Die eigene Herzenspraxis erkennen

Ein Beitrag von Tilman Lhündrup Borghardt veröffentlicht in der 3-2026 Herzgeist unter der Rubrik Schwerpunkt Herzgeist.

Was befreit uns wirklich? Lama Tilmann Lhündrup lädt dazu ein, den Blick – statt auf luftige Ideale – in das eigene Herz zu richten. Es geht um ein waches, offenes Gewahrsein, das auch Schmerz und Wildheit einschließt. Eine Annäherung an die buddhistische Lehre als lebendige, alltagsnahe Praxis.

Es ist mir ein tiefes Herzensanliegen, das, was ich als heilsam und aufweckend erfahren durfte, so verständlich wie möglich zu vermitteln, ohne dabei die Tiefe der kostbaren tibetisch-buddhistischen Tradition zu verlieren. Erkunden wir also das, was ich gerne „Buddhismus auf gut Deutsch“ nenne.

Mein eigener Weg war lange Zeit sehr traditionell geprägt: Ich habe 25 Jahre im tibetischen Buddhismus praktiziert, davor im Theravada und im Zen. Ich lebte 21 Jahre lang im Kloster. Doch auch wenn sich mein äußeres Gewand geändert hat, ist meine innere Ausrichtung dieselbe geblieben: Es geht darum, die Essenz der Lehre zu durchdringen und sie für uns heute zugänglich zu machen.

Ein einfacher Dreisatz

Wenn wir nach dem Kern der buddhistischen Geistesschulung fragen, landen wir bei einem einfachen Dreisatz des Buddha:

Vermeide das Schädliche, kultiviere das Heilsame und befreie – oder schule – deinen Geist.

Das klingt schlicht, doch die Herausforderung liegt in der Anwendung auf uns selbst. Niemand kann das von außen für uns tun. Wir müssen individuell herausfinden: Wo beginne ich in meinem Leben aufzuräumen? Was tut mir und anderen nicht gut? Was möchte ich wirklich kultivieren? Das „Befreien“ des Geistes bedeutet letztlich, immer entspannter, freier und wacher zu werden. Buddha heißt „der Erwachte“. Erwachen bedeutet, aus dem Schlaf der Unwissenheit oder dem mangelnden Gewahrsein aufzutauchen. Es ist ein Prozess, so klar, einfach und unverstellt zu werden, dass uns ein waches Gewahrsein in jeder Situation begleitet.

Authentizität als Maßstab

Ich erinnere mich lebhaft an das Jahr 1981, als ich mit 22 Jahren meinem Lehrer Gendün Rinpoche begegnete. Er war ein völlig unkomplizierter alter tibetischer Lama, bei dem jedes Wort mit dem übereinstimmte, was er ausstrahlte – da war keine Diskrepanz zwischen Lehre und Person. Diese Authentizität ist für mich bis heute der Maßstab.

Früher im Kloster lebte ich oft in einer geschützten Rolle, in der viele Menschen zu mir aufblickten; dadurch kam ich an manche meiner eigenen emotionalen Schatten gar nicht heran. In meinem Alltagsleben heute ist das anders. Wenn es da einmal knirscht oder Spannungen auftreten, kann ich mich nicht hinter einem geistlichen Gewand verstecken. Da zeigt sich, ob mein Gewahrsein wirklich trägt oder ob ich nur eine spirituelle Form mime. Wahre Herzenspraxis beweist sich in der Reibung des Lebens, wo wir entdecken, ob unser Herz wirklich weit bleibt oder ob wir uns doch wieder in alten Mustern verstricken.

Den Vorhang beiseiteschieben

In jeder und jedem von uns ruht ein grundlegendes Gewahrsein, das jedoch oft von „Schleiern“ verdeckt ist. Wir sprechen hier von emotionalen Schleiern – alles, was uns das Herz verkrampft – und von kognitiven Schleiern, jenen mentalen Fixierungen des Intellekts, die uns festlegen. Wenn wir beginnen, diese Verspannungen aufzulösen, ist das, wie wenn wir einen Vorhang beiseiteziehen – das Licht kommt dann automatisch. Wir müssen es nicht „herstellen“. Unsere natürlichen Qualitäten Freude, Wärme und Dankbarkeit kommen von selbst zum Vorschein, sobald die Blockaden fallen.

Stell dir vor, du hattest einen furchtbar stressigen Tag und erfährst dann eine tiefe Entspannung – in dem Moment, in dem du loslässt, sind Dankbarkeit und Liebesfähigkeit sofort wieder da. Erwachen ist kein stabiler Endpunkt, an dem wir uns als „Ich“ einrichten. Es ist ein lebendiger, lebenslanger Prozess.

