"Jede Rettungsweste ein Menschenleben"

Statt für eine Einkehrzeit in einem Meditationszentrum hat sich Julia Schleif im vergangenen Winter für eine ehrenamtliche Mitarbeit auf einem Sea-Watch-Schiff entschieden. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen.

Sea-Watch im Einsatz – Zivile Seenotrettung von Flüchtlingen, Foto Tim Wagner

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe Online-Artikel unter der Rubrik SCHWERPUNKT Mitgefühl

BUDDHISMUS aktuell: Wie kamst du auf die Idee, dich im Sea-Watch-Projekt zu engagieren?

Julia Schleif: Seit ein paar Jahren nehme ich mir, oft im Winter, drei bis vier Wochen Zeit, um in Einkehr zu gehen. Dafür reise ich in Meditationszentren wie das Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB), Plum Village oder da<s>s</s> Felsentor, um den Alltag hinter mir zu lassen und mich auf die Praxis zu konzentrieren. Ende letzten Jahres allerdings merkte ich, wie mich das Thema Leid und Leiden sehr beschäftigte. Auch mein Leid angesichts der Herausforderungen unserer Zeit – die Klimakatastrophe und die Folgen, die Flüchtlingskatastrophe, mein Gefühl von Hilflosigkeit und auch Wut.

 

Öfter schon hatte ich bemerkt, dass die Beschäftigung mit politischen Themen bei mir negative und ungeliebte Gefühle nährt. Zum Glück stiegen irgendwann zwei Sätze in mir auf: „Ich lasse mich von den Fragen unserer Zeit herausfordern und antworte mit Aktion und Aktivität“. Und: „Traurigkeit und Empörung sind mein Motor“. Nun wusste ich, dass ich während meiner Einkehrzeit etwas praktisch tun wollte – love in action. Ich wollte handeln, es nicht zulassen, dass Angst und Traurigkeit mich lähmen. 

 

Durch meinen engen Kontakt zur Gruppe der Seebrücke Bielefeld war mir die Situation von Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer im Bewusstsein. Die Seebrücke-Bewegung ist eine europäische Bewegung, die sich für freie Fluchtwege, die Seenotrettung von Geflüchteten im Mittelmeer, die Evakuierung der Flüchtlingslager in Griechenland und Libyen und eine menschenwürdige Aufnahme der Geflüchteten einsetzt.

 

Das Mittelmeer und die Strände Kroatiens gehören zu meinen Kindheitserinnerungen. Viele lange und heiße Sommerwochen habe ich früher dort verbracht, schwimmen lernte ich im Mittelmeer. Ich erinnere mich an einen stürmischen Tag, als die Bora, ein orkanartiger Wind aufzog und ein Surfer mit seinem Brett immer weiter nach draußen trieb. Viele Menschen am Strand beobachteten dieses, Rettungsboote versuchten rauszufahren um zu helfen. Irgendwann war klar, dass auch sie es nicht schaffen, den Surfer zurück zu holen. Freunde und Angehörigen des Surfers standen am Strand, konnten nichts tun.

 

Ich wusste, dass die Seenotrettung von Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer von den Ländern der EU komplett eingestellt worden war. Auch, dass zivile Organisationen das Sterbenlassen auf dem Mittelmeer nicht akzeptieren und selber mit Schiffen Geflüchtete in Seenot retten. Die Seenotrettung durch Organisationen wie Sea-Watch wird zum Großteil über Freiwilligenarbeit realisiert. Also habe ich mich um einen Kontakt bemüht.

 

Kannst du etwas mehr über den Hintergrund von Sea-Watch erzählen? 

Angesichts der humanitären Katastrophe mit Tausenden von Toten im Mittelmeer entstand 2014 die Idee für dieses Projekt. Menschen, die dem Sterben im Mittelmeer nicht länger tatenlos zuschauen wollten, sammelten Spendengelder und kauften im Frühjahr 2015 einen alten Kutter. Dieser wurde für den Einsatz zur Seenotrettung umgebaut und auf den Namen Sea-Watch getauft. Inzwischen gehören zu dem Projekt wesentlich modernere Schiffe (Sea-Watch 3 + 4) sowie ein Aufklärungsflugzeug, das über dem Mittelmeer fliegt und Boote in Seenot ortet. Mit Hilfe von zahlreichen ehrenamtlichen Aktivist*innen, die das Projekt in Deutschland aufgebaut haben, als Crewmitglieder seit Juni 2015 im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien mitfuhren oder aus der Luft über Boote aufklärten, ist es der Sea-Watch gelungen, weit über 37 000 Menschen zu retten.

