„Wie kann ich anderen dienen?“ – Wie Filme Menschen und Kulturen verbinden können 

Ein Interview mit Olga Delane geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der 4-2026 Übergänge unter der Rubrik Spiritualität im Film.

Premieren, Filmproduktionen und das Berliner Kulturleben prägten jahrelang Olga Delanes Alltag. Heute organisiert sie ein Festival für Filme aus unterschiedlichen spirituellen Traditionen – das Spandafilmfest. Im Gespräch erzählt sie, warum sie in Filmen eine besondere Kraft sieht, Menschen nachhaltig zu berühren. 

Susanne Billig: Wie bist du dazu gekommen, dich mit spirituellen Filmen zu befassen?  

Olga Delane: Mit Anfang dreißig hatte ich eigentlich alles erreicht, was ich mir zuvor gewünscht hatte. Mein erster eigener Film als Regisseurin war fertig, ich wurde zu Premieren und Gesprächen eingeladen, führte ein glamouröses Leben, trank Champagner und war von interessanten Künstlerinnen und Künstlern umgeben. Doch irgendwann merkte ich: Dieses Leben schmeckt mir nicht mehr. Innerlich fühlte ich mich leer und unglücklich, wie in einer Sackgasse. Gleichzeitig wusste ich tief in mir: Das kann noch nicht alles gewesen sein. Es muss einen tieferen Sinn geben. 

Rückblickend glaube ich, dass sich damals mein Blick auf das Leben verändert hat. Ich wollte nicht länger nur meinen Wünschen hinterherlaufen und begann zu ahnen, dass Glück vielleicht etwas ganz anderes ist: den eigenen Geist entwickeln, mitfühlender werden, für andere da sein. Das war der Anfang von dem, was später kam. 

Dein Herkunftsland spielte dabei eine wichtige Rolle. 

Porträt Olga Delane
Olga Delane organisiert das Spandafilmfest

Für meinen Film Liebe auf Sibirisch reiste ich immer wieder in meine Heimat Russland, aus der ich als Kind mit meinen Eltern ausgewandert bin. Ich komme aus der Nähe der Mongolei und der Republik Burjatien. Jetzt sah ich diese Gegend mit anderen Augen. 

Es zog mich in die buddhistischen Klöster, wo ich viel Zeit verbrachte, oft schon früh am Morgen. Ich saß einfach da, hörte den Gesängen der Mönche zu, nahm den Duft des Räucherwerks wahr und beobachtete die Menschen beim Beten. Diese Atmosphäre hat mich tief berührt. Es war nicht eine bestimmte Lehre, sondern das Zusammenspiel aus Stille, Klang und der Selbstverständlichkeit, mit der Spiritualität dort gelebt wurde. 

Ich besuchte Pilgerorte, sprach mit Mönchen und hatte das Gefühl, dort etwas wiederzufinden, das mir lange gefehlt hatte. Damals wurde mir klar, dass ich meinem Leben eine neue Richtung geben wollte.  

Parallel dazu hast du die vedischen Lehren entdeckt. Wie kam es dazu? 

In einer sehr schwierigen Lebensphase erinnerte ich mich an eine CD mit Vorträgen über die „Gesetze des glücklichen Lebens“, die mir eine Freundin Jahre zuvor geschenkt hatte. Aus Neugier hörte ich hinein – und konnte plötzlich kaum noch aufhören. Diese Vorträge haben mir Orientierung gegeben und mir gezeigt, dass Spiritualität nichts Weltfremdes ist, sondern eine praktische Hilfe für das Leben sein kann.  

Die vedischen und die buddhistischen Traditionen weisen für mich in dieselbe Richtung: Sie erinnern mich daran, das eigene Ego nicht zum Mittelpunkt des Lebens zu machen, Mitgefühl zu entwickeln und Verantwortung für andere zu übernehmen. Natürlich gibt es Unterschiede in den Lehren und in der Praxis. Aber im Kern geht es für mich in beiden darum, den Geist zu entfalten und ein bewussteres, liebevolleres Leben zu führen. Deshalb habe ich nie das Gefühl gehabt, mich dazwischen entscheiden zu müssen. 

Später kam Indien hinzu. Was hast du dort gefunden? 

In Indien habe ich zum ersten Mal erlebt, wie Spiritualität den ganzen Alltag durchdringen kann. Ich habe Ashrams besucht und Menschen kennengelernt, die ihr Leben ganz selbstverständlich an ihren spirituellen Überzeugungen ausrichten. Wenn ich dort bin, tauche ich ganz in diese Welt ein. Ich trage indische Kleidung, höre indische Musik und lebe einige Monate in diesem Rhythmus. Besonders berührt mich die Haltung vieler Menschen, sich nicht ständig zu fragen: „Was bringt mir das?“, sondern: „Wie kann ich anderen dienen?“  

Indien ist für mich längst zu einer zweiten Heimat geworden. Jedes Mal kehre ich mit neuer Kraft zurück – und mit dem Wunsch, etwas von dieser Gelassenheit und Herzenswärme in meinen Alltag mitzunehmen. 

Viele Menschen sehen Filme vor allem als Unterhaltung. Wie sind sie für dich zu spirituellen Begleitern geworden? 

Während der Corona-Pandemie hatte ich zum ersten Mal die Ruhe, Filme aus aller Welt zu entdecken. Auf russischen Streaming-Plattformen stieß ich auf indische Serien und mythologische Stoffe. Mich hat sofort fasziniert, wie selbstverständlich dort Unterhaltung und Lebensweisheit zusammengehen. 

Diese Filme erzählen spannende Geschichten, sie sind opulent und emotional, gleichzeitig vermitteln sie Werte und Einsichten, die meinen spirituellen Weg bis heute bereichern. Ich merkte plötzlich: Filme können viel mehr sein als bloßer Zeitvertreib. Sie können Menschen berühren, inspirieren und innere Entwicklungen anstoßen. Eine gute Geschichte erreicht oft zuerst das Herz, ohne belehrend zu wirken – erst danach beginnt der Verstand darüber zu reflektieren.  

Ich fragte mich: Warum kennen wir solche Filme in Deutschland kaum? Es suchen doch viele Menschen nach Orientierung, Sinn und innerem Frieden. Gute Filme können Brücken bauen zwischen Kulturen, Religionen und Lebenswelten. Diese Erfahrung wollte ich mit anderen Menschen teilen. 

Was kann ein Film vermitteln, was ein Buch oder ein Vortrag vielleicht nicht vermitteln kann? 

Ein Film spricht den ganzen Menschen an. Im Spielfilm wirken Bilder, Musik, Schauspiel und Handlung gleichzeitig. Dokumentarfilme geben authentische Einblicke in das Leben spiritueller Gemeinschaften und außergewöhnlicher Menschen. So entsteht eine Verbindung zwischen den Weisheiten der alten Überlieferungen und ihrer Umsetzung in der Gegenwart. Filme ermöglichen Erfahrungen, die über den Verstand hinausgehen und uns für zwei Stunden in eine andere Welt mitnehmen. Wir leiden und freuen uns mit den Figuren, erleben ihre Entwicklung mit. Gerade dadurch bleiben viele Einsichten lange in Erinnerung. Deshalb glaube ich, dass Filme heute, wo viele Menschen weniger lesen, ein besonders kraftvolles Medium sind. Sie können schwierige Themen leichter zugänglich machen und Menschen erreichen, die vielleicht nie ein spirituelles Buch lesen würden. 

Was macht für dich einen spirituellen Film aus? 

Ein spiritueller Film muss für mich kein religiöser Film sein. Entscheidend ist nicht das Thema, sondern die Wirkung. Ein Film wird für mich spirituell, wenn er etwas in Bewegung bringt – wenn er mich berührt, zum Nachdenken anregt oder meinen Blick auf das Leben verändert. Dabei kann es um Mitgefühl gehen, um Vergebung, Verantwortung oder die Suche nach dem eigenen Weg. Solche Geschichten gibt es in ganz unterschiedlichen Kulturen und Genres. Wichtig ist nur, dass sie ehrlich erzählt sind und den Menschen in seiner Tiefe ernst nehmen. Ich wünsche mir Filme, die Hoffnung schenken, ohne die Wirklichkeit zu beschönigen. Sie dürfen schwierige Themen zeigen, sollten aber einen Raum öffnen, in dem Entwicklung möglich wird. 

Aus dieser Begeisterung ist schließlich das Spandafilmfest entstanden. Wie kam es dazu? 

Mir wurde klar, dass es viele großartige Produktionen im deutschsprachigen Raum gibt, die kaum bekannt sind. Ich wollte sie nicht länger allein anschauen, sondern mit anderen teilen. Also begann ich, mit Filmschaffenden Kontakt aufzunehmen, Lizenzen einzuholen und nach einem Format zu suchen, in dem diese Filme ein Publikum finden können. Daraus ist Schritt für Schritt das Spandafilmfest entstanden. Seit einigen Jahren findet es immer im Dezember statt. 

Das letzte Festival stand unter dem Motto „Ein Geist – eine Menschheit“. Was bedeutet das für dich? 

Es erinnert daran, dass wir Menschen viel stärker miteinander verbunden sind, als wir oft glauben. Wir unterscheiden uns in unserer Herkunft, Kultur oder Religion. Aber wir alle sehnen uns nach Liebe, Frieden, Anerkennung und einem erfüllten Leben. Gerade in einer Zeit, in der viele Konflikte die Welt prägen, möchte ich den Blick auf das richten, was uns verbindet. Filme können dabei helfen. Sie lassen uns in das Leben anderer Menschen eintauchen und fördern Mitgefühl und Verständnis – oft ohne viele Worte. Deshalb ist „Ein Geist – eine Menschheit“ für mich kein abstrakter Leitsatz, sondern eine Einladung, einander mit mehr Offenheit und Menschlichkeit zu begegnen. 

Welche Eigenschaften muss ein Film haben, damit du ihn in das Festivalprogramm aufnimmst? 

