König Ashoka – Buddhistischer Herrscher über ein Weltreich
Kaum ein Machthaber der Antike wird so sehr mit der Idee moralischer Erneuerung in Verbindung gebracht wie Ashoka. Sein Name steht für Reue, Gewaltverzicht und den Anspruch, buddhistische Ethik politisch wirksam werden zu lassen. Doch die historischen Zeugnisse erzählen eine komplexere Geschichte. Ashoka tritt uns darin als widersprüchlicher und erstaunlich moderner Herrscher entgegen. Davon berichtet Nayanjot Lahiri von der Ashoka Universität im Interview. Die weltweit renommierte Ashoka-Forscherin hat mehrere Bücher über den antiken Regenten veröffentlicht.
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Vom Hindukusch bis an den Golf von Bengalen
Ashoka, der etwa von 268 bis 232 v. u. Z. regierte, war Herrscher des Maurya-Reiches, eines der größten Reiche der antiken Welt. Es erstreckte sich über weite Teile des heutigen Indiens, Pakistans, Afghanistans und Bangladeschs – vom Hindukusch bis an den Golf von Bengalen. In seiner Ausdehnung und organisatorischen Leistungsfähigkeit ist es vergleichbar mit dem Römischen Imperium oder dem China der Qin- und Han-Zeit. Ashoka verfügte über eine schlagkräftige Armee, eine ausgebaute Verwaltung und ein dichtes Netz von Beamten, die seine Herrschaft vor Ort garantierten. Für den Buddhismus ist Ashoka von zentraler Bedeutung, weil er als mächtiger Herrscher buddhistische Ethik erstmals zum Maßstab staatlichen Handelns machte und dazu beitrug, sie weit über den indischen Subkontinent hinaus zu verbreiten. Weniger bekannt ist, dass Ashoka auch aktiv in den buddhistischen Orden eingriff. In mehreren Inschriften verurteilte er Spaltungen und ordnete Maßnahmen gegen Mönche an, die die Einheit gefährdeten. Der Ton seiner Weisungen zeigt Ashoka als strengen Herrscher, der bereit ist, religiöse Ordnung notfalls mit staatlicher Autorität durchzusetzen.
Susanne Billig: Um 261 v. u. Z. unterwarf König Ashoka in einer berühmten Schlacht die ostindische Region Kalinga. Danach hat er sich dem Buddhismus zugewandt und konsequent eine Politik der Gewaltlosigkeit verfolgt. Wie gut passt dieses Bild zu den historischen Fakten?
Nayanjot Lahiri: Es besteht kaum Zweifel daran, dass Ashoka unmittelbar nach dem blutigen Krieg von Kalinga intensive Gefühle durchlebt hat. Seine berühmte Reue über die Kollateralschäden seines Sieges ist in seinen eigenen Worten auf öffentlichen Denkmälern eingraviert. Zugleich droht er im Kalinga-Edikt den Waldbewohnern, den sogenannten Atavi. Diese Drohung erlaubt, vielleicht unbeabsichtigt, einen Blick auf die politische Realität eines Großreichs, in dem ein Herrscher mit mächtigen Gruppen rechnen musste, die seine Autorität untergraben konnten. Bei aller Friedfertigkeit seines buddhistischen Selbstverständnisses schloss Ashoka den Rückgriff auf Krieg und gewaltsame Befriedung also nicht grundsätzlich aus.

Welche Quellen sind besonders wichtig, um Ashoka zu verstehen – und wie einfach, wie schwierig sind sie zu interpretieren?
Besonders wichtig sind die Worte des Königs selbst, wie sie in seinen Edikten überliefert sind, dazu kommen archäologische Stätten. Beide helfen, Ashoka zu verstehen und seine Aussagen einzuordnen. Seine Inschriften finden sich häufig in unmittelbarer Nähe archäologischer Fundorte. Dadurch erhalten wir einen direkten Eindruck von den Orten, an denen sich Ashokas Leben abspielte, und von den Umständen, die seine Botschaften geprägt haben.
Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, dass Ashokas historisches Leben erst in dem Moment greifbar wird, in dem er durch seine Inschriften zu sprechen beginnt – also etwa kurz nach 260 v. u. Z. und damit lange nach seiner Machtübernahme in Pataliputra. Gerade für seine frühe Lebensphase ist das eines der größten Probleme: Mangels historischer Quellen müssen Kontext und Vermutung das ersetzen, was wir nicht wissen.
Was bislang noch fehlt, ist vor allem eine erzählerische Darstellung von Ashokas Ideen, wie sie sich über die langen Jahre seiner Herrschaft hinweg entwickelt haben. Obwohl Ashoka ein außerordentlich ergiebiges Forschungsfeld darstellt, sind seine sich wandelnden geistigen Horizonte – wie sie sich im öffentlichen Raum in seinen Inschriften ausdrücken – noch immer nicht ausreichend untersucht.
Was unterschied Ashoka im Verständnis von Macht und Herrschaft von seinen Vorgängern und Nachfolgern – und welche Rolle spielten dabei buddhistische Vorstellungen?
Tatsächlich tritt keiner seiner Vorgänger so deutlich hervor wie Ashoka. Der einfache Grund ist: Sie haben ihre Worte nicht öffentlich in Stein festhalten lassen, wie er es getan hat. Die Könige vor ihm – und auch die meisten nach ihm – wandten sich kaum direkt an ihre Untertanen und damit letztlich auch nicht an uns. Diese umfassende Abwesenheit königlicher Stimmen lässt Ashoka so deutlich hervortreten. Er ist eine Ausnahme, weil seine Geschichte zu einem erheblichen Teil in seinen eigenen Worten überliefert ist.
In diesen Quellen zeigt sich Ashoka nicht als autoritärer Machthaber, sondern als Kaiser aus Fleisch und Blut. In einer frühen Botschaft erklärt er, er sei Buddhist geworden, und betont, seine Wandlung müsse verstanden und nachgeahmt werden. Der Ton ist fast persönlich, seine Worte haben etwas Bekenntnishaftes: Er stellt seine eigene Einsicht als Einladung dar und unterstreicht, dass die neue Moral, die im Buddhismus angelegt ist, allen offensteht.
Und seine konkrete Regierungsführung?
Da bin ich mir nicht sicher, ob man seine neuen Ideen als genuin buddhistisch bezeichnen sollte. Ashoka brachte eher neue Formen des Regierens in Umlauf, die auf eine breite gesellschaftliche Wirksamkeit hin angelegt waren. Und er versuchte, neue Maßstäbe für öffentliches und persönliches Verhalten zu etablieren.
Besonders wirkmächtig ist eine Botschaft gewesen, die er an alle religiösen Gruppen seiner Zeit gerichtet hat. Darin fordert er eine Kultur des gegenseitigen Respekts, in der jede Gemeinschaft die andere anerkennt. Der politische Raum soll, das zeigt sich hier als idealistischer Kern, vom dhamma geprägt sein.
Seinen Beamten übertrug Ashoka erweiterte spirituelle Aufgaben. Sie sollten regelmäßig Besuche vor Ort durchführen und dabei auch den Dhamma verkünden. Der Herrscher selbst begab sich auf sogenannte dharma yatras. Auf diesen Reisen besuchte er shramanas und Brahmanen, also asketische Wandermönche und Priester der vedischen Religion, und brachte ihnen dabei auch Geschenke mit.

Ashokas Besuch im Ramagrama-Stupa, Detail Sanchi-Stupa, Südtor
Und seine berühmten Edikte? Sind die vor allem moralische Appelle? Oder funktionieren sie – in der politischen Landschaft seiner Zeit – auch als Instrumente politischer Kontrolle und Propaganda?
