Editorial

Ursula Richard, Chefredakteurin

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2015/3 unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Buddhismus hat sich in Asien in durchweg patriarchalen Gesellschaften entwickelt, und mit diesen kulturellen Prägungen ist er in den Westen gelangt. In unseren Begegnungen damit haben wir es mit diesem Erbe zu tun – in den Lehren wie in den Institutionen. Aber wir beziehen uns darauf auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Prägungen, zudem neigen wir dazu, unsere Präferenzen und Sichtweisen begeistert in anderen Kulturen oder spirituellen Traditionen „wiederzufinden“.

Einem Freund zeigte ich ein gerade erschienenes englisches Buch über Frauen im Buddhismus. Er warf einen kurzen Blick darauf und sagte höflich: „Für Frauen ist das sicher ein wichtiges Buch.“ Dass es auch für ihn interessante Aspekte enthalten könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Bücher, in denen es schwerpunktmäßig um die weibliche Hälfte der Menschheit geht, gelten immer noch als Frauenbücher; solche, in denen nur oder fast nur die männliche Hälfte zu Wort kommt, aber keineswegs als Männerbücher. Sie stehen für das Allgemeine, sind Bücher über den Buddhismus oder einfach Dharma-Bücher. Noch immer spricht man im Zen vielfach von den Zen-Patriarchen, auch wenn der japanische Begriff busso richtigerweise mit Buddha-Ahne zu übersetzen wäre und sich der „Patriarch“ einzig den Bemühungen christlicher Missionare verdankt, den Status der Buddha-Ahnen so auszudrücken, dass er sich für den christlichen Abendländer einordnen ließ. „Frauen können genauso gut wie Männer Erleuchtung erlangen“, heißt es oft, auch von westlichen Lehrenden, doch beinhaltet das „genauso gut“ nicht, dass Männer hier immer noch als Maßstab gelten? Eine der buddhistischen ethischen Richtlinien beinhaltet das Absehen von sexuellem Fehlverhalten. Einigen klassischen tibetisch-buddhistischen Schriften zufolge gehören dazu gleichgeschlechtliche Sexualität, wie auch – sogar bei verheirateten (heterosexuellen) Menschen – der Oral- und Analverkehr sowie die Masturbation. Zum Teil wird dies auch von heutigen Lehrern noch vertreten. Warum sollte der Buddhismus hier auch anders werten als der Vatikan, mag man einwenden, wo gerade von dort die mehrheitliche Zustimmung der Iren zur Homo-Ehe als „Niederlage für die Menschheit“ bezeichnet wurde. Sexismus und Heterosexualität als soziale Norm sind sicherlich Bestandteile patriarchaler Religionen, aber sie gehören auch zu unserer westlichen Kultur. Und das, was einem zutiefst selbstverständlich geworden ist, nimmt man oft gar nicht mehr wahr als etwas, das auch ganz anders sein könnte.

Dies wollen wir mit dem vorliegenden Heft zum Schwerpunkt „Gender“ ändern und einige der blinden Flecken sichtbar und durchlässiger machen. Der ursprünglich englische Begriff gender betont, im Unterschied zu sex, dass Geschlecht auch eine soziale Kategorie ist. Als Menschen sind wir vor allem soziale Wesen, und die Biologie ist, wie neuere Forschungen zeigen, weit weniger eindeutig als weithin angenommen. Auch in traditionellen Kulturen gab und gibt es sexuelle Mehrdeutigkeit, so bei den Hijras, die in Südostasien als Mitglieder eines „dritten Geschlechts“ angesehen werden; in Albanien, wo Frauen unter bestimmten Umständen als Männer leben, in Afghanistan, wo zum Teil Mädchen als Jungen aufgezogen werden. Normativität ist eine sehr moderne Erfindung und verdankt sich der Idee, dass der statistische Durchschnitt die Norm bestimmt. Verstehen wir Geschlecht als soziales Konstrukt, öffnet das den Blick auf Fragen von Macht und Hierarchie, von Deutungshoheit, aber auch von möglicher Freiheit – für Frauen und für Männer. Und in dieser Freiheit können wir uns in der Fülle unserer Lebendigkeit und in Wertschätzung begegnen – von Mensch zu Mensch, jenseits von begrenzenden Geschlechterkonstrukten, die bei genauer Betrachtung oft wie ein schlecht sitzender Anzug oder ein zu knapp geratenes Kleid wirken.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre und viele schöne, warme Sommertage

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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