 

Das freiwillige Engagement von vielen Menschen macht die lebensrettende Arbeit der Sea-Watch erst möglich. Sie engagieren sich auf sehr vielfältige Weise in dem Projekt: mit ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten in der Seefahrt, Medizin, Mechanik, Logistik, Öffentlichkeitsarbeit, Kochen, Handwerk, Übersetzungen und Geldspenden. Die Sea-Watch finanziert sich ausschließlich aus Spendengeldern. 

 

Ich finde es wichtig, mir immer wieder bewusst zu machen: Das ist das Europa, in dem ich lebe, der Ort, den ich mit zu verantworten habe. Und ich bin sehr dankbar, dass es immer wieder Leute gibt, die in dieser Verantwortung aktiv werden. Die Sea-Watch zeigt, dass ein Zusammenschluss, ein gemeinsames Handeln selbst da Großes bewirkt, wo wir uns als Einzelne mit der schier unüberwindlich scheinenden Entscheidung der EU, Menschen auf der Flucht im Mittelmeer sterben zu lassen, konfrontiert sehen. Durch die Arbeit auf der Sea-Watch habe ich verstanden, was Menschen gemeinsam möglich machen können. Darum bin ich dankbar, dass die Sea-Watch mir und anderen die Möglichkeit gegeben hat, sich ebenfalls einzubringen.

 

 

Julia Schleif an Deck der Sea-Watch 3, Zivile Seenotrettung von Flüchtlingen, sea-watch.org
Julia Schleif an Deck der Sea-Watch 3

Du warst nicht mit dem Schiff auf hoher See. Was hast du getan?

Ich habe die Instandsetzungsarbeiten der Sea-Watch für drei Wochen in einer Werft im Süden Spaniens unterstützt. Für Wartungsarbeiten geht das Schiff jährlich ein- bis zweimal für einige Wochen in eine Werft. Damit so ein Schiff einsatzfähig bleibt, muss es ständig gewartet und ausgebessert werden. Dieses Jahr wurde beispielsweise die gesamte Elektrik erneuert. Rost ist natürlich ein ständiges Thema bei einem Schiff und auch die Pflege des umfangreichen Rettungsmaterials. Die Wartung und Reparatur der Dieselmotoren und auch die Reinigung der Frischwassertanks findet während der Werftaufenthalte statt. Dazu müssen Leute – bei völliger Dunkelheit mit Stirnlampe und Meßgeräten ausgestattet – in die Tanks klettern.  Um dort arbeiten zu können, muss ständig überprüft werden, ob genug Sauerstoff vorhanden ist, damit keine Gefahr besteht, ohnmächtig zu werden und zu ersticken. Für alle Tätigkeiten haben wir daher immer sehr gute Einführungen bekommen. Nie hat eine Person allein gearbeitet, immer war jemand zur Sicherung dabei. Das galt auch für die Arbeiten an Deck: Wenn da geschweißt wurde, stand eine zweite Person mit einem Löschwasserschlauch daneben. Denn alles ist sehr eng beisammen und die Brandgefahr hoch.

 

Wie lief so ein Tag in dieser Zeit ab, wann bist du aufgestanden, welche Tätigkeiten wurden dir übertragen?

Wir standen um etwa 6.30 Uhr auf und Frühstück hat sich jede und jeder selbst in der für alle zugänglichen Küche zubereitet. Um 7.30 Uhr gab es ein Treffen von allen zur Besprechung des Tagesgeschehens. 8.15 Uhr begann das gemeinsame Putzen. Um 9.15 Uhr haben sich die einzelnen Arbeitsgruppen getroffen. Um 12 Uhr folgte das gemeinsame Mittagessen, danach eine Pause bis 14 Uhr. Von 14-18 Uhr haben wir dann wieder in unseren jeweiligen Arbeitsbereichen gearbeitet. 

