Brückenbauer zwischen den Welten

Ein Interview mit Friedrich Reg geführt von Bettina Hilpert veröffentlicht in der 4-2025 Heilung unter der Rubrik Buddhismus Weltweit.
Ein Leben für den Buddhismus

Er ist Ingenieur, Reisender, Fotograf – und war jahrzehntelang Delegierter Deutschlands in der internationalen buddhistischen Gemeinschaft. Im Gespräch mit Bettina Hilpert blickt Friedrich Reg zurück auf eine außergewöhnliche Biografie.

Fritz Reg sitzt auf einer Couch

Bettina Hilpert: Bitte erzähl uns von deiner Kindheit und Jugend.

Friedrich Reg: Ich bin 1937 in München geboren, aufgewachsen am Stadtrand. Meine ersten bewussten Erinnerungen stammen aus den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Ich war damals acht Jahre alt. Wir hielten uns bei Angriffen im Schutzraum auf und mussten zeitweise sogar bei Verwandten in der Nähe von Bad Reichenhall unterkommen. Mein Vater war im Krieg und galt eine Zeitlang als vermisst. Erst 1947, nach Krieg und Gefangenschaft in Kiew, durfte ich ihn als Zehnjähriger wiedersehen. Damals war ich bereits sehr wissbegierig und wollte genau wissen und verstehen, wie die Dinge funktionieren. Diese Haltung hat mich mein Leben lang begleitet.

Wie verlief dein beruflicher Weg?

Sowohl mein Vater als auch mein Großvater arbeiteten bei der Eisenbahn. Ich habe Starkstromtechnik und Energiewirtschaft studiert und war zuletzt bei den Stadtwerken München für die Planung und den Bau der Stromversorgung für die U-Bahn zuständig. Ich habe also viele Jahre damit verbracht, sehr materielle Dinge in sehr klaren Strukturen zu organisieren – eine gute Grundlage für einen Menschen, der sich später auch systematisch mit der inneren Welt beschäftigt.

Und wie kamst du zum Buddhismus?

Ehrw. Nyanaponika und Friedrich Reg
Ehrw. Nyanaponika und Friedrich Reg

Zunächst ohne konkreten Anlass. Ich habe als junger Mann viel gelesen, auch über Philosophie, Religion, Weltanschauungen. Dann bin ich viel gereist – erst quer durch Europa, dann auch nach Asien. 1978 haben mich in Sri Lanka die vielen Zeugnisse der buddhistischen Kultur beeindruckt. Nach meiner Rückkehr stellte ich überrascht fest, dass ganz in meiner Nähe zwei ehemalige Schüler des Ehrwürdigen Nyanatiloka Mahathera lebten. Der deutsche buddhistische Mönch war 1957 verstorben und war einer der ersten im Theravada-Buddhismus ordinierten Mönche Europas. Als Pionier des westlichen Buddhismus gründete er die Island Hermitage auf Sri Lanka und verfasste zahlreiche Übersetzungen und Schriften, bis heute Grundlagenwerke für das Verständnis des Palikanons im Westen. Später habe ich noch einen weiteren bedeutenden Vermittler des Buddhismus im Westen kennengelernt, den Ehrwürdigen Nyanaponika Mahathera – eine tief beeindruckende Persönlichkeit. Ich durfte ihn mehrfach in seiner Eremitage in Kandy besuchen, zuletzt kurz vor seinem Tod, als er schon 93 Jahre alt war.

Haben dich noch weitere Persönlichkeiten geprägt?

Ayya Khema, die ich bei der Grundsteinlegung des Buddha-Hauses kennenlernte. Danach kam ich gerne zu ihren Retreats. Sie besaß eine besondere Autorität, Klarheit und zugleich Wärme. Ich war auch in der Buddhistischen Gesellschaft München engagiert, eine Zeitlang als stellvertretender Vorsitzender unter Heinz Reismüller. Wir waren eine sehr lebendige, harmonische Gemeinschaft.

1990 Seoul, Korea: World Fellowship of Buddhists
1990 Seoul, Korea: World Fellowship of Buddhists

Wann begann dein internationales Engagement?

1990 wurde ich von dem damaligen Sekretär der DBU Tom Geist gefragt, ob ich als deren Vertreter zur 17. Weltkonferenz der World Fellowship of Buddhists (WFB) nach Seoul reisen wolle. Also machte ich mich mit meinem Partner Frank Ulm auf den weiten Weg. Auf der Konferenz traf ich viele Persönlichkeiten, unter anderem Taktser Rinpoche, den Bruder des Dalai Lama. Wir verstanden uns auf Anhieb. Er richtete mir Grüße an Heinrich Harrer aus. Der war 1912 in Österreich geboren, Bergsteiger und Reiseschriftsteller – und später einer der bekanntesten westlichen Augenzeugen des vorkommunistischen Tibet. In dem bekannten Buch „Sieben Jahre in Tibet“ hat er seine Flucht aus britischer Kriegsgefangenschaft und seinen Aufenthalt am Hof des 14. Dalai Lama geschildert. Heinrich Harrer lebte damals noch, für mich war diese Botschaft ein seltsamer Moment – ein plötzlicher persönlicher Kontakt zur Geschichte.

Mit welchem Ziel wurden diese internationalen Konferenzen abgehalten?

Es ging darum, die Einheit unter den Buddhistinnen und Buddhisten weltweit zu fördern und zu pflegen, gemeinsame Anliegen zu vertreten, etwa Fragen der Religionsfreiheit, des Erhalts von Kulturgütern, der sozialen Verantwortung. Zwei Jahre später, 1992, wurde ich zur 18. WFB-Konferenz nach Taiwan eingeladen, wo ich erstmals den Fo-Guang-Shan-Orden und seinen Gründer, den Großmeister Hsing Yun, als stets heiteren Gastgeber erlebte. 

