zeit anzunehmen.

Pasada: … Aktivität, Begegnung und praktiziertes Mitgefühl. Und die Möglichkeit, dass Menschen überhaupt in Kontakt mit der Praxis kommen können.

Danke für das Gespräch!

Das Waldhaus am Laacher See

Das Waldhaus am Laacher See in der Vulkaneifel gehört zu den ältesten buddhistischen Praxiszentren im deutschsprachigen Raum. Träger ist der Verein Buddhismus im Westen, gegründet 1984 in Frankfurt. Zwei Jahre später wurde das Haus erworben und in gemeinschaftlicher Arbeit renoviert – ein Engagement, das den Ort bis heute prägt.

Seither ist das Waldhaus ein Raum für Meditation, Begegnung und traditionsübergreifenden Austausch. Jährlich finden hier mehr als sechzig Kurse statt, dazu kommen regelmäßige offene Meditationsabende. Über tausend Menschen besuchen das Haus im Jahr, um zu praktizieren oder sich neu auszurichten.

Geprägt wurde das Waldhaus von einer Vielzahl bedeutender Lehrerinnen und Lehrer, darunter Ruth Denison, Thich Nhat Hanh und Christopher Titmuss. Bis heute lebt der Ort von dieser Offenheit – und von den Menschen, die ihn tragen.

Damit das Waldhaus auch künftig ein solcher Ort bleiben kann, stehen aktuell notwendige bauliche Maßnahmen an, insbesondere eine umfassende Dachsanierung. Für diese Aufgabe ist das Haus auf Unterstützung angewiesen.

Wer dazu beitragen möchte, dass dieser Ort erhalten bleibt, findet weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten unter:
www.buddhismus-im-westen.de

Anna Karolina Brychcy

ist Diplom-Psychologin, Coach, Kommunikations- und Achtsamkeitstrainerin. Sie praktiziert seit 2004 Zen und Vipassana-Meditation in den Traditionen von Thich Nhat Hanh, Christopher Titmuss und Ursula Lyon, und ist seit 2018 in der DBU engagiert, derzeit als Mitglied von Rat und Vorstand.

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