Man kann die Edikte als ein Mittel verstehen, mit dem Ashoka direkten Kontakt zur breiten Bevölkerung suchte und, ja, auch moralische Appelle verbreiten wollte. Damals flößten Könige ihren Untertanen gewöhnlich vor allem Furcht ein. Dazu konnten sie sich auf zahlreiche Verwaltungsbeamte verlassen, die ihre Macht vor Ort durchsetzten. Könige inszenierten sich als mächtig – nicht als spirituell. Ashoka schlug in seinen Edikten einen anderen Ton an: Er machte öffentlich, dass er sich der Förderung moralischer Werte verpflichtet sah.
Wie der umherziehende Buddha, der seine Lehren auf Reisen verbreitete, machte sich auch dieser buddhistische König auf den Weg durch sein Reich. Auf diese Weise begann er seine Mission. Und wie der Buddha seine Lehren aus seiner persönlichen Erfahrung abgeleitet hat, so sind bei Ashoka sein eigenes Leben und sein königlicher Auftrag nach der Reue über Kalinga eng miteinander verknüpft.
Wir haben schon angeschnitten, dass die buddhistische Welt Ashoka gern als Ideal eines buddhistischen Königs beschreibt. Gibt es in der buddhistischen Rezeptionsgeschichte auch kritische Stimmen oder alternative Deutungen seiner Rolle?
Das Ashoka-Bild geht von der Antike bis in die Moderne mit einer ständigen Neuerfindung seiner Persona einher. Das zentrale Bild, das auch schon Ashoka von sich gepflegt hat, ist das eines unermüdlich kommunizierenden, ansprechbaren Königs, der den Kontakt zu seinem Volk sucht, eines humanen Herrschers, der sich allen Lebewesen verpflichtet fühlt.
Doch in den buddhistischen Chroniken und Texten findet sich das interessanterweise nicht wieder. Sogar Kalinga spielt dort keine Rolle. Überliefert wird stattdessen vor allem ein bestimmtes Bild: Ashoka als bekennender Buddhist. Seine strengen Verbote gegenüber schismatischen Tendenzen und seine Weisungen an den Sangha, die ihn bisweilen als buddhistischen Eiferer erscheinen lassen, treten in der buddhistischen Überlieferung eher in den Hintergrund.
Gibt es regionale Unterschiede im Ashoka-Gedenken?
Ja, die Erinnerung an ihn fällt je nach Region bis heute sehr unterschiedlich aus. In Sanchi in Indien etwa, wo Ashoka zu Lebzeiten eine strenge Botschaft an den Sangha gerichtet hat, hat die buddhistische Gemeinschaft später einen Kontrapunkt gesetzt und in ihrer Überlieferung die Grenzen seiner Macht sichtbar gemacht.
In Sri Lanka ist Ashoka selbst sogar in den Hintergrund getreten; dort hat sich die Erinnerung vor allem auf seine Kinder konzentriert. In Myanmar und in großen Teilen Thailands aber ist er zum Ideal eines buddhistischen Königs geworden, an dem sich spätere Herrscher orientiert haben.
Warum Ashoka auf so unterschiedliche Weise erinnert worden ist, hatte je andere Gründe. Überall jedoch gab es das Bedürfnis, ihm durch konkrete Handlungen Ehre zu erweisen: durch den Bau von Heiligtümern oder indem man sich am Erhalt des zentralen buddhistischen Heiligtums von Mahabodhi (Bodhgaya, die Red.) beteiligte, dem Ort der Erleuchtung des Buddha. Auf diese Weise haben die Könige Birmas den ursprünglichen Tempelbau gewürdigt, den Ashoka dort veranlasst hatte. In Südthailand haben sich Könige mit Namen wie Si Thammasok oder Sri Dharmasokaraja in die Tradition Ashokas gestellt. Thailändische Dynastien haben bewusst auf solche Bezüge gesetzt, um ihre eigene Vergangenheit zu legitimieren – auch wenn sich dieses Ideal nur über den Namen eines längst verstorbenen indischen Königs ausdrücken ließ.