Gewahrsein als Panorama

Wie praktizieren wir das im Alltag? Es beginnt mit dem schlichten Spüren. Innehalten, den Körper wahrnehmen, die Atmung. Wahres Gewahrsein ist panoramisch: Ich höre die Worte, denke nach und spüre gleichzeitig meinen Körper und die Atmosphäre des Raumes. Dazu gehört eine Verbindung von Präzision und Weite. Wenn wir zum Beispiel gemeinsam in einem Meditationsraum sitzen: Nehmt ihr das Licht wahr, das wunderbare Spiel der leuchtenden Farben? Oft gibt es Blumen, und man spürt, dass der Ort mit Liebe vorbereitet worden ist. Für Details empfindlich zu sein, ohne sie sofort begrifflich zu fixieren, ist Teil des Gewahrseins.

Wenn du so durch das Leben gehst – die Füße spürend, den Bauch, den Atem, aber auch die inneren Widerstände oder die stille Zustimmung –, entgeht dir nichts mehr. Du lernst aus jeder Situation unendlich viel mehr, als wenn du unbewusst bleibst. Man nennt das Weisheit: ein tiefes Wissen darum, wie man aus der Verstrickung zurück in die Freiheit findet.

Bodhicitta: Das Herz strömen lassen

Ein zentraler Begriff dieser Schulung ist Bodhicitta, der Herzensgeist des Erwachens. Es ist das spontane, warmherzige Strömenlassen von allem, was in uns an Qualitäten vorhanden ist. Ein schönes Bild dafür ist die Sonne, die ihre Strahlen nicht zurückhält, oder die Regenwolke, die ihren Regen über jeder Parzelle gleichermaßen verteilt. Wenn wir nicht mehr durch Vorlieben oder Abneigungen blockiert sind, strahlen unsere Herzensqualitäten natürlicherweise aus und berühren alles, mit dem wir in Kontakt kommen.

Im Erwachen gibt es niemanden mehr, der sagt: „Ich habe das verwirklicht.“ Wir werden endlich einfach und unkompliziert. Chögyam Trungpa Rinpoche hat einmal gesagt, wir gingen so sehr in dieser Offenheit auf, dass da „keine Karotte mehr ist, die den Kopf aus der Suppe steckt und sagt: Ich bin aber die Karotte“. Alles geht in diese Offenheit ein.

Interessanterweise führt diese Form der Präsenz auch zu einem ganz anderen Erleben von Zeit. In unserer westlichen Welt erfinden wir ständig neue Dinge, um Zeit zu sparen – wie etwa die Spülmaschine. Doch im Zustand des wachen So-Seins verliert dieser Drang zum Zeitsparen seine Schärfe. Wenn das Abspülen selbst zu einer erfüllenden Tätigkeit wird, bei der man ganz präsent ist, braucht man dazu keine Alternative mehr. Es gibt im Tibetischen bezeichnenderweise kein Wort für das, was wir „Langeweile“ nennen. Langeweile entsteht ja nur, wenn wir nicht zufrieden sind mit dem, was gerade ist, und uns nach Ablenkung sehnen. In der Herzenspraxis entdecken wir eine Präsenz, die so aus sich heraus erfüllend ist, dass das Suchen aufhört.

Welche Qualitäten?

Was ist dein tiefstes Herzensanliegen? Wofür lohnt es sich zu leben? Eine echte Herzenspraxis ist der Ausdruck dieses inneren Bedürfnisses. Deshalb lade ich dich dazu ein, dir die Frage zu stellen: Welche Qualitäten möchte ich in diesem Leben freisetzen? Sind es Einfachheit, Freiheit, Tatkraft oder vielleicht ein „Mut zur Wildheit“? Wenn wir die Qualitäten spüren und benennen, die uns zutiefst etwas angehen und wichtig sind, merken Wir auch, was ihnen im Weg steht. Das ist die konkrete Arbeit: die Schleier und Blockaden, die das freie Fließen unserer Herzensqualitäten verhindern, mit Gewahrsein zu durchdringen.

Oft verwechseln wir den spirituellen Weg mit einem moralischen Hochleistungssport. Wir tragen große Ideale im Herzen – Liebe zu allen Wesen! –, und manövrieren uns in eine völlige Überforderung und Selbstverleugnung. Wir zwängen uns in ein „spirituelles Korsett“, um gute Buddhistinnen oder perfekte Schüler zu sein, und entfernen uns dabei von unserem eigentlichen Herzensanliegen. Wir agieren aus einem Über-Ich-Modus, statt aus echter Verbundenheit.

Eine authentische Praxis bedeutet jedoch, dass wir aufhören, jemand sein zu wollen, der wir nicht oder noch nicht sind. Es geht nicht um die perfekte Form, sondern um die Aufrichtigkeit gegenüber unseren eigenen Qualitäten – auch wenn diese sich erst einmal viel bescheidener anfühlen als das große Bodhisattva-Ideal.

Schmerz annehmen, Leid beenden

Ein häufiges Missverständnis ist die Idee, Erwachen bedeute die Abwesenheit von unangenehmen Erfahrungen. Zum menschlichen Sein gehören Schmerz, Alter und Krankheit. Wer behauptet, die würden sich in Luft auflösen, der lügt. Ich habe meinen Lehrer Gendün Rinpoche bis zu seinem Tod begleitet. Er hatte starke körperliche Schmerzen, doch sein Geist war dabei völlig frei und gelöst. Er sprach über schlaflose Nächte in einer Heiterkeit, die mich tief beeindruckte.

