Achtsam geht die Welt zugrunde
Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert
| Heft: | 04 | 2026 Übergänge |
| Verlag: | hanserblau Verlag |
| Jahr: | 2026 |
| Preis: | 22 Euro |
| Seiten: | 256 |
Rezension
In ihrer Kritik betrachtet Kathrin Fischer die Achtsamkeit vor allem als Modeerscheinung und kommerzialisierten Lebensstil. Die Autorin stellt unterschiedliche Achtsamkeitsansätze und -ausprägungen vor, hat viele Quellen und Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen konsultiert. Dass Achtsamkeit im Buddhismus in eine ethische Praxis eingebettet ist, greift sie jedoch nicht auf. Insofern hat ihr Buch mit dem, was Buddhistinnen und Buddhisten als Rechte Achtsamkeit im Rahmen des Edlen Achtfachen Pfads verstehen, wenig zu tun. Leider reflektiert sie das nicht, sondern beschreibt Meditation und Achtsamkeit pauschal als Weltflucht und „inneren Bunker“. Persönliche Erfahrungen und Gefühle wertet sie als Autosuggestionen ab und greift dabei zu unschöner Ironie: „Ommm. Alles nicht real. Alles vergänglich.“ So wird Achtsamkeit in diesem Buch zu einem neoliberalen Mittelschichtstrend, bei dem neben Selbstoptimierung auch Heilsversprechen mitschwingen. Achtsamkeit verzerre die Wirklichkeit zugunsten eines Happy Ends, denn „entscheidend ist das positive Gefühl“.
Nun ist die Auseinandersetzung mit von kapitalistischen Interessen durchdrungenen Achtsamkeitstrends nicht neu; es gibt sie spätestens seit Ronald Pursers „McMindfulness“ (2019). Darüber hinausgehende Anliegen Kathrin Fischers sind schwer zu erkennen. Ihre Verengung auf Achtsamkeit als „die“ Ursache von Mittelschichtsproblemen überzeugt nicht, blendet die Autorin doch all weiteren Faktoren aus, die in unserer Zeit daran mitwirken, strukturelle Missstände dem einzelnen Menschen aufzubürden. Erwähnt seien hier nur Körperideale, Rollenbilder, religiöse und andere Glaubenssysteme samt jeweiliger Heilsversprechen.
Eine inhaltliche Erweiterung des Fokus wäre sinnvoll gewesen, zumal Kathrin Fischer sich explizit für Fragen der sozialen Gerechtigkeit interessiert. Gerade am Ende des Buches reißt sie viel Grundsätzliches an, vertieft es aber nicht, wodurch ein reißerischer Beigeschmack bleibt. Zu kurz greift die These, ausgerechnet die Mittelschicht – mehrfach abwertend als „die Yoga-Frauen“ stereotypisiert – und die verbreitete Hinwendung zur Achtsamkeit seien für gesellschaftliche Missstände verantwortlich. Das geht schlicht an der Realität vorbei. Politisch weit brisanter dürfte derzeit das gegenteilige Muster sein: Die Ursache für strukturelle Probleme nicht in gesellschaftlichen Zuständen und eigenen Anteilen daran zu suchen, sondern pauschal vermeintlich „anderen“ anzulasten. Dieses Phänomen hätte unsere Aufmerksamkeit verdient.
Christiane Hellermann


