Brücken bauen für Verständigung und Zusammenarbeit

Ein Beitrag von Gabriela Frey veröffentlicht in der 3-2026 Herzgeist unter der Rubrik Buddhismus in Europa.

Anfang März 2026 sprach Gabriela Frey auf einer internationalen Konferenz der UNESCO in Paris über die Rolle von Frauen in der Friedensförderung. Ihr Beitrag verbindet persönliche Erfahrungen aus dem Buddhismus mit jahrzehntelangem Engagement im interreligiösen Dialog auf europäischer Ebene und macht deutlich, warum echter Dialog heute dringlicher ist denn je.

Ich bin in einer protestantischen Familie in Hamburg aufgewachsen und wurde mit vierzehn Jahren praktizierende Buddhistin. Mein Vater hatte nach dem Zweiten Weltkrieg durch buddhistische Schriften inneren Frieden gefunden. Dieser persönliche Zugang hat meinen eigenen Weg geprägt. Eine zentrale Lehre meiner buddhistischen Lehrerinnen und Lehrer lautet: Alle Lebewesen besitzen die gleiche grundlegende Natur, den gleichen Wert und verdienen den gleichen Respekt. Diese Einsicht hat mich früh sensibilisiert – auch für Ungleichheit.

Gabriela Frey und Thea Mohr auf einer UNESCO-Konferenz
Gabriela Frey und Thea Mohr, beide bei Sakyadhita France und Sakyadhita Germany sowie im Europarat engagiert

Während meiner Arbeit im Europäischen Parlament und auf Delegationsreisen besuchte ich buddhistische Gemeinschaften in Indien und Asien. Dort ist mir deutlich geworden, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen von Frauen und Männern sind. Frauen hatten oft schlechteren Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Leitungsfunktionen. In vielen Fällen fehlte eine grundlegende Infrastruktur für Nonnen. Diese Erfahrungen haben mich tief bewegt.

Zurück in Europa war mir klar: Ich wollte etwas verändern. Gleichzeitig wurde schnell deutlich, dass sich solche Herausforderungen nur gemeinsam angehen lassen. 2006 gründete ich mit anderen den französischen Zweig der internationalen buddhistischen Frauenorganisation Sakyadhita. Wichtig war mir dabei von Anfang an eine Zusammenarbeit von Frauen und Männern.

Bald zeigte sich: Dialog und Vernetzung sind entscheidend. Über die Europäische Buddhistische Union entstand ein Netzwerk buddhistischer Frauen. Dann begann ich, die EBU in europäischen Institutionen zu vertreten und seit Erhalt des Teilnehmerstatus 2008 die Arbeit in der Konferenz der Nichtregierungsorganisationen im Europarat aktiv mitzugestalten.

Viel ist möglich – viel bleibt schwierig

In der Zusammenarbeit mit den Delegierten verschiedener Religionen wurde mir immer wieder bewusst, wie viel möglich ist – und zugleich, wie schwierig es bleibt, Themen wie Frauen- und Menschenrechte tatsächlich zu verankern. Gemeinsame Erklärungen entstehen oft im Dialog, doch in offiziellen Dokumenten gehen zentrale Anliegen manchmal verloren oder werden abgeschwächt.

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit wachsender Spannungen. Viele Gesellschaften wirken zunehmend polarisiert und verunsichert. Obwohl sich die meisten Menschen Frieden wünschen, nehmen Konflikte, Nationalismus und Gewalt zu. Besonders erschütternd ist die anhaltende und vielerorts steigende Gewalt gegen Frauen – bis hin zu ihrer Instrumentalisierung in Kriegen. Unsere Arbeit hat gezeigt, dass hinter diesen Entwicklungen oft ähnliche Ursachen stehen: Unwissenheit, Armut und existenzielle Ängste. Häufig werden diese nicht bearbeitet, sondern nach außen projiziert – auf andere, auf Minderheiten, auf vermeintlich bedrohliche „Fremde“. So entstehen Feindbilder, die Gewalt begünstigen.

