Engagierte Buddhist:innen rufen Myanmar zu Solidarität und Schutz des Lebens auf

27.08.2022 / Erklärung des Sekretariats des Internationalen Netzwerks Engagierter Buddhist:innen (INEB) vom 29. Juli 2022

Wir sind zutiefst schockiert und traurig über die jüngsten Hinrichtungen der vier Demokratieaktivisten Kyaw Min Yu, Phyo Zayar Thaw, Hla Myo Aung und Aung Thura Zaw im Insein-Gefängnis in Yangon, Myanmar. Wir sprechen den trauernden Familien unser tiefes Beileid aus und bekunden unsere Solidarität mit der Bevölkerung Myanmars.

 

Wir sind sehr besorgt, da diese Hinrichtungen Auswirkungen auf die 76 politischen Gefangenen, darunter zwei Kinder, haben, die nach Angaben der unabhängigen gemeinnützigen Organisation „Assistance Association of Political Prisoners“ (AAPP) mit Stand vom 28. Juli 2022 zum Tode verurteilt wurden. Wir fordern den Staatsverwaltungsrat unter der Leitung von General Min Aung Hlaing auf, auf Gewalt zu verzichten und stattdessen die politischen Meinungsverschiedenheiten mit Mitgefühl und Wohlwollen anzugehen.

 

Seit dem Militärputsch im Februar 2021 wurden nach Angaben von AAPP 11 859 Demokratieaktivist:innen verhaftet und 2 142 Zivilist:innen, darunter viele Kinder, getötet. Nach Angaben des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) wurden bis zum 31. Juli 2022 mehr als 866 000 Menschen vertrieben und 21 000 zivile Gebäude in Städten und Dörfern im ganzen Land auf Anweisung des Staatsverwaltungsapparats niedergebrannt. Wir verurteilen diese Gewaltakte gegen unschuldige Zivilisten, die vom Staatsverwaltungsapparat und seinen Sicherheitskräften verübt wurden. 

 

Auch bedauern wir sehr die Lage der Rohingya-Flüchtlinge und anderer Binnenvertriebener in Myanmar, die sich immer weiter verschlechtert. Es besteht aktuell keine Aussicht, dass die aus dem Land vertriebenen Rohingya in ihre Heimat zurückzukehren könnten. Wir würdigen den Mut und das Durchhaltevermögen der Menschen in Myanmar und leisten über unsere Netzwerke so weit wie möglich regelmäßige humanitäre Hilfe.

 

Die Menschen in Myanmar riskieren ihr Leben für die Wiederherstellung von Demokratie, Menschenrechten und einem Leben entsprechend dem Dhamma. Wir anerkennen die wichtige Rolle, die Sanghas und religiöse Führer bei der Wiederherstellung der Demokratie mit friedlichen Mitteln und bei der Bereitstellung lebensrettender humanitärer Hilfe spielen, obwohl sie dabei ihr eigenes Leben riskieren. Zwischenzeitlich bitten wir prominente Sanghas und religiöse Führer, behutsam bei den Konfliktparteien zu intervenieren und ihre moralische Autorität einzusetzen, um das Blutbad zu beenden und Frieden und Stabilität wiederherzustellen. 

 

Wir haben die außerordentlichen Opfer gesehen, die ganz normale junge Menschen und Frauen für eine Zukunft bringen, die ihnen rechtmäßig zusteht. Obwohl INEB den Einsatz von bewaffnetem Widerstand und Gewalt auf Seiten der demokratischen Kräfte entschieden ablehnt, bringen wir unser Verständnis und Mitgefühl zum Ausdruck und erkennen an, dass die Menschen in Myanmar unsäglicher Gewalt ausgesetzt sind, die von einer der stärksten, am besten ausgerüsteten und gewalttätigsten Streitkräfte Südostasiens ausgeübt wird, und dass der Konflikt sehr ungerecht und ungleich ist. 

 

INEB erinnert Myanmar in aller Bescheidenheit daran, dass der Kreislauf von Gewalt, Mord und Rache niemals enden und nur noch mehr Leid über die Gesellschaft bringen wird. Eine der Auswirkungen wird ein sehr tiefes und zerstörerisches Trauma sein, dessen Heilung Zeit und Mittel erfordern wird. Daher stehen sowohl der Staatