Der Ort des Weges
Ein genauer Blick in die frühen Lehrreden zeigt, wie vielschichtig dort zwischen verschiedenen Aspekten und Qualitäten des Geistes unterschieden wird. Hier fein wahrzunehmen, ist keine Theorie, sondern für die Praxis entscheidend. Raimund Hopf, langjähriger Meditationslehrer in der Theravada-Tradition, zeigt, warum der Weg nicht im Denken beginnt, sondern im Herzgeist.
In den Pali-Suttas, den frühen Lehrreden des Buddha, findet sich nicht nur eine Bezeichnung für „Geist“, sondern es sind drei: Verstand (mano), Bewusstsein (vinnana) und Herz oder Gemüt (citta beziehungsweise ceto). Der historische Buddha unterscheidet präzise zwischen diesen drei Aspekten des Geistigen.
Mano
Handlungen (kamma), Intentionen und Absichten (sankappa), das genaue Hinwenden der Aufmerksamkeit (manasikaroti) und unterscheidendes Denken (zum Beispiel vitakka-vicara) werden mano zugeschrieben. Zugleich ist mano ein durch den Körper bedingtes Wahrnehmungsorgan und scheint mit diesem auch wieder zu vergehen. Ohne mano wäre keine koordinierte Wahrnehmung über die anderen Sinnesorgane möglich. Zudem gilt es selbst als Sinnesorgan, da es geistige „Formen“ wahrnimmt – Erinnerungen, Vorstellungen, Ideen, Traumbilder oder Erkenntnisse. Diese geben Anlass zu weiterer gefühlter Erfahrung.
Herzens
Anatomisch lässt sich dieser Erfahrungsraum jedoch keinem eindeutig bestimmbaren Organ zuordnen. Der Herzgeist ist daher nicht mit dem Herzen als Pumpe (Pali: hadaya) gleichzusetzen, auch wenn im Deutschen eine enge sprachliche Verbindung besteht. Diese Verbindung ist nicht zufällig: Das Herz verfügt über ein eigenes komplexes Nervensystem und ist an hormonellen Prozessen beteiligt, etwa an der Ausschüttung von Oxytocin.
Vinnana
Folgt man den Suttas, muss das Bewusstsein (vinnana) verstanden und nicht „entwickelt“ werden. Es entsteht in Abhängigkeit von dem, was wir fühlen und denken. Wir haben über unsere Erfahrungen ein mehr oder weniger klares Wissen. Dieses Wissen bleibt im Gedächtnis gespeichert und kann durch ähnliche Erfahrungen wieder hervorgerufen, erweitert oder verändert werden. Je achtsamer ein Mensch erlebt, desto klarer wird das Bewusstsein über das Erlebte und desto besser bleibt es erinnerbar. Bewusstsein hat damit eine begleitende, klärende Funktion im Erleben.
Citta und ceto
Citta und ceto, die ich selbst gern als Herz oder Gemüt übersetze, bezeichnen die emotionale Seite des geistigen Erlebens. Im Herzgeist werden Erfahrungen nicht nur wahrgenommen, sondern auch gefärbt, bewertet und in ihrer Bedeutung für uns bestimmt. Das Wort ist – wie im Deutschen – ursprünglich eine Metapher: „Ich habe dich von Herzen gern“, „Was sagt dein Herz?“. Niemand würde eine Liebeserklärung in die Worte fassen: „Schatz, ich liebe dich von ganzem Verstand.“ Während sich Bewusstsein noch relativ gut neuronal verorten lässt, erleben die meisten Menschen den „Herzgeist“ eher im Bauch- oder Brustraum oder im Bereich des organischen Herzens. Anatomisch lässt sich dieser Erfahrungsraum jedoch keinem eindeutig bestimmbaren Organ zuordnen. Der Herzgeist ist daher nicht mit dem Herzen als Pumpe (Pali: hadaya) gleichzusetzen, auch wenn im Deutschen eine enge sprachliche Verbindung besteht. Diese Verbindung ist nicht zufällig: Das Herz verfügt über ein eigenes komplexes Nervensystem und ist an hormonellen Prozessen beteiligt, etwa an der Ausschüttung von Oxytocin.
Die Übersetzung
Die meisten Übersetzerinnen und Übersetzer geben citta und mano im Deutschen mit „Geist“ und im Englischen mit „mind“ wieder. So wird etwa der erste Vers des Dhammapada gelegentlich mit „Das Bewusstsein geht allem Handeln voraus“ übersetzt, obwohl im Pali mano steht. Ein solcher Gebrauch stützt sich häufig auf die Auslegung einer einzigen Lehrrede – und zwar der Lehrrede 61 im zwölften Buch der Samyutta Nikaya (Sammlung der verbundenen Lehrreden).
Darin setzt der Buddha die drei Aspekte des Geistigen scheinbar gleich. Genau besehen zeigt der Buddha dort jedoch, dass der „Weltling“ zwar Abscheu gegenüber seinem Körper entwickeln kann, nicht aber gegenüber dem, was man Geist, Herz oder Bewusstsein nennt, weil er sein vermeintliches Ich (atta) damit identifiziert. Dabei sei es naheliegender, so sagt er an dieser Stelle, sich mit dem Körper zu identifizieren, der immerhin noch vorübergehend stabil zu sein scheine, während sich die geistigen Aspekte fortwährend veränderten und immer wieder anders erlebt würden.
Die Möglichkeit der Befreiung verstehen
Warum ist die Unterscheidung zwischen mano, citta und vinnana so wertvoll? Weil sie hilft, uns, unser Erleben und die Möglichkeit der Befreiung genauer zu verstehen. Diese beschreibt der frühe Buddhismus als Befreiung des Herzens und durch Weisheit, nicht als Leistung des Verstandes (cetovimutti-pannavimutti). Zu verstehen, was das Herz – oder der Herzgeist – ist, hilft, die Dinge dort zu suchen, wo sie tatsächlich geschehen.
Die Eigenschaften, die das Erkennen hemmen, nennt der Buddha „Befleckungen des Herzens“ (cittassa upakkilesa), etwa in einer Lehrrede aus der Mittleren Sammlung (Majjhima Nikaya 7). Auch die nivarana – Sinnesverlangen, Boshaftigkeit, Trägheit und Schlaffheit, Rastlosigkeit und Unruhe sowie Zweifel – verdunkeln den Herzgeist und schwächen die Weisheit.
Triebe, latente Neigungen und Befleckungen sind im Herzgeist verankert und färben alles Erleben und Deuten. Wer im Herzen Ärger hegt, wird dazu neigen, entsprechend zu handeln. Freude im Herzen lenkt das Denken und Handeln in eine heilsame Richtung. Es reicht also nicht, das Verhalten zu regulieren, wenn die zugrunde liegenden Regungen im Herzgeist unverändert bleiben. Die Ausrichtung zum Heilsamen ist nicht in erster Linie ein Akt des Intellekts; vielmehr „entfaltet jemand Herzenskraft und bemüht sich“ (arabhati cittam pagganhati padahati). Das Herz ist auch Sitz des Willens (cetana) und der Ort, an dem Wirklichkeit erkannt wird und Transformation geschieht. Mano nimmt eher die Rolle eines „Empfängers“ der Regungen und eines ausführenden Organs ein.
Noch spannender wird es, wenn wir die Natur dieses Herzens betrachten. In einer Lehrrede aus der Anguttara Nikaya (1,49) heißt es: „Dieses Herz (citta) ist hell leuchtend, doch es ist von vorübergehenden Befleckungen befleckt.“ Gleich darauf heißt es in einer weiteren Lehrrede (1,50): „Dieses Herz (citta) ist hell leuchtend, und es ist frei von vorübergehenden Befleckungen.“ Damit wird das Herz als grundlegend klar und zugleich als veränderlich beschrieben. Das Mahayana greift diese Aussagen später auf und entfaltet sie in Konzepten wie bodhicitta und tathagatagarbha weiter.
Die bisherigen Ausführungen machen eine Spannung sichtbar: Das Herz erscheint einerseits als von Natur aus klar, andererseits als von wechselnden Zuständen überlagert. Befleckungen sind jedoch nicht sein Wesen, sondern vorübergehende Zustände. Auch wenn es andere Einschätzungen gibt: Für mich weisen die Suttas darauf hin, dass das Herz grundsätzlich zur Klarheit fähig ist.
Warum entdecken?