Du hast dann begonnen, buddhistische Mönche und Nonnen zu fotografieren. Wie kam es dazu?

Ich hatte schon lange fotografiert, aber in Asien fand ich ein neues Thema. Ich war fasziniert von der Tradition der Stille, die die Menschen zum Ausdruck brachten. Daraus entstand die Idee zu der Ausstellung „Mönche und Nonnen in der buddhistischen Gemeinschaft“. Die Berliner Fo-Guang-Shan-Gemeinde unterstützte mich großzügig. Die Ausstellung wurde in München, Berlin, auf der Expo 2000 in Hannover, in Bangkok und weiteren Orten gezeigt – ein großes Projekt. Inzwischen befinden sich die die Bilder im Kloster Fo Guang Shan auf Taiwan.

Dann wurdest du sogar Vizepräsident des WFB.

Ein thailändisches Vorstandsmitglied und WFB-Vizepräsident schlug mich zur Kandidatur vor. Nach gründlicher Überlegung nahm ich an und wurde 1998 als einer von 14 Vizepräsidenten gewählt, zuständig für Europa und Russland, was für mich völliges Neuland war. In den folgenden zehn Jahren nahm ich regelmäßig an Vorstandssitzungen und WFB-Generalkonferenzen teil und arbeitete an der Aufnahme der burjatischen Gelugpa-Buddhisten in den WFB mit. Dazu stellte ich über das russische Generalkonsulat in München erstmals den Kontakt dorthin her. Nach einer Zeit des Brückenbauens wurde die burjatische Gelupa-Gemeinschaft 2002 auf einer WFB-Konferenz in Malaysia offiziell aufgenommen.

2003 folgte ich einer Einladung nach Sibirien in die Autonome Republik Burjatien. Die lange Reise führte über Moskau nach Ulan-Ude und an den Baikalsee. Ich konnte Klöster und Tempel besichtigen und kam zum Iwolginski Datsan, dem spirituellen Zentrum der russischen Buddhistinnen und Buddhisten. Überall wurde ich mit großer Offenheit und Herzlichkeit empfangen. Schließlich war ich ja „ihr WFB-Taufpate“.

Die Konferenz in Malaysia fand erstmals in einem islamischen Land statt. 

In Shah Alam nahe Kuala Lumpur. Premierminister Mahathir Mohamad eröffnete sie persönlich. Ich war beeindruckt vom malaysischen Modell der religiösen Koexistenz – Menschen aus dem Buddhismus, dem Islam, dem Christentum, dem Hinduismus leben relativ friedlich miteinander.

Gibt es ein Ereignis, das dir besonders naheging?

Die Zerstörung der Buddhastatuen von Bamiyan 2001 durch die Taliban. Der WFB bat seine Mitglieder, sich für ihren Erhalt einzusetzen. Ich schrieb an den damaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Auch die deutsche Vertretung bei der UNESCO hatte eine Resolution eingebracht. Leider ließ sich die Zerstörung nicht verhindern. 

Aber ich blieb mit Professor Michael Petzet aus München, dem damaligen Präsidenten des International Council on Monuments and Sites (ICOMOS), die sich dem Schutz von Kulturdenkmälern und historischen Stätten widmet, in Verbindung. Er und sein Team leiteten die Restaurierung und Sicherung der verbliebenen Reste der Statuen. Später überreichte ich Professor Petzet eine kleine liegende Buddhafigur – als Symbol für das zerstörte Kulturgut. 

2015 Wuxi, China: 4th World Buddhist Forum
2015 Wuxi, China: 4th World Buddhist Forum

Wohin führten dich deine letzten großen Reisen?

Nach China. 2011 kam es zum ersten offiziellen Besuch als Vertreter der DBU bei der Buddhist Association of China in Peking. Mit dabei war auch mein Partner Frank Ulm. Ich überreichte dem vorsitzenden Großmeister die deutsche Dokumentation zur Sicherung buddhistischer Kulturgüter in Bamiyan in Afghanistan. Anschließend besuchten wir das Drachenquellenkloster – eine spirituelle Erfahrung. 2014 fuhr ich zur 27. WFB-Generalkonferenz nach Baoji, 2015 zum 4th World Buddhist Forum im chinesischen Wuxi und ganz zuletzt 2017 nach Paris zur UNESCO International Peace Conference.

Du hast dich jahrzehntelang zwischen westlicher Technologie in deinem Beruf und östlicher Weisheit bewegt. Was hat dich dabei motiviert und geleitet?

Es war, glaube ich, immer der Wunsch, Verbindung zu schaffen – zwischen Kulturen, Menschen, Sichtweisen. Buddhismus ist für mich kein Dogma, sondern ein Erfahrungsweg. Die Begegnung, der Austausch, das gemeinsame Staunen über das Leben – das war mir immer wichtiger als jede Formalie.

Ein Anliegen möchte ich abschließend an meine Nachfolgerinnen und Nachfolger richten: In der DBU-Gründungszeit vor 75 Jahren haben sich bekannte deutsche Buddhisten unter schwierigen Bedingungen auf Weltreisen begeben. Es ist wichtig, dass wir die Verbindung zur buddhistischen Weltgemeinschaft auch künftig pflegen und würdigen, mit einer WFB-Vertreterin oder einem WFB-Vertreter der DBU.

Wir waren auf nicht weniger als 30 WFB-Generalkonferenzen willkommene Gäste und ich frage mich: Wann werden wir selbst einmal Gastgeber sein können? Zumindest den kleinen Kreis des WFB Executive Council könnten wir doch einmal einladen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Bettina Hilpert und Friedrich Reg
Bettina Hilpert und Friedrich Reg