Die entscheidende Frage ist: Wie viel psychisches Leid füge ich dem ohnehin vorhandenen Leid durch meine Abwehr und Identifikation noch hinzu? Ein freier Geist macht aus dem Unvermeidlichen kein zusätzliches Problem. Erwachen bedeutet zum Beispiel nicht, immun gegen eine Nahrungsmittelvergiftung zu sein. Der Buddha selbst starb mühsam an einer solchen, nachdem er noch Kilometer bis zu seinem Sterbeort gegangen war. Erwachen ist die Freiheit, sich im Erleben nicht mehr zu verstricken. Selbst wenn der Körper alt wird und verschiedene Krankheiten uns treffen, kann das Erleben jedes Jahr beglückender werden.

Der Umgang mit dem Schwierigen

Oft versuchen wir, unangenehme Gefühle durch spirituelle Übungen zu ersetzen – wir wollen von der Enge direkt in die Weite springen. Doch das ist vielleicht nur eine Form der Verdrängung. Der wahre Weg führt durch das Annehmen und Durchdringen der Enge. Wir müssen das Schwierige spüren, darin verweilen und es mit Gewahrsein durchleuchten, ohne es sofort manipulieren zu wollen.

Auf diesem Weg kann hilfreich sein, was ich einen „Gewahrseins-Assistenten“ nenne. Denken wir an die Psychotherapie: Wir lassen uns von einer anderen Person helfen, das Gewahrsein liebevoll dorthin zu lenken, wo wir allein vielleicht ausweichen würden. Es geht immer darum, mit den eigenen Mustern aufzuräumen, damit die Qualitäten wieder fließen können. Dann können sich selbst reaktive Muster wie Ärger oder Zorn auflösen.

Mein Lehrer hat von einer Begebenheit in Indien erzählt, wo er als Flüchtling im Straßenbau arbeitete. Er hatte hungrig für Essen angestanden, und als er seine Suppe entgegennahm, riss sie ihm jemand aus der Hand. Ähnliches war ihm zuvor im Retreat passiert: Aus seiner Höhle wurde sein einziger Sack Tsampa (Mehl aus geröstetem Getreide, die Red.) gestohlen. In diesen existenziellen Momenten merkte er, dass kein Funken Wut mehr in ihm aufstieg.

Das bedeutet nicht, dass ein erwachter Mensch deshalb nur noch im „Säuselton“ spricht. Manchmal kann eine zornig wirkende, durchschneidende Ansprache sehr effektiv sein, um eine Situation zu klären. Der Unterschied liegt darin, ob die Handlung aus einer persönlichen Verstrickung geschieht oder aus einer weiten, hilfreichen Präsenz.

Zurück nach Hause

Wie sieht das konkret aus, wenn der Druck im Alltag, etwa im Arbeitsleben, zunimmt? Nehmen wir das Beispiel einer Lehrerin, die sich durch den Stress im Kollegium erschöpft fühlt. Der Schlüssel ist, innerlich verankert zu bleiben, während man durch das Lehrerzimmer geht. Sobald das „Ich“ anspringt und meint, alle Probleme für andere lösen zu müssen, entstehen Druck und Last. Wenn wir jedoch in der einfachen Präsenz des Jetzt ruhen und mit unserem inneren körperlichen Erleben verbunden bleiben, müssen wir den Stress der anderen nicht wie einen Schwamm aufsaugen. Wir bleiben offen und handlungsfähig, ohne uns selbst zu verlieren.

Ganz gleich, ob wir im Lehrerzimmer unter Druck stehen, mit einer Krankheit kämpfen oder uns im Alltag verlieren: Der Schlüssel bleibt die einfache Präsenz im Jetzt. Wenn wir innerlich verankert bleiben, müssen wir den äußeren Druck nicht aufsaugen oder weitergeben. Alle können erwachen. Es ist ein Prozess des Loslassens, so wie wir es jeden Abend beim Einschlafen tun – nur bei vollem Bewusstsein. Es braucht kein Streben nach fernen „Bodhisattva-Stufen“, das nur neue Ambitionen nährt, dieses Mal im spirituellen Gewand. Es braucht lediglich das Vertrauen, dass die Offenheit ohnehin schon in uns ist.

Authentisch zu werden bedeutet, unseren Weg so zu gestalten, dass er uns immer mehr zu uns selbst führt. Entdecken wir unsere eigene Herzenspraxis. Trauen wir unserem eigenen Gewahrsein und lassen wir das Licht unseres Herzens ungehindert fließen. Wenn wir aufhören, jemand sein zu wollen, werden wir einfach und unkompliziert. Dann sind wir endlich zu Hause.

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den Lama Tilmann Lhündrup 2013 in München gehalten hat. Bearbeitung von Susanne Billig.

Weitere Informationen:

Als Audio lässt sich der Vortrag hier anhören:
tinyurl.com/Herzenspraxis-Audio

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