Kommentar: Missverständnisse – u.a. zu Dzongsar Khyentse Rinpoches Begriff „Cinderella-Lehren“

Ein Beitrag von Doris Wolter veröffentlicht in der Ausgabe Online-Artikel unter der Rubrik

Missverständnisse – u.a. zu Dzongsar Khyentse Rinpoches Begriff „Cinderella-Lehren“

 

 

Da die Kommentarfunktion dieser Seiten aus datenschutzrechtlichen Gründen abgeschaltet wurde, war der unten stehende Kommentar lange Zeit nicht zu sehen, wie alle anderen Kommentare aller anderen Autorinnen und Autoren auch. Doris Wolter hat darum gebeten, dass ihr Kommentar nach wie vor zu lesen ist. Wir kommen ihrem Wunsch entgegen und stellen ihre Kritik an der  Kritik von Dzongsar Khyentse Rinpoche hiermit online.

 

Der Text von Susanne Billig https://buddhismus-aktuell.de/online-artikel/veranstaltung-kommentar-missbrauch-missverstaendnisse.html über die Unterweisungen von Dzongsar Khyentse Rinpoche in Berlin im Februar enthält etliche unrichtige Vermutungen und falsche Zuordnungen; auf die gravierendsten möchte ich hier kurz eingehen, zumal daraus weitere, recht polemische Schlüsse gezogen wurden. 

Der Begriff der Cinderella Lehren wurde grundlegend falsch eingeordnet. Hierzu muss ich kurz ausholen: Die Lehren des Buddha werden von allen Traditionen aufgeteilt in Lehren mit vorläufiger oder indirekter Bedeutung einerseits und die mit definitiver Bedeutung andererseits. Oft widersprechen sich Buddhas Lehren daher scheinbar. Welche Lehren der einen oder anderen Kategorie angehören, wird sogar in den verschiedenen buddhistischen Traditionen leicht unterschiedlich gedeutet. Aber so viel ist erst mal allgemein akzeptiert: In die erste Kategorie gehört alles, was zu interpretieren ist, offensichtlich auf einen bestimmten Kontext oder bestimmtes geistiges Vermögen des Fragestellenden reagiert und nicht absolut zu setzen ist. Und hierzu gehören nicht nur Teile der Lehren des Theravada, sondern auch des Vajrayana! Billigs scheinbar aus dem Vortrag zitierten Satz „Die Vajrayana-Lehren seien jedoch keine „Cindarella teachings“,…“ hat Rinpoche nie gesagt (man höre: www.youtube.com/watch, 1:01:25 ff)

Lehren mit definitiver Bedeutung werden als die philosophisch höchsten Weisheitslehren angesehen, sie weisen auf etwas jenseits von Worten und Beschreibungen Liegendes hin: jenseits von Kategorien wie Gut und Böse. Nyanatiloka Mahathera bezeichnete sie z.B. als die Lehren des Buddha mit expliziter oder direkter Bedeutung. Im Mahayana gehören z.B. Madyamaka-Philosophie und große Teile des Prajnaparamita-Zyklus dazu. Weitere Quellen zu dem Themenbereich: http://rywiki.tsadra.org/index.php/nges_don  und http://rywiki.tsadra.org/index.php/drang_don

Wenn Dzongsar Khyentse Rinpoche von Cinderella-Lehren spricht, sind das die Lehren mit vorläufiger, interpretierbarer Bedeutung. Das können schöne Geschichten (z.B. Jatakas!) sein, manchmal werden sogar die Lehren zur Buddha-Natur dem untergeordnet. Die Betonung liegt hier auf der Notwendigkeit anhand der Umstände – Rinpoche ist hier stets sehr fair und nicht herablassend, sondern betont sogar, das der Buddhismus stolz sein könne auf diese Diversität! Dazu höre man in oben erwähntem Berliner Vortrag auf Youtube die Stelle von 19:53 bis 27:12 min, wo er darauf hinweist, dass die Lehren des Buddha wegen je verschiedener Zuhörerschaft sehr unterschiedlich sind. Er setzt diesen Lehren mit vorläufiger Bedeutung die Weisheitslehren des Buddha entgegen, die jenseits von Kategorien liegen und definitiv auch nicht einer Traditionsrichtung der Auslegung vorbehalten sind!

Ihm zu unterstellen, dass er mit dem Begriff „Cinderella-Lehren“ die des Theravada meint, ist ein gravierendes Missverständnis, unterstellt ihm grobe Ignoranz und ist damit höchst unangemessen. All das, was Susanne Billig im Weiteren dann zu den Cinderalla-Lehren fälschlich vermutet, landet damit letztlich leider wieder einmal bei Verunglimpfungen der tibetisch-buddhistischen Lehre und Lehrer. Ich würde mir an solcher Stelle eine bessere Prüfung solcher Beiträge durch die DBU wünschen.

Indem der Text von Susanne Billig in einen Hauptteil und einen Kommentar unterteilt ist, wird dem Leser außerdem suggeriert, der erste Teil wäre ein reiner Bericht. Dem ist nicht so. Zu Beginn (vor der Aufnahme) wurde angesagt, die Fragen habe Dzongsar Khyentse Rinpoche persönlich ausgewählt, das hat die Autorin überhört und schreibt nun, Fragen seien sämtlich von den Organisatoren bei Rigpa ausgesucht worden (was zu weiteren nicht begründeten Schlüssen führt, auf die es nicht lohnt hier einzugehen). 

Dzongsar Khyentse Rinpoche wird nicht nur im Kontext der BA vorgeworfen, er habe sich auf seiner Vortrags-Tour nicht darauf eingelassen, Sogyal Rinpoche grundlegend zu verurteilen. Dies hat er in verschiedenen Vorträgen und am 16.3.18 auf Facebook so begründet:

“As I am fundamentally just a mortal human being, I cannot make a judgement about another human being. Determining whether someone is a saint or sinner is an individual decision based on each person’s own reasoning. After all, remember the Buddha’s fundamental instruction not to rely on the person but on the teaching. Those who want me to proclaim someone else as good, bad or anything else are empowering me as either an omniscient being or a cult leader.

So, all I’ve tried to do with the best of intentions and relying on the very limited knowledge I have acquired through my training, is simply to offer some clarifications on the Vajrayana.”

Die Vortragsserie von Dzongsar Khyentse Rinpoche in Europa ist frei und ungeschnitten auf Youtube zu sehen (alle 5 sind auf www.manjughosha.de/blog/ zusammengestellt); man kann sich inzwischen am besten selbst eine Meinung machen.

Doris Wolter, Berlin im März 18

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Doris Wolter

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