Beredtes Schweigen und donnernde Stille

Hans-Günter Wagner zeigt, dass die wortlose Überlieferung im Chan-und Zen-Buddhismus nicht ganz so wortlos verlief, wie sie selbst reklamiert. Dennoch ist sie in ihrem Ansatz revolutionär, nimmt sie doch Erkenntnisse vorweg, wie sie erst in der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts formuliert wurden.

Stille über den Bergen von Zhangjiajie | © bamboome | 123rf.com

Ein Beitrag von Hans-Günter Wagner veröffentlicht in der Ausgabe 2017/2 unter der Rubrik SCHWERPUNKT Stille

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Eine ... bekannte Episode berichtet von der Begegnung des dreizehnjährigen Novizen Shen Hui mit Meister Hui Neng und will zeigen, wie Sprache und Zeichen nur als Werkzeuge der Kommunikation dienen, aber selbst frei von tragender Bedeutung sind. Hui Neng sprach vor einer Versammlung im Tempelhof: „Ich habe einen Dharma, der weder Namen noch Schriftzeichen, weder Auge noch Ohr, weder Leib noch Absicht, weder Worte noch Zeichen, weder Kopf noch Schwanz, weder Innen noch Außen, noch auch Mittleres hat, er geht nicht und kommt nicht, er ist weder blau noch gelb, noch rot, noch weiß, noch schwarz, er ist nicht nichts, er ist weder Ursache noch Frucht.“

 

Als der Meister fragte, wie diese Worte zu verstehen seien, war niemand aus der Menge imstande, eine Antwort zu geben. Da trat der dreizehnjährige Novize hervor und erklärte: „Es ist der Urgrund Buddhas.“ – „Wie ist dieser Urgrund?“, wollte Hui Neng wissen, worauf der Novize darlegte, dass der Urgrund „die ursprüngliche Natur aller Buddhas“ sei. Hui Neng aber wollte das so nicht akzeptieren und sprach abwehrend:

„Ich habe doch erklärt, dass er (der Dharma) keinen Namen und keine Schriftzeichen hat, wie nennst du ihn Buddhanatur?“ Da erwiderte sein junges Gegenüber: „Die Buddhanatur hat weder Namen noch Schriftzeichen. Weil der Meister gefragt hat, entstanden Namen und Schriftzeichen. Doch auch wenn genannt, ist sie ohne Namen und Schriftzeichen.“ (1)

Die „wortlose Überlieferung“ fungiert als das Gegenmittel, um die Paradoxien abzuwenden, die sich aus bestimmten Deutungen der Buddhalehre ergaben. In ihrem Kernanliegen sind die Aussagen des Buddha metaphysikkritisch, indem er alle außerweltlichen Konzepte der hinduistisch-brahmanischen Vorstellungswelt, beispielsweise die Lehre vom Atman oder eines Absoluten, infrage stellt und seine Lehre auf empirisch nachvollziehbare Kausalitäten mit dem Ziel der Leidensüberwindung bezieht. Dies hat aber seine Schüler nicht davon abgehalten, ausgefeilte philosophische Systeme zur Deutung der „letzten Fragen“ zu formulieren, um die sich dann später mit den „Realisten“, den Nur-Geist-Anhängern, den Pudgalas und anderen jeweils eigenständige Schulen formierten.

 

Erörterung – Kein Nutzen für den Heilspfad

Den Buddha interessierte die Erörterung rein philosophischer Fragen nicht sonderlich, da er in ihnen keinen rechten Nutzen für den Heilspfad erkennen konnte und wohl auch meinte, dass sie letztlich ohnehin dem menschlichen Verständnis entzogen seien, und so beschränkte er seine Lehre auf die Erklärung des Erklärbaren und hielt alle metaphysischen Deutungen über den Ursprung des Lebens und den Sinn des Daseins für wenig zielführend. Doch blieben seine eigenen Aussagen nicht frei von (echten oder vermeintlichen) Widersprüchen, um die sich alsbald heftige Debatten entzündeten. Während Buddha mit der Anatman-Lehre einerseits die Vorstellung eines dauernden Selbst (beziehungsweise einer unsterblichen Seele) zurückweist, liefert seine Karmalehre doch die Vorstellung einer den Tod überdauernden Entität als Trägerin der karmischen Kausalität. Die Erklärungen und Gleichnisse, die gegeben wurden, um diesen Widerspruch aufzulösen, beispielsweise die Vorstellung des Übergangs einer Flamme von einer alten auf eine neue Kerze (als Bild für die Gleichzeitigkeit von Auslöschung und Kontinuität), boten bald den Stoff für neue Ausdeutungen.

