In Denkmustern gefangen

Der Buddhismus sollte, so Alfred Weil, am besten von seinen eigenen Voraussetzungen, seinen besonderen Inhalten, Herangehensweisen und Ausdrucksformen her verstanden werden. Gelehrt hat der Buddha keine Religion, sondern: Dhamma/Dharma.

© photocase / steffne

Ein Beitrag von Alfred Weil veröffentlicht in der Ausgabe 2014/3 unter der Rubrik Ist Buddhismus eine Religion?

RELIGION?

Wir kommen in unserer Lebenswirklichkeit nur zurecht, wenn wir die Vielfalt unserer Erfahrungen ordnen. Dafür kleben wir den Dingen gewissermaßen ein Etikett auf, wir geben ihnen Namen. Gegebenenfalls fügen wir noch nähere Beschreibungen hinzu und bringen all das in eine brauchbare Systematik. So können wir die zahllosen materiellen und geistigen Erscheinungen identifizieren, uns später an sie erinnern, uns über sie austauschen und sie praktisch handhaben.

Doch was auf der einen Seite für unsere Orientierung unumgänglich ist, wird auf der anderen zu einem oft kaum überwindbaren Hindernis. Wir gewöhnen uns nämlich schnell an die ordnenden Kategorien unseres Geistes und die von ihm benutzten Begriffe. Und bald nehmen wir die Wirklichkeit gar nicht mehr wahr, wie sie tatsächlich ist, sondern aktuelle Erfahrungen werden unbemerkt unserem eingespielten Schema angepasst. Was fremd erscheint, blenden wir nicht selten ganz aus oder interpretieren es so, dass eine eventuelle Unsicherheit wieder verschwindet. Und das bringt uns zu der Frage nach Buddhismus und Religion.

Wie die Generationen vor uns sind wir mit zwei hauptsächlichen Erklärungsmustern für die erlebte Realität aufgewachsen: mit einem wissenschaftlichen und einem religiösen. Was Religion angeht, war in Europa und Deutschland das Christentum über Jahrhunderte so dominierend, dass es bis heute unsere Sichtweisen prägt, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. In sie lassen sich das Judentum, das bei uns ebenfalls eine lange Tradition besitzt, und der Islam, der erst in jüngster Zeit deutlicher sichtbar ist, leicht einordnen. Beide können wir problemlos als „Religionen“ ausmachen.

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Alfred Weil

Alfred Weil, Dr. phil. Seit 1979 intensive Auseinandersetzung mit den Lehren des Buddha. 1993–2001 Vorsitzender, seit 2003 Ehrenrat der DBU; 1990–2002 Mitherausgeber und Redakteur der Lotusblätter. Vortrags- und Seminartätigkeit, Veröffentlichungen in Zeitschriften, Autor und Herausgeber mehrerer Bücher.
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