Wurzeln und Flügel

Ein Beitrag von Sylvia Wetzel veröffentlicht in der Ausgabe 2022/3 Heimat unter der Rubrik Heimat. (Leseprobe)

Seit sich die buddhistische Meditationslehrerin Sylvia Wetzel Anfang 2020 von ihrer umfangreichen Kurs- und Lehrtätigkeit zurückgezogen hat, ist Heimat für sie ein Schlüsselbegriff. In ihrem Beitrag spürt sie vielen Heimaten nach – menschlichen Beziehungen, Orten und Sprachen, geistigen Orientierungen und der eigenen Lebensaufgabe.

Es gibt Menschen und Beziehungen, Sprachen und Dialekte, Orte und Landschaften, mit und in denen ich mich geborgen und ganz bei mir fühle. Christentum und Buddhismus, Philosophie und Psychologie geben mir religiöse, spirituelle und geistige Orientierung. Schon in der Schulzeit habe ich im Umgang mit meinen Mitschülerinnen und -schülern mein pädagogisches Talent entdeckt und empfinde mich seitdem als Pädagogin mit Leib und Seele. All das habe ich nicht „gemacht“ – es ist mir geschehen. Und weil es mich trägt, schätze und pflege ich diese Beziehungen: zu Menschen und Orten, Sprache und Sinn.

Menschliche Beziehungen

Seit den 1970er-Jahren lebe ich ein reiches Leben mit langjährigen Beziehungen. Sie tragen mich in Freud und Leid. Viele Menschen begleiten mich: Freundinnen und Freunde aus verschiedenen Wohngemeinschaften. Menschen, mit denen ich ein buddhistisches Zentrum und einen buddhistischen Verlag gegründet habe. Kolleginnen, mit denen ich diese Zeitschrift (ab 1987 zunächst unter dem Namen Lotusblätter) aufgebaut und viel über Buddhismus in Deutschland und im Westen nachgedacht und geschrieben habe. Mit verschiedenen Frauen lebe ich zusammen auf einem ehemaligen Bauernhof bei Berlin. Ich habe eine Frauenrockband gegründet, Nächte durchtanzt und auf Frauentagungen über weibliche Selbstbilder und die Grüne Tara reflektiert und meditiert. Sie alle gehören zu meinem Leben.

Denn Menschen sind Heimat.

Darum feiern meine gleichaltrige Lebensgefährtin und ich, seit wir fünfzig Jahre alt geworden sind, alle fünf Jahre unsere runden Geburtstage im großen Rahmen und jährlich ein kleines Gartenfest. 

Die langjährigen Säulen meines Lebens drückten sich auch ganz natürlich an meinem 70. Geburtstag aus. Dreimal konnte ich feiern, mit drei Gruppen von Menschen und an zwei Orten, die für mich Heimat sind: zweimal in Berlin, zuerst mit Freundinnen und Weggefährten, danach mit Schülerinnen und Kolleginnen. Später im Schwarzwald mit meiner Großfamilie. Bei jeder Feier waren unterschiedliche Elemente von Sinn, Orientierung und Verbundenheit spürbar. Besonders erfreut hat mich ein großes Tara-Libre-Sangha-Fest im Verdi-Haus am Berliner Wannsee: Es kamen Kolleginnen und über einhundert Schülerinnen, die ich zum Teil seit Mitte der 1990er-Jahre als buddhistische Lehrerin begleite. 

Was auch immer uns am Herzen liegt, können und sollten wir mit anderen Menschen teilen, am besten über längere Zeit, nur so können sie uns zur Heimat werden. Wir brauchen andere wie die Luft zum Atmen, das hat mich mein beziehungsreiches Leben ebenso gelehrt wie eine Faustregel: Für ein gelingendes Leben mit seinen vielen komplexen Aufs und Abs sind mindestens drei Gruppen wichtig, denen wir uns zugehörig fühlen. Das kann die Familie sein, der Kreis der Freundschaften und Nachbarn oder ein Team im Beruf oder Ehrenamt, eine spirituelle, politische oder künstlerische Gruppe, ein Sportverein oder vieles andere mehr. 

Landschaft und Sprache 

Die Geschichte der traditionsreichen Kleinstadt im Schwarzwald, in der ich aufgewachsen bin, reicht bis ins Mittelalter zurück. Es gibt dort ein lebendiges Geschäfts- und Kulturleben inmitten einer vielfältigen, wunderschönen Landschaft. Auch wenn meine Geschwister, deren Familien, meine Cousins und Cousinen und ich heute in alle Winde verstreut leben, zieht es uns immer wieder zu unseren Familientreffen in den Schwarzwald.