Wie würden Sie Ihre eigene Position in Bezug auf Ashoka beschreiben? Sehen Sie sich eher als „Dekonstrukteurin“ des Ashoka-Mythos oder als Verteidigerin seiner historischen Bedeutung?
Für mich ist Ashoka ganz eindeutig eine unwiderstehlich faszinierende historische Figur. Er war in vielerlei Hinsicht ein Pionier. Allein seine Edikte markieren einen Wendepunkt: Mit ihm beginnt in Indien eine ganz besondere Weise der öffentlichen schriftlichen Kommunikation. Zugleich suchte er bewusst den Kontakt zu seinen Untertanen im gesamten Reich und schuf sich auf diese Weise buchstäblich eine gesamtindische Präsenz.
Darüber hinaus besitzt vieles von dem, was Ashoka in seinen Texten formuliert hat, bis heute eine erstaunliche Aktualität. Sein berühmtes fünftes Säulenedikt gilt als die früheste umfassende umweltpolitische Erklärung der Antike: Darin nennt er Tiere und Vögel, die nicht getötet werden dürfen, und regelt die Kastration und Tötung etlicher Arten. In seinem Bemühen, das Leiden von Lebewesen zu verringern, liegt ein bemerkenswertes Mitgefühl.

Eine der mit Edikten versehenen „Säulen des Dharma“ in Vaishali, Bihar, Indien
Kommen wir noch einmal auf den Buddhismus zurück: Sollten wir das Verhältnis von Macht und Religion kritisch reflektieren, anstatt Figuren wie Ashoka zu idealisieren? Schließlich sprechen sich die Lehren des Buddha nicht für eine solche Verquickung aus.
Das ist eine Entscheidung, die Buddhistinnen und Buddhisten selbst treffen müssen. Unabhängig von der Idealisierung einer historischen Figur wie Ashoka sollten wir uns bewusst machen, dass sich der Buddhismus im Lauf der Jahrhunderte in etwas verwandelt hat, das sich von der ursprünglichen Lehre unterscheidet. Zum Beispiel war der Buddha dagegen, in menschlicher Gestalt dargestellt zu werden – dennoch begegnen uns Bilder von ihm seit der Antike. Ähnliches gilt für alle Religionen: Die ursprünglichen Lehren und ihre spätere Darstellung und Rezeption unterscheiden sich.

Nayanjot Lahiri
Nayanjot Lahiri ist Professorin für Geschichte an der Ashoka Universität in Sonipat im nordindischen Bundesstaat Haryana. Sie zählt zu den profiliertesten Historiker:innen und Archäolog:innen Indiens. Zu ihren wichtigsten Buchveröffentlichungen gehören Arbeiten zur Indus-Zivilisation, zur Archäologie antiker Handelsrouten, zur Geschichtsschreibung des antiken Indien sowie mehrere grundlegende Studien zu Ashoka. Ihr Werk „Ashoka in Ancient India“ gilt als maßgeblicher Beitrag zur Neubewertung des Maurya-Herrschers.
Nayanjot Lahiri begann ihre akademische Laufbahn 1982 am Hindu College der Universität von Delhi, bevor sie 1993 an den Fachbereich Geschichte wechselte und dort bis 2015 lehrte sowie mehrere Leitungsfunktionen innehatte. International war sie als Gastwissenschaftlerin unter anderem in Michigan, Cambridge, Harvard und an der Brown University in Providence tätig und ist Mitherausgeberin mehrerer renommierter Fachzeitschriften.
Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit hat sie sich in staatlichen und kulturellen Beratungsgremien engagiert. Für ihre Forschungen ist sie mehrfach ausgezeichnet worden, darunter mit dem Infosys Prize in Humanities sowie dem John F. Richards Prize der American Historical Association.