 

 

Tempelstätte an einer Seidenstraßen-Oase | © Hans-Günter Wagner

 

 

Bilder und Geschichten anstelle einer ausgefeilten Lehrsystematik

Die Anhänger der wortlosen Verbreitung setzten nun gegen den Streit um Worte, Definitionen und letzte Fragen ihr edles Schweigen. Wenn man überhaupt sprach, so allenfalls in Andeutungen und Metaphern. Da jedoch Worte notwendig sind, um die Lehre zu übertragen und zu verbreiten, wurden die nonverbalen Artikulationen der Chan-Lehre von den Menschen durchaus unterschiedlich aufgenommen. „Offene Weite – nichts Heiliges“, so soll Bodhidharma einst dem Kaiser von Wu aus dem Liang-Reich auf dessen Bitte die Lehre erklärt haben, was ihm seinerzeit Bewunderung eintrug. Es war ein erfrischendes Schweigen, das dem Denken neuen Raum gab und die Phantasie nährte, die unter der Last der alten scholastischen Debatten zu ersticken drohte. Doch bald wurde das Wortlose selbst zum neuen Kult, und nun war es das Sprachverbot, welches das Denken lähmte.

 

Als der japanische Mönch Ka Kua (1183–?) Hunderte von Jahren später auf die gleiche Frage des Herrschers nur seine Flöte aus der Tasche zog und darauf zu spielen begann, wurde dies als unangemessen zurückgewiesen. Vermutlich wollte Ka Kua zum Ausdruck bringen, dass die Wahrheit der Lehre nur selbst erfahren und nicht durch andere vermittelt werden kann, gleich einer Flöte, die stumm bleibt, solange man nicht auf ihr spielt. Vielleicht wollte er auch die bekannte Chan-Frage stellen: „Wer ist es, der den Ton hört?“ Der Kaiser jedoch wollte eine Antwort, wenn auch eine kryptische oder absurde, nicht jedoch mit einem Flötenspiel unterhalten werden.

Dennoch wird im Chan- und Zen-Buddhismus die buddhistische Lehre nicht in erster Linie über eine systematische und logisch-stringente Darlegung ihrer Erkenntnisse und Prinzipien verbreitet, sondern anhand von Bildern und kleinen Geschichten erzählt. Dabei liefern die Alltagserfahrung und die Beobachtung der Natur sowie Gleichnisse und Metaphern das Material zur Veranschaulichung buddhistischer Inhalte. Die genuine Sprache ist die Poesie, das Bild, die Metapher. Im Laufe vieler Jahrhunderte hat sich so eine unaufdringliche Lyrik entwickelt, die nicht nur die chinesische Dichtkunst geprägt hat, sondern weit über Chinas Grenzen hinaus wirkte. In der Poesie und Malerei entfaltete sich eine Ästhetik, die den gesamten ostasiatischen Kulturraum bis heute geprägt hat. So verkörpert der kühle Mond am Nachthimmel den Frieden des Nirvana und die Erlösung aus der Hitze des Kreislaufs der Wiedergeburten. Wie sich der Mond auf allen Wassern spiegelt, so ruht die erleuchtete Natur des Buddha in allen Wesen. Im Bild des Mondes wird das Potenzial zur Erleuchtung ausgedrückt. Die Bilder der Natur – obgleich Phänomene der vergänglichen Welt – fungieren zugleich als Metaphern des ewigen Dharma. Berge und Wasser sind in der chan- und zen-buddhistischen Lyrik Symbole reiner Natur und des Ursprünglichen. Dabei geht es jedoch mehr um die geistige Vorstellung der Berge als um die reale Gebirgswelt.

Bergwege sind Sinnbilder des Strebens nach Erleuchtung. Metaphern, Gedichte und Gleichnisse gelten neben den koans und huatous als die angemessensten Instrumente zur Versprachlichung sakraler Erfahrung. Gegen die Eindeutigkeit der Sutratexte steht hier eine Poesie des Indirekten, des Umkreisens und des Vieldeutigen, eine Gratwanderung an den Grenzen der Sprache ...

ENDE DER LESEPROBE

 

Alle Orte, alle Dinge
aus der Stille nur entspringen
Alles Wissen und Erkennen
wird am Ende doch verrinnen
Shi Wu Qing Gong (1272–1352) (2)

 

Zen-Garten | © Jennifer 真泥佛

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Hans-Günter Wagner

Hans-Günter Wagner hat fünfzehn Jahre in China gelebt und gearbeitet und dort viele Tempel besucht. Heute lehrt er Chinesisch, Englisch und Politik am Hessenkolleg in Kassel und ist auch als Übersetzer und Herausgeber buddhistischer Bücher tätig.
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