Denn Landschaft ist Heimat. 

Und auch wenn wir alle gut Hochdeutsch sprechen können, unterhalten wir uns auf unseren Treffen gerne auf Badisch. Badischer Dialekt fliegt auch auf den regelmäßigen Klassentreffen durch die Luft, die ich gern unterstütze und zu denen ich gerne anreise, weil ich dort berührende und tiefe Begegnungen erlebe. Spricht mich in Berlin jemand auf meine Herkunft an und es stellt sich heraus, dass wir beide aus Südwestdeutschland stammen, dann fallen wir gern ins Badische – und fühlen uns sofort zuhause.

Denn Sprache ist Heimat.

Mein Englisch ist gut genug, dass ich alle Arten von Büchern lesen kann. Doch deutsche Worte treffen mich auf ganz andere Weise ins Herz. Auch die spanische Sprache berührt mich sehr, deshalb lese ich gerne kurze Texte auf Spanisch, und zwar laut! Aber selbst Johannes vom Kreuz oder Teresa von Avila lese ich lieber auf Deutsch. 

Schon vor vielen Jahren habe ich darum auch begonnen, tibetische Gebete und Rezitationen ins Deutsche zu übersetzen, zum Teil gegen den starken Widerstand meiner Mitübenden, die es für authentischer hielten, in tibetischer Sprache zu rezitieren. Andere hielten sich an englische Übersetzungen, aber mir war klar: Wenn wir poetische und gut übertragene Verse in unserer eigenen Muttersprache rezitieren, sinken sie schneller und tiefer ins Herz. „Alle Sprachen sind samsarisch, keine ist heilig, auch Tibetisch und Sanskrit nicht“, hat mein Lehrer Lama Yeshe einmal gesagt und ergänzt: „Rezitiert in der Sprache, die ihr versteht.“ Das sieht der Dalai Lama genauso.

Zuhause in der Fremde

Dennoch habe ich mit meinen Schülerinnen immer auch einige Verse auf Tibetisch rezitiert und so die Verbindung zur tibetischen Tradition gestärkt und genährt. Auch zu Indien spüre ich eine tiefe Beziehung, und ich schätze die Bhagavad Gita und die Upanishaden. Wenn ich früher von meinen Reisen von dort nach Berlin zurückkehrte, besuchte ich gern einen indischen Imbiss. Schon die liebevolle Begrüßung – „Hello, Didi“, also „Schwester“ – dazu der Duft des Essens, die religiösen Kalenderbilder an der Wand und die indische Musik berührten mich jenseits von Worten.

Seit meinem ersten Besuch in Spanien Anfang der 1980er-Jahre spüre ich eine tiefe Verbindung zu Barcelona und Andalusien. Viele Jahre lang habe ich dort Meditationskurse gegeben, ab 2001 in spanischer Sprache. Meine spanischen Schülerinnen und Schüler freuten sich sehr darüber und meinten: „Du bist ein ganz anderer Mensch, wenn du Spanisch sprichst.“ Das stimmt. Ich liebe die Landschaft Andalusiens, die Menschen und die Sprache. Genauso geht es mir mit Barcelona. Eine Psychologin sagte nach einem Kurs bewundernd: „Noch nie habe ich so subtile buddhistische Lehren in so grobem Spanisch gehört.“ Die Botschaft kam also an. 

Denn auch fremde Sprachen können Heimat werden.

ENDE DER LESEPROBE

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Sylvia Wetzel

Sylvia Wetzel befasst sich seit 1968 mit psychologischen und politischen Wegen zur Befreiung und seit 1977 mit dem Buddhismus. Sie unterrichtet seit 1986 Entspannung, Meditation und Buddhismus im deutschsprachigen Raum und in Spanien. Ihr besonderes Interesse gilt der Reflexion von kulturellen Bedingungen und Geschlechterrollen. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher. Sylvia Wetzel ist auch Ehrenrätin der Deutschen Buddhistischen Union, in deren Rat sie 15 Jahre aktiv mitgearbeitet hat, davon 9 Jahre im Vorstand. Sie ist Mitbegründerin und war zwölf Jahre Redakteurin der Zeitschrift „Lotusblätter“, die später in BUDDHISMUS aktuell umbenannt wurde.

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