Dieser Aspekt des Herzgeistes zeigt sich auch an den vier Unermesslichen, den brahmaviharas. Der Buddha lehrt nie, man müsse die vier Seiten der Liebe – metta, karuna, mudita, upekkha – erst erlernen. Er spricht immer davon, sie aus dem Herzgeist auszustrahlen. Liebe ist damit eine der grundlegenden Fähigkeiten des Herzens, die hell leuchten, auch wenn sie vorübergehend verdeckt sind. Keinem fühlenden Wesen muss Liebe erklärt werden; sie ist in ihm angelegt.
Das lässt sich auf das Heilsame insgesamt beziehen: Wir alle wollen glücklich sein, weil wir im Herzen bereits einen Drang zum Guten tragen. Er muss nur erkannt und entfaltet werden. Auch nibbana – das Erlöschen von Gier, Hass und Verblendung – wird im Herzgeist bewirkt und erlebt und bildet eine Brücke zwischen dem Bedingten und dem Unbedingten. Nibbana muss nicht erzeugt, sondern freigelegt werden. In einer Lehrrede aus dem Itivuttaka (Itivuttaka 43) und in einer Lehrrede aus dem Udana (Udana 8,3) heißt es:
„Es gibt ein Ungeborenes, Ungewordenes, Unerschaffenes, Ungestaltetes. Gäbe es dieses Ungeborene, Ungewordene, Unerschaffene, Ungestaltete nicht, so wäre hier kein Entrinnen aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Gestalteten zu erkennen. Weil es aber ein Ungeborenes, Ungewordenes, Unerschaffenes, Ungestaltetes gibt, deshalb ist hier ein Entrinnen aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Gestalteten zu erkennen.“
Dass das Unbedingte im Bedingten erfahren werden kann, entzieht sich jeder begrifflichen Erklärung. Angesichts dieser Erfahrung bleibt Schweigen. Deshalb ist es so wichtig, das Herz zu pflegen und zu reinigen – denn es ist der Ort des Weges. In Vers 183 des Dhammapada heißt es:
„Das eigene Herz reinigen, das ist die Lehre der Buddhas.“
Bedeutung für die Praxis
Was bedeutet diese Sicht auf Citta nun konkret für unsere Praxis? Sie macht deutlich, dass ethische Übung nicht bloß „korrektes Verhalten“ ist, sondern Herzarbeit. Wenn ich mir vornehme, niemandem zu schaden, genügt es nicht, äußerlich freundlich zu bleiben, während ich innerlich weiter Ärger und Verachtung pflege. Übung in Tugend heißt, diese Regungen im Herzgeist zu erkennen und zu verwandeln. Erst bemerken, dann nicht nähren, schließlich durch wohlwollende Haltungen ersetzen. So wird die Reinigung des Herzens, von der der Dhammapada spricht, unmittelbar erfahrbar – etwa wenn ich mir nach einem unfreundlichen Wort ehrlich eingestehe: „Da war Härte im Herzen“, und dann bewusst den Entschluss fasse, künftig gütiger zu sprechen.
In der Meditation zeigt sich der Herzgeist besonders deutlich. Wenn wir still sitzen, wird rasch erfahrbar, wie bewegt oder getrübt Citta sein kann. Die klassischen „Hemmungen“ – Sinnesverlangen, Widerwillen, Trägheit, Rastlosigkeit und Zweifel – lassen sich unmittelbar spüren. Anstatt sie als Fehler zu sehen, können wir sie als das erkennen, was sie laut den Lehrreden sind: vorübergehende Befleckungen des Herzgeistes (cittassa upakkilesa). In dem Moment, in dem wir sie achtsam bemerken und nicht mehr automatisch ausagieren, beginnt bereits ein Reinigungsprozess.
Das Herz lernt, nicht mehr jede Regung unmittelbar in Denken und Handeln umzusetzen, sondern einen Moment innezuhalten. Mit der Zeit stellen sich mehr Leichtigkeit und Klarheit ein. Auch die Herzbefreiungen wie Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut werden so zu Übungen des Herzgeistes. Wenn wir Metta praktizieren, geht es nicht darum, uns von der Vernünftigkeit der Liebe zu überzeugen, sondern Wohlwollen tatsächlich zu entfalten und auszuweiten. In dem Maß, in dem diese Qualitäten im Herzgeist stabiler werden, verändern sich auch unser Denken (mano) und unser Handeln.