Zunächst muss mich der Film selbst überzeugen. Ich frage mich: Hat mich diese Geschichte wirklich berührt? Bleibt sie noch in mir, nachdem der Abspann gelaufen ist? Wenn das nicht der Fall ist, nehme ich den Film nicht ins Programm. Außerdem achte ich auf die Qualität der Erzählung. Ein Film darf anspruchsvoll sein, aber er sollte Menschen erreichen und nicht belehren. Die Botschaft muss aus der Geschichte entstehen – nicht aus einem erhobenen Zeigefinger. Und schließlich spielt die Vielfalt eine große Rolle. Ich möchte den Reichtum vor allem der östlichen spirituellen Traditionen, Kulturen und Sichtweisen zeigen. Das Festival soll kein Ort sein, an dem fertige Antworten präsentiert werden, sondern ein Raum, in dem Menschen neue Perspektiven entdecken können 

Warum hast du dich für ein Online-Filmfestival entschieden? 

Ein Online-Festival erreicht mehr Menschen. Denn nicht jede und jeder kann nach Berlin reisen oder mehrere Tage für ein Festival einplanen. Online können Menschen unabhängig von ihrem Wohnort teilnehmen und die Filme dann anschauen, wenn sie Zeit und Ruhe dafür haben.  

Außerdem passt dieses Format gut zu meinem Anliegen. Ich möchte Menschen miteinander verbinden, die sich für Spiritualität, persönliche Entwicklung und einen bewussten Umgang mit dem Leben interessieren. Das Internet schafft dafür Möglichkeiten, die ein klassisches Kinofestival kaum bieten kann. Natürlich ersetzt das nicht die besondere Atmosphäre eines Kinosaals. Aber es eröffnet vielen Menschen überhaupt erst die Chance, diese Filme zu entdecken. Darum geht es mir. 

Deine Liebe zu den Filmen und dem Festival ist spürbar. Warst du auch mit Hindernissen konfrontiert? 

Hinter dem Festival steckt sehr viel Arbeit. Ich muss Kontakte zu Filmschaffenden in aller Welt knüpfen, Lizenzen aushandeln, Untertitel organisieren, technische Lösungen finden und mich um unzählige organisatorische Details kümmern. Vieles habe ich zum ersten Mal gemacht. Natürlich gab es auch Momente, in denen ich gezweifelt habe. Manchmal fragte ich mich, ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt. Aber immer dann kamen Rückmeldungen von Zuschauerinnen und Zuschauern, die erzählten, wie sehr sie ein Film berührt oder inspiriert hatte. Das gibt mir die Kraft weiterzumachen. 

Menschen, die dieses Festival besuchen, sollen nicht das Gefühl haben, zwei Stunden vor dem Bildschirm verschwendet zu haben. Sie sollen sich bereichert fühlen und etwas mitnehmen – einen Gedanken, eine Stimmung, vielleicht sogar eine neue Sicht auf das Leben. Wenn jemand erfüllt zu Bett geht und am nächsten Morgen mit einem etwas offeneren Blick auf die Welt aufwacht, hat sich meine Arbeit gelohnt.  

Vielen Dank für das Gespräch! 

Weitere Informationen 


spiritup.world/de 

Unter dem Dach von SPIRITUP.WORLD bündelt Olga Delane verschiedene Angebote rund um Spiritualität. Dazu gehören das Spandafilmfest, die Streaming-Plattform SpiritUp.Video, Meditationsangebote, spirituelle Reisen nach Indien sowie Literaturformate.  

Ab November 2026 zeigt SpiritUp.Video die Fernsehserie „Buddha – Rajaon Ka Raja (Buddha – The King of Kings)”. In 55 Folgen erzählt die indische Produktion den Lebensweg Siddhartha Gautamas – vom behüteten Prinzen über seine Suche nach der Wahrheit bis zu seinem Erwachen als Buddha. 

Olga Delane

wurde in der sowjetischen Stadt Krasnokamensk an der Grenze zu China und der Mongolei geboren. 1993 zog die Familie mit deutschen und niederländischen Wurzeln nach Deutschland. Im Jahr 2000 schloss Olga ihre Ausbildung an der Modedesign Akademie in Düsseldorf ab und zog nach Berlin, wo sie als Kostümassistentin am Bertolt-Brecht-Theater arbeitete. Unter dem Einfluss befreundeter Künstler begann sie zu fotografieren. Besonders inspiriert war sie von der Rückkehr in ihre Heimat, in die sibirische Steppe, wo sie beschloss, die Fotografie um den Film zu erweitern, da sie das Gefühl hatte, dass die Fotografie den Inhalt dessen, was sie vermitteln wollte, einschränkte.

Ihre Fotoarbeiten wurden im internationalen Auktionshaus VAN HAM ausgestellt und befinden sich in privaten Sammlungen.

Ihre Filme erhalten internationale Anerkennung. Der Kurzfilm „DOROCHKA” bekam 2019 die höchste Nominierung des deutschen Kurzdokumentarfilms.

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