Frieden beginnt jedoch nicht auf politischer Ebene allein. Er entsteht im Inneren, in Familien, in Gemeinschaften. Deshalb halte ich es für notwendig, dass religiöse Akteurinnen und Akteure sich stärker in die Friedensarbeit und für sozialen Zusammenhalt einbringen – und zwar gemeinsam, über religiöse Grenzen hinweg. Vor diesem Hintergrund habe ich gemeinsam mit anderen Vertreterinnen und Vertretern glaubensbasierter Organisationen einen Ausschuss für interreligiösen und interkonfessionellen Dialog im Rahmen der Konferenz der Nichtregierungsorganisationen des Europarats initiiert. Unser Ziel ist, eine dauerhafte Plattform zu schaffen, auf der dieser Dialog kontinuierlich stattfinden kann. Eine solche Plattform wurde bereits 2015 von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats angeregt. Bis heute ist sie jedoch nicht umgesetzt worden. Deshalb setzen wir uns dafür ein, diesen Prozess wieder auf die politische Agenda zu bringen.

Dialog darf nicht abstrakt bleiben

Dabei ist mir eines besonders wichtig: Dialog darf nicht abstrakt bleiben. Zu oft finden Gespräche auf einer theoretischen Ebene statt, zwischen wenigen, meist männlichen Entscheidungsträgern. Wenn Dialog wirksam sein soll, muss er konkret, alltagsnah und inklusiv sein. Er muss die Erfahrungen von Frauen ebenso einbeziehen wie die Perspektiven junger Menschen und lokaler Initiativen.

Um genau das zu fördern, haben wir ein Netzwerk aufgebaut, das Beispiele gelingender Dialogpraxis sammelt und sichtbar macht. Das Ziel ist, inspirierende Initiativen miteinander … zu verknüpfen, voneinander zu lernen und übertragbare Ansätze anderen zugänglich zu machen. In regelmäßigen Online-Veranstaltungen bringen wir Menschen aus unterschiedlichen religiösen und gesellschaftlichen Kontexten europaweit zusammen. Dabei geht es um Fragen wie: Welche Rolle spielt Bildung für ein friedliches Zusammenleben? Wie beeinflussen religiöse Traditionen die Stellung von Frauen? Und wie können wir Diskriminierung und Gewalt konkret entgegenwirken?

Ein zentrales Thema ist dabei auch die Auseinandersetzung mit Rollenbildern – nicht nur von Frauen, sondern ebenso von Männern. Sozialer Zusammenhalt und Friedensarbeit sind eine gemeinsame Aufgabe. Frauen spielen in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Sie wirken in vielen Bereichen des Konfliktzyklus: in der humanitären Hilfe, in Bildungsprojekten, in der Förderung von Menschenrechten, im interreligiösen Dialog, im Journalismus oder beim Aufbau sicherer Räume für Austausch und Heilung. Dieses Engagement ist oft wenig sichtbar, aber von großer Bedeutung.

Gabriela Frey auf der Bühne internationalen Konferenz der UNESCO

Für nachhaltigen gesellschaftlichen Zusammenhalt, Demokratie und Frieden brauchen wir deshalb Strukturen, die diese Beiträge stärken und sichtbar machen. Dazu gehört auch, religiöse Traditionen neu zu lesen und zu hinterfragen: Welche Interpretationen fördern Gleichberechtigung – und welche stehen ihr im Weg? Die Herausforderungen sind groß und der Aufbau tragfähiger Dialogstrukturen erfordert Zeit und Ausdauer. Doch angesichts der aktuellen globalen Entwicklungen ist klar: Wir können es uns nicht leisten, tatenlos auf mehr Dialog zu warten.

Ein echter, geschlechtergerechter interreligiöser Dialog ist kein Luxus. Er ist eine Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in pluralen Gesellschaften und die Demokratie. Wenn es uns gelingt, diesen Dialog zu stärken und konkret werden zu lassen, können wir Brücken bauen – zwischen Menschen, zwischen Weltanschauungen und zwischen Konflikt und Verständigung.

Weitere Informationen

NIRIC-Dialogue (Network for InterReligious and InterConvictional Dialogue & Initiatives): niric-dialogue.eu

Ausschuss für interreligiösen und interkonfessionellen Dialog: tinyurl.com/ausschuss-inter-dialog

Gabriela Frey

Gabriela Frey, Delegierte von Sakya Kalden Ling in der DBU, Delegierte und Gründerin von Sakyadhita France in der EBU, Repräsentantin der EBU im Europarat und bei der EU. Seit 1989 parlamentarische Assistentin deutscher Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg.

Alle Beiträge Gabriela Frey