Entfaltung von Weisheit
Für die Entfaltung von Weisheit ist die Perspektive auf Citta ebenfalls entscheidend. Einsicht in Vergänglichkeit, Nicht-Ich und Leidhaftigkeit bleibt abstrakt, solange sie nur im Denken stattfindet. Erst wenn das Herz direkt erfährt, wie alles, was es festhalten will, zerfällt und wie jede Form von Ich-Loslassen Erleichterung bringt, wird daraus lebendige Weisheit. In der Praxis kann das so aussehen: Ich beobachte in der Meditation einen alten Schmerz oder eine Kränkung und bemerke, wie sich das Herz zusammenzieht, wenn „meine Geschichte“ dazu auftaucht. Wenn ich hier bleibe, ohne zu fliehen und ohne mich zu verstricken, kann Citta erkennen: „Das sind nur vorübergehende Regungen, keine stabile Identität.“ Dieses Erkennen geht über intellektuelle Einsicht hinaus; es ist Herz-Weisheit im wörtlichen Sinn.
So gesehen ist jeder Schritt auf dem buddhistischen Weg ein Schritt des Herzgeistes: Tugend als heilsame Ausrichtung, Sammlung als Beruhigung und Einigung, Weisheit als Durchschauen der Muster, an denen das Herz hängt. Wenn der Buddha von Befreiung des Herzens und Befreiung durch Weisheit spricht, lädt er uns ein, genau hier zu üben – das eigene Herz ernst zu nehmen, es zu schützen und zu klären und seine leuchtende, mitfühlende Natur immer mehr zur Geltung kommen zu lassen.
Atemachtsamkeit
Besonders deutlich wird die Rolle des Herzgeistes in der Atemachtsamkeit (anapanasati). Wenn wir den Atem betrachten, schulen wir nicht nur Aufmerksamkeit, sondern richten Citta sanft und geduldig immer wieder auf Sammlung aus. Ziel dieser Praxis ist es, die Regungen des Herzens zu erkennen und zu beruhigen, das Herz zu erleben, es zu erfreuen und schließlich zu befreien. Das gilt für jede Form von Sammlung. Samadhi wird als „Einigung des Herzens“ beschrieben (cittassa ekaggata). Gemeint ist nicht, dass nur noch ein einzelner Gedanke vorhanden wäre, sondern dass sich der Herzgeist innerlich sammelt – etwa im Spüren des Atems oder in einer heilsamen Qualität wie Metta. So ist auch dhamma-samadhi zu verstehen: Das Herz wird von einem Aspekt des Dhamma berührt, wird ruhig und klar und gewinnt so Einsicht in die Wirklichkeit.
Alltagspraxis
Doch nicht erst in vertieften Stufen der Meditation, auch in unserer schlichten Alltagspraxis ist die Ausrichtung auf den Herzgeist sehr hilfreich. Schon ein Moment bewusster Aufmerksamkeit – etwa beim Atmen – kann ein kleiner Akt der Sammlung des Herzens sein (cittasamadhi). Wenn wir in schwierigen Situationen zu Wohlwollen zurückfinden oder unsere Aufmerksamkeit auf einfache Körpererfahrungen richten, üben wir genau jene Klärung von Citta, welche die Lehrreden als Grundlage von Weisheit und Befreiung beschreiben. Auf diese Weise wird die Unterscheidung der drei Aspekte des Geistes zu einem lebendigen Kompass für die Umsetzung des Dhamma im Alltag.

Raimund Hopf
Raimund Hopf (Jinavaro) praktizierte und studierte Zen und tibetischen Buddhismus, bevor er den ursprünglichen Buddhismus durch das Studium der alten Texte als seinen Weg entdeckte. Er studierte in Hamburg und am Karmapa International Buddhist Institut in New Delhi und war Mönch in der Waldklostertradition des Dhammayut-Nikaya in Thailand. Heute ist er Lehrer in der Suttanta-Gemeinschaft, hält Vorträge und übersetzt die Pali-Suttas, die für ihn die Richtschnur der buddhistischen Praxis sind. Zusammen mit Freunden hat er den Buddha-Talk ins Leben gerufen und ist der Initiator und war der erste Vorsitzende des Vereins ‚Mitgefühl-in-Aktion e.V.‘