 

Die tägliche Besprechung ist wichtig, denn auf so engem Raum wie einem Schiff müssen alle gut informiert sein. Auch über Arbeiten, die andere tun. Wenn zum Beispiel Menschen in die Frischwassertanks kriechen, ist es unbedingt notwendig, dass alle davon wissen, um sicherzustellen, dass alle Sicherungsvorkehrungen eingehalten werden. Ähnlich ist es bei Arbeiten am Feuerwarnsystem oder den Löschwasserleitungen. Davon müssen natürlich auch diejenigen, die gerade mit dem Schweißgerät arbeiten und dadurch starken Funkenflug verursachen, informiert sein.

 

Auch das gemeinsame Putzen war gut und wichtig. Die räumliche Enge, eine winzige Küche, ein Speiseraum, in dem nicht alle gleichzeitig sitzen konnten, zwei Toiletten und zwei Duschen, das wurde natürlich bei so vielen Menschen intensiv genutzt. Gemeinsam zu putzen stärkte den Kontakt untereinander und das Wissen: Wir sitzen, wortwörtlich, alle im selben Boot.

 

Ich gehörte zur Arbeitsgruppe deck hands. Dazu zählten Arbeitsbereiche wie Entrosten, Flexen, Streichen. In stundenlanger täglicher Arbeit schlugen wir den Schiffslack mit einem Hammer ab, entfernten anschließend mit der Flex den Rost und versiegelten das Schiff danach in mehreren Schichten mit Grundierung und Bootslack. Zu unseren Aufgaben gehörte auch das Reinigen der Rettungswesten, die auf vorherigen Einsätzen genutzt worden waren. Allein damit waren wir drei volle Tage beschäftigt – hunderte von Rettungswesten wurden von Salzwasser befreit, desinfiziert und so vorbereitet und verpackt, dass sie wieder bereit sind für den heiklen Moment, in dem sich das Schnellboot der Sea-Watch dem meist überfüllten und manchmal schon leck geschlagenen Schlauchboot der Geflüchteten nähert. 

 

Unabhängig von den einzelnen Arbeitsbereichen gab es zusätzlich rund um die Uhr eine Bordwache. Alle waren angehalten, sich in einen Plan einzutragen. Täglich wurden 12 zweistündige Schichten abgedeckt. Die so genannte gangway-watch stellte sicher, dass keine unbefugten Personen das Schiff betraten, und hörte auf Geräusche, zum Beispiel ob der Klang der Dieselmotoren sich veränderte. Wenn das der Fall war, wurde die Kapitänin oder der Kapitän benachrichtigt. Das Wetter war zu beobachten, die Leinen zu überprüfen, damit gewährleistet war, dass das Schiff gut befestigt im Hafen liegen blieb. Nachts blieb eine Person wach, damit die anderen sicher schlafen konnten. Mir persönlich waren die frühen Morgenschichten besonders lieb – von 4-6 Uhr oder von 6-8 Uhr.

 

Du hast dich als Buddhistin für dieses Engagement entschieden – wie sah es mit deiner Praxis in dieser Zeit aus, konntest du zum Beispiel meditieren?

