Shambhala: Bestätigung der Missbrauchsvorwürfe gegen Sakyong Mipham Rinpoche

28.02.2019 / Aufgrund von Missbrauchsvorwürfen war Sakyong Mipham Rinpoche, Sohn des Gründers und Oberhaupt von Shambhala International, im Juni 2018 bis auf weiteres von seiner Lehr- und Führungsrolle zurückgetreten. Auch der gesamte Führungsrat, dem Verschleierung der Vorgänge vorgeworfen wurde, trat zurück. Seitdem wird die Organisation von einem Interimsrat geleitet. Dieser beauftragte die kanadische Anwaltskanzlei Wickwire Holm mit der Untersuchung der Anschuldigungen. Der Bericht liegt seit dem 3. Februar 2019 vor.

Der Interimsrat, der seit dem letzten Herbst Shambhala International leitet, veröffentlichte am 3. Februar 2019 einen 64-seitigen Bericht mit den Ergebnissen der Untersuchungen der Anwaltskanzlei Wickwire Holm. In diesem werden zwei belastbare Aussagen wegen sexueller Nötigung vorgelegt.

Mehr als 75 Personen hatten Anschuldigungen oder Informationen über sexuelles Fehlverhalten innerhalb der Organisation vorgebracht. Offensichtlich wurden 65 Anschuldigungen zurückgezogen, da Shambhala zur Bedingung stellte, dass die Ankläger*innen namentlich genannt werden sollten. Zehn von ihnen waren bereit, ihren Namen im Zusammenhang mit den Anschuldigungen bekannt zu geben. Von diesen wurden 3 Fälle weiter verfolgt, in zweien wurde "sexuelles Fehlverhalten" festgestellt.  

 

Seit der Veröffentlichung des Berichts haben sich weitere Personen aus der Führungsriege und dem persönlichen Umfeld von Sakyong Mipham zu Wort gemeldet.

 

Sechs ehemalige Kusung (Mitglieder der Leibgarde) haben sich am 16. Februar 2019 in einem 35 Seiten langen offenen Brief an die Shambhala Gemeinschaft gewandt. Darin bestätigen sie, Zeugen von körperlichen und sexuellen Übergriffen gewesen zu sein. Sie adressieren in diesem Brief Sakyong Mipham Rinpoche nicht mit diesem Titel sondern mit seinem Geburtsnamen Herr Mukpo. Die Kusung sind gut informierte Zeugen, da sie mit der "Sorge für Herrn Mukpos Körper auf allen Ebenen" betraut waren, sich lange Zeit in unmittelbarer Nähe zu ihm aufhielten und Teil seines Privatlebens waren. Die Aussagen, die die ehemaligen Kusung in diesem Brief machen, gehen weit über die Ergebnisse des oben genannten Berichts der Anwaltskanzlei hinaus.

 

Einige Tage später, am  21. Februar 2019, folgte ein ebenfalls offener Brief von mehr als 40 Shambhala Acharyas (Lehrern), in dem sie die Gemeinschaft darüber informieren, dass sie Sakyong Mipham gebeten haben, bis auf weiteres von seiner Lehr- und Führungsrolle Abstand zu nehmen.


Am darauffolgenden Tag, dem 22. Februar 2019, meldete sich Sakyong Mipham selbst mit einem Brief an die Shambhala Gemeinschaft zu Wort und teilte mit, dass er der Aufforderung der Acharyas Folge leisten und von seinen administrativen Tätigkeiten ebenso zurücktreten wird, wie von seiner Lehrtätigkeit. Beides zunächst bis auf weiteres.

 

Auszüge aus dem Brief der 6 ehemaligen Kusung

In ihrem 35 Seiten langen offenen Brief bestätigen die ehemaligen Kusung die körperlichen und sexuellen Übergriffe Herrn Mukpos auf Mitglieder der Gemeinschaft. Sie erklären, dass sie sich "moralisch verpflichtet [fühlen], andere aufzurütteln, um weiteren Schaden zu vermeiden und Herrn Mukpo direktes, unverfälschtes Feedback zu geben."

Aus eigener Beobachtung und der Einsicht heraus, dass Missbrauch häufig verschwiegen und vertuscht wird, erklären sie, dass die Dimension des Machtmissbrauchs weit über den begrenzten Rahmen der Wickwire Holm Untersuchung hinausgeht. In ihrem Bericht führen sie die Anschuldigungen weiter aus.

„Wir können bestätigen, dass Herr Mukpo eine lange Geschichte sexuellen Fehlverhaltens hat, einschließlich dem gegenüber der Klägerin im vorliegenden Wickwire Holm Bericht. Da einige von uns mit dem Ermittler über die vorgebrachten Anschuldigungen gesprochen haben, wissen wir, dass es noch vieles gibt, was in den Bericht nicht vollständig eingeflossen ist.

Herr Mukpo hat auch eine lange Geschichte fragwürdigen Verhaltens gegenüber seinen Schülern, von grober verletzender Ausdrucksweise bis hin zu körperlichem und psychischem Missbrauch. Dies geschah sowohl während er unter starkem Alkoholeinfluss stand als auch während er nüchtern war.“

 

Sich selbst gestehen die 6 Verfasser*innen des offenen Briefes ein, dass auch sie das Fehlverhalten Herrn Mukpos und anderer ermöglicht haben. 

„Die meisten von uns haben Missbrauch durch ihn erfahren. Manchmal haben wir auch unbeabsichtigt das Verhalten von Herrn Mukpo begünstigt und ermöglicht. Wir alle haben mit uns gerungen, um unsere blinden Flecken zu erkennen. Nun müssen wir die bittere Pille schlucken, dass wir Erfüllungsgehilfen dieses Mannes waren. Je mehr wir unsere eigene Intuition ignoriert haben, umso mehr Menschen wurden verletzt, und umso mehr Schaden wurde angerichtet. So wie es bei uns auch zunächst der Fall war, werden viele andere Shambhala-Führer die Rolle, die sie bei der Ausbreitung dieses schädigenden Verhaltens spielten, vielleicht nicht erkennen.“

 

Nach dem einleitenden gemeinsamen Teil folgen die persönlichen Berichte der 6 ehemaligen Kusung.

 "Es sind Berichte von Menschen, die geschult wurden, sich vor allem auf die Bedürfnisse von Herrn Mukpo zu konzentrieren, auch wenn es bedeutete, das zu verneinen, was wir sahen oder fühlten. Mit diesen Berichten an die Öffentlichkeit zu treten, war für uns ein langer Weg voller Selbstzweifel, Scham und Trauer."

 

 

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