Editorial

Ursula Richard, Chefredakteurin

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2016/1 unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Ob sich der Buddhismus bei uns im Westen tatsächlich in nennenswertem Maße (als Religion) wird etablieren können, scheint mir immer noch eine offene Frage zu sein. Keine Frage aber ist, dass eines seiner zentralen Konzepte – die Achtsamkeit – mehr und mehr in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt. Achtsamkeit hat Eingang gefunden in die Psychologie, die Psychotherapie, die Arbeit mit Kindern, in den schulischen und gesundheitlichen Bereich, in die Wirtschaft – und mittlerweile auch ins Militär. Lebenshilfebücher versprechen Entspannung, Stressreduktion, Glück, Heilung von Depressionen und hohem Blutdruck, gelungene Partnerschaft und Idealgewicht durch Achtsamkeit.

Ist all dies ein Zeichen, dass unsere Gesellschaft insgesamt achtsamer und damit vielleicht auch menschlicher wird? Und wird sie dann möglicherweise auch buddhistischer? Ist die Achtsamkeit also, wie Stephen Batchelor sagt, das trojanische Pferd, das einen „Siegeszug“ des Buddhismus einleitet? Oder ist eher das Gegenteil der Fall? Ein Konzept, das ursprünglich in eine spirituelle Tradition eingebettet war, wird dort herausgelöst, seines spirituellen Kerns beraubt, säkularisiert und zu einer bloßen Technik der Selbstoptimierung gemacht, die dazu beiträgt, dass stressgeplagte Menschen in ihrer Freizeit Methoden erlernen und einüben, um ihrer Arbeit effektiver nachgehen zu können?

Natürlich kann Achtsamkeit als reine Methode verwendet werden und das geschieht auch mancherorts, wo unzureichend ausgebildete oder selbsternannte Achtsamkeitslehrende sie vermitteln, ohne selbst intensive Erfahrungen mit der Praxis gemacht zu haben. Doch ist sie nicht auch schon im buddhistischen Kontext „missbraucht“ worden, als zum Beispiel japanische Zen-Meister während des Zweiten Weltkriegs das achtsame Marschieren und Töten empfahlen? Bei all den zweifellos möglichen Instrumentalisierungen scheint mir aber der Achtsamkeit selbst eine Qualität innezuwohnen, die sich solchen Vereinnahmungen immer auch widersetzt oder entzieht. Eines der ersten Bücher Thich Nhat Hanhs hieß Das Wunder der Achtsamkeit. Von diesem Wunder oder dieser transformativen Kraft der Achtsamkeit berichten einige der Autoren und Autorinnen in dieser neuen Ausgabe von Buddhismus aktuell. Und zwar sowohl die, die das Thema eher aus einer buddhistischen Perspektive beleuchten, als auch jene, die das eher aus einer säkularen tun. Thich Nhat Hanh beschreibt Achtsamkeit als eine fortwährende Übung, jeden Augenblick unseres Lebens auf tiefgreifende Weise zu berühren. Berühren ist mehr als ein reines, neutrales Beobachten, es ist auch ein Hinwenden. Und es beinhaltet, dass wir in Kontakt mit der uns innewohnenden Gutheit, mit unserem Mitgefühl gelangen. Wenn wir dann uns und andere mit dieser sorgenden Achtsamkeit (caring mindfulness), wie Matthieu Ricard sie nennt, wahrnehmen und daraus handeln, werden wir weder andere achtsam erschießen noch in Selbstoptimierungsstrategien unsere Erfüllung finden können. Aber dies fällt nicht vom Himmel, sondern bedarf der Übung und eines gewissen Bemühens und ist nicht mit einem Wochenendkurs erledigt. Wenn diese sorgende Achtsamkeit in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen ankommt, wird unsere Gesellschaft sicherlich humaner werden – und vielleicht auch etwas buddhistischer.

Vor einigen Tagen las ich in einem Newsletter des Zen-Lehrers Heinz-Jürgen Metzger: „Ich habe den Eindruck, dass im Laufe des Jahres 2015 das Ausmaß von Gewalt und Hass, mit dem wir konfrontiert werden, zugenommen hat. Gewalt und Hass in Gedanken, Worten und Taten. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Gifte in unserem eigenen Geist erkennen und den Raum, den wir ihnen geben, verringern. Das ist kein geringer Beitrag zu einer friedlicheren Welt.“ Auch dafür brauchen wir die Achtsamkeit.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, glückliches, inspirierendes Neues Jahr

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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