Ich verstehe mich nicht als Buddhistin im religiösen Sinn, sondern eher als Praktizierende. Ich bin inspiriert durch die Lehre von Thich Nhat Hanh – der Verbindung von Achtsamkeit, aktivem Handeln und Ethik. Die fünf Achtsamkeitsübungen, die in der Plum-Village-Tradition gelehrt werden, unterstützen mich im Alltag. Und um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich habe mich aus der Praxis heraus für diese Zeit entschieden. Ich wollte die Zeit wirklich unter dem Blickwinkel von „Praxis im Tun“ betrachten. Meditation in Form von Sitzen in Stille war nicht mein Fokus, aber ich habe mir jeden Tag Zeit für die Qigong-Praxis, für Stille in Bewegung, genommen. Auch während der gangway-watch am frühen Morgen hatte ich meist genug Zeit und Platz, um an Deck meine Übungen zu machen. Im Januar und Februar war es morgens noch dunkel und kalt. Ich mochte es, dick eingepackt draußen zu sein, es war „ruhig“, so ruhig jedenfalls, wie es in einer Werft auf einem Schiff mit quasi immer laufenden Dieselmotoren sein kann. Und die Praxis war für mich im Tun gegenwärtig und hilfreich. Zum Beispiel während der drei Tage mit den Rettungswesten. Durch die Achtsamkeitspraxis war dies keine „langweilige“ Fleißarbeit, die einfach nur zu erledigen war, sondern ich wollte mich einlassen und lauschen auf das, was ist. Dabei wurde mir klar, was wir da gerade tun – so klar, dass es richtig ist zu handeln, unabhängig davon, ob ein Ziel erreicht wird. 

 

Die Praxis hat mir auch im Umgang miteinander geholfen. Auf der Sea-Watch haben viele Menschen zusammengearbeitet. Wir kannten uns zum Großteil nicht, kamen mit unterschiedlichen Vorstellungen und auch Kompetenzen, Hintergründen, Sprachen und Kulturen. Natürlich gab es da auch mal Missverständnisse oder Ärger über was auch immer. Da hat mir die Praxis und mein Entschluss für dieses Retreat geholfen – das Wissen: Es geht hier nicht um mich, ums Ego. Wir alle hier haben uns entschieden, ein Teil von sinnvollem menschlichem Handeln zu sein. Und auch, wenn Verzweiflung sich breit machte, über den Berg an Arbeit, der noch geschafft werden musste, ehe das Schiff wieder auslaufen konnte, über die Kleinheit dieses Schiffes angesichts der Größe des Meeres, über die Größe der Not von Menschen, die fliehen – dann hat mir die Praxis geholfen: Das Wissen, ich bin hier Teil sinnvollen Tuns und es genügt, ein Teil zu sein; ich muss und kann die Welt nicht retten. 

 

Manchmal habe ich Musik gehört, das Herzsutra und andere Plum-Village-Lieder, um andere Geräusche für mich zu minimieren. Dann habe ich mich an die freudvolle Art der Nonnen und Mönche erinnert und fühlte mich neu motiviert. Es war nicht so sehr „hier die Praxis, dort die Arbeit“, sondern mein Entschluss war, möglichst die gesamte Erfahrung meine Praxis sein zu lassen. Das hat auch meine Art des Reisens eingeschlossen. Wegen der immensen Umweltbelastung durch Flüge bin ich mit Bus und Bahn gereist. Hin- und Rückfahrt dauerten jeweils zwei Tage und eine Nacht im Bus. Auch dabei gab es meditative Zeit, zum Üben und Wahrnehmen, „das ist jetzt so“, „ich reise“, „es ist eng“.

 

 

Das Schiff Sea-Watch 3, © Sea-Watch e.V.
Das Schiff Sea-Watch 3, © Sea-Watch e.V.

Welche Ehrenamtlichen waren noch vor Ort in der Zeit deines Engagements – was für Menschen hast du kennenlernen können und was hat sie motiviert, diese Arbeit zu tun?

In der kurzen Zeit, die ich auf der Sea-Watch war, habe ich Menschen aus 13 verschiedenen Ländern getroffen, aus Europa, aber auch aus Russland, Australien und Marokko. Viele der anderen Freiwilligen und Unterstützer*innen kamen aus alternativen selbstorganisierten Zusammenhängen. Ich denke, die meisten waren schon geübt darin, sich zusammenzutun, jeweils eigene Fähigkeiten einzubringen, um gemeinsam etwas zu bewegen. Da waren Leute, die Elektriker*in gelernt hatten, Mechaniker*innen, die schon lange auf Schiffen unterwegs waren, und Menschen, die für große Gruppen auf Camps oder in Projekten zu kochen gewohnt waren. Überhaupt war es vielfältig: die Sprachen, die gesprochen wurden, die Gender-Definitionen, queere Menschen, bunte Haare, bunte Leute, auch die Alterspanne war breit – von Anfang 20 bis 70. Diese Internationalität zu erleben, war sehr spannend. Unsere gemeinsame Bordsprache war Englisch. Es war sehr bereichernd für mich, über anarchistisches politisches Handeln in Russland zu hören und über die australische Umweltbewegung. Genauso staunend hörte ich aber auch den Erzählungen der Mechanikerinnen zu, die den Großteil des Tages im Schiffsbauch ohne Tageslicht und bei großer Lautstärke verbrachten, um die Dieselmotoren zu warten. Gemeinsam und selbstorganisiert etwas zu bewirken, war eine gemeinsame Motivation. Auch dem Unrecht etwas entgegenzusetzen, die eigene Überzeugung von Menschlichkeit in Handeln umzusetzen und Menschen in Not praktisch zu unterstützen.

 

Kennst du dich mit Schiffen aus, oder war der „Mikrokosmos Schiff für die Seenotrettung“ neu für dich? Kannst du uns diesen Mikrokosmos einmal beschreiben?

Sehr neu! Ich habe gestaunt, was es bedeutet, auf einem Schiff „zu leben“. Die räumliche Enge und das andauernde Geräusch der Dieselmotoren und der Lüftung. Alles ist aus Metall und der Umgang damit muss geübt werden. Eisentüren müssen immer gesichert werden, denn wenn so eine schwere Tür zufällt, durch eine kleinste Bewegung des Schiffes, die ja immer da ist, dann besteht eine große Verletzungsgefahr. Auch sich auf einem Schiff zu bewegen, ist zunächst ungewohnt. Wege müssen geübt werden, enge Gänge vom Schiffsbauch bis auf die Brücke. 

 

Auf so einem Schiff muss alles vorhanden sein: Generatoren für die Stromerzeugung, Trinkwasser- und Lebensmittelvorräte für mehrere Wochen. Kleidung und Decken für etwa 200 Menschen, wenn Geflüchtete gerettet werden konnten und an Bord sind. Natürlich auch Rettungsboote und Rettungswesten – alles hat genau seinen Platz, nichts darf herumliegen, jedes Tau auf dem Boden ist eine Stolpergefahr. Die technische Ausstattung auf einem Schiff ist enorm. Vieles dient der Sicherheit: Es gibt Löschwasserleitungen auf dem gesamten Deck, Rettungsdecken, Atemgeräte, kaum zählbar die Feuerlöscher. Und alles das eben in großer Enge, einem direkten Nebeneinander von Diesel- und Stromleitungen, von Frischwasservorräten und Treibstofftanks.

 

Während der Fahrten besteht die Crew aus 25 Menschen. Geschlafen wird vorwiegend in Kabinen mit jeweils zwei Kojen. Es stehen, wie ich vorhin schon sagte, zwei Toiletten und zwei Duschen zur Verfügung. Die Küche, in der während der Werftzeit für bis zu 40 Personen gekocht wurde, war ein Raum von wenigen Quadratmetern. Natürlich hat bei so vielen Menschen ständig eine Person Hunger oder will sich einen Kaffee oder Tee machen – Köchin und Koch sind in Organisation und Geduld entsprechend gefordert. 

Wenn Geflüchtete aufgenommen werden, sind dann bis zu 200 weitere Menschen an Bord. Für ihre Versorgung gibt eine extra „Reisküche“ direkt an Deck. Ihre Unterbringung ist sehr einfach und nicht für längere Zeit ausgerichtet. Die Menschen schlafen an Deck unter einem Sonnensegel. Für jede Person stehen zwei Decken zur Verfügung. Es gibt zwei Dixiklos und einfache Draußenwaschbecken. Erkrankte, Verletzte oder anders geschwächte Menschen können im medizinischen Ersthilfebereich schlafen.

 

Wärst du gern auch mal bei einer Reise auf hoher See dabei, oder gibt es für dich gute Gründe zu sagen, dass du das lieber anderen überlässt?

Eher nein. Ich habe mich bewusst für die Werftzeit entschieden. Ich fühlte mich bei der handwerklichen Arbeit in der Werft sehr wohl, war gern mit den Leuten zusammen, die hämmern, schrauben, schweißen und pinseln. Für den Rettungseinsatz werden Menschen mit Fähigkeiten gebraucht, die ich nicht habe, zum Beispiel medizinische Kenntnisse oder solche in Elektrik und Mechanik. Außerdem habe ich großen Respekt vor dem, was es bedeutet, auf See zu sein, auch vor der Anspannung und Aufregung, die so ein Einsatz bedeutet. 

 

Das Projekt Sea-Watch ist so vielfältig. Alles gehört zusammen und ist Voraussetzung dafür, dass die Einsätze auf See möglich werden. Da muss organisiert werden, da braucht es handwerkliche Mithilfe und natürlich auch Spendengelder (siehe Spendenkonto am Ende dieses Beitrags)! Also können sich alle dort einbringen, wo ihre Möglichkeiten liegen.

 

 

Rettungswesten an Bord der Sea-Watch
Rettungswesten

Würdest du sagen, die Zeit auf der Sea-Watch hat etwas in dir verändert? 

Ja, die Zeit hat etwas verändert. Meine Beziehung zu Menschen auf der Flucht hat sich verändert. Ganz besonders intensiv und berührend waren für mich die drei Tage, in denen ich die Rettungswesten gereinigthabe, die auf vorherigen Einsätzen genutzt wurden. Jede gebrauchte Weste war ein Leben, hat einen Mensch, ein Menschenleben getragen. Und es gab hunderte davon! In verschiedenen Größen, auch für Kinder und ganz kleine, mit Teddys bedruckt, für Säuglinge. Diese vielen Westen haben mir die Menschen, nein, denMensch, sehr nahe gebracht. Die Angst, den verzweifelten Versuch, das eigene Leben zu retten, das riesige Meer, die Kälte, nicht schwimmen können und selbst wenn – was nützt es schon, irgendwo draußen allein auf dem Meer…

 

Es war mir so deutlich spürbar, wie groß die Verzweiflung sein muss, bevor ein Mensch diesen Weg geht. Und ich spürte, was für ein Wahnsinn es ist, dass die Seenotrettung von der EU eingestellt worden ist. Auch wenn es schmerzt – es ist gut zu spüren! Denn es geht ja nicht um „die anderen da“, auch nicht um Zahlen. Es geht um einen Mensch. Es geht um DAS LEBEN. Dieses absolute Ja zum Leben, das habe ich auf der Sea-Watch wirklich begriffen und dafür bin ich sehr dankbar. Denn dieses tiefe Begreifen kann ich mir ja nicht theoretisch aneignen. Es muss vom Kopf ins Herz rutschen. Wenn im Herz ein bedingungsloses Ja zu meinem Gegenüber ist… das ein großartiger Moment. Dann bin ich frei.

 

Und heute – wirkt die Zeit auf der Sea-Watch noch immer nach? Was bedeutet sie dir?

Bei dieser Frage macht sich fast ein bisschen Traurigkeit breit. Schon wenige Monate, nachdem ich wieder zu Hause war, haben mich Alltag, Alltagsbewusstsein, Alltagsängste zum großen Teil wieder eingeholt. Aber deine vorherige Frage hat mich wieder erinnert, wie befreiend es ist, bedingungslos ja zu sagen und sich verbunden zu fühlen. Was für eine Kraft das ist. Dann lasse ich mich nicht unterkriegen, dann weiß ich, es geht nicht darum, dass ich, dass wir es schaffen, die Welt zu retten, dann geht es darum, dass ich hier und jetzt handeln kann, egal, ob da ein riesiges Meer ist. Dass ich jetzt präsent bin für die Person, die flieht, die Person, die Hilfe braucht, oder die Natur, die als lebender Organismus geschützt werden muss. Diese Präsenz und dieses Spüren von Verbundenheit machen mich stark und entschlossen. 

 

Jetzt erinnert mich deine Frage nach dem Nachwirken auch daran, dass es meine Aufgabe ist, mich um meine Ängste und Unsicherheiten zu kümmern. Wenn ich auch ihnen Raum und Mitgefühl entgegenbringen kann, entsteht Platz für mein Gegenüber.

 

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell lautet „Mitgefühl“. Die Flüchtlingspolitik ist nach wie vor desaströs. Menschen, die vor Krieg und Gewalt ihr nacktes Leben zu retten versuchen, stecken unter unmenschlichen Bedingungen in Flüchtlingslagern fest. Was meinst du: Wie kommt es, dass es uns mehrheitlich so gut gelingt, kein Mitgefühl zu entwickeln und nicht zu handeln oder politischen Druck auszuüben? Was steckt hinter dieser kollektiven Herzenskälte?

Ich denke besonders in unserer westlichen Kultur leben wir seit vielen Jahrhunderten in einer Kultur der Trennung: Menschen denken sich getrennt von anderen Menschen, von Tieren, Pflanzen und der Erde. Und wir leben in einer Kultur, in der Dingen, auch dem Geld, ein großer Wert zugesprochen wird. Das ist kein förderlicher Boden, um Mitgefühl und Verbundenheit zu erlernen und zu entwickeln. Gewalt, Abschottung, Herzenskälte und damit auch eine sehr leidvolle Flüchtlingspolitik sind mögliche Folgen. Und häufig folgen wir einer Erfolgslogik. Da ist es kein Wunder, dass wir angesichts der großen Herausforderungen des großen Leides resignieren, uns hilflos fühlen.

 

Mitgefühl ist ein Herz-Verstehen. Wir müssen Bedingungen schaffen, die dieses Herz-Verstehen ermöglichen. Love in action kann so ein „Ort“ sein, mit großer Entschlossenheit und der Unterstützung durch die Praxis diesen Weg zu gehen. 

 

Mitgefühl kann sich nur entwickeln, wenn wir auch bereit sind, unseren eigenen Schmerz zu spüren und gut zu versorgen. Wenn es auch für mich Momente gibt, in denen ich mich mir selbst mit wirklichem Interesse zuwende. Nur dann kann es mir gelingen, tief in mein eigenes Leid zu schauen, statt es auf äußere „Feinde“ auszulagern.

 

 

Das Gäste-Deck auf der Sea-Watch 3
Das Gäste-Deck auf der Sea-Watch 3

Was wünscht du dir für die Zukunft unseres Mitgefühls – und die Flüchtlingspolitik?

Da möchte ich mich der Aufforderung der Crew der Sea-Watch 3 vom Juni 2019 anschließen: „Open the habours, open the hearts. Öffnet die Häfen, öffnet die Herzen!“

 

Ich wünsche mir, dass wir Wohlstand nicht als persönlichen materiellen Status verstehen, sondern, dass Wohlstand für uns bedeutet, dass alle Menschen „wohl“, also sicher sind.  Ich denke, wenn wir wahres Mitgefühl erlernen und leben, dann sind wirkliche Lösungen gut und einfach zu finden. 

 

Habe ich etwas nicht gefragt, worüber du gern etwas sagen würdest?

Gerne möchte ich noch einmal betonen, wie dankbar ich für die Zeit bin, die ich auf der Sea-Watch verbringen konnte. Dass ich in dieses großartige Projekt einfach mit einsteigen durfte und praktizieren konnte. Viele Menschen arbeiten seit Jahren an diesem Projekt und lassen immer wieder andere mit hinein, das ist eine große Offenheit. Wir wurden sehr gut eingearbeitet und betreut. Immer gab es eine Ansprechperson. Ich bin dankbar, für die tiefe Erfahrung eines bedingungslosen Ja. Ich habe viel bekommen, wesentlich mehr als gegeben. Und ich habe mein neues Mantra, mit dem ich weiter üben möchte: „Es geht hier nicht um mich und mein Ego“.

 

Das Interview führte Susanne Billig

 

Weitere Informationen

Sea-Watch e. V. ist eine gemeinnützige Initiative, die sich der zivilen Seenotrettung im zentralen Mittelmeer widmet: sea-watch.org

 

Spendenmöglichkeit

Sea-Watch e. V. 
IBAN: DE77 1002 0500 0002 0222 88
BIC:   BFSWDE33BER 
Bank für Sozialwirtschaft Berlin

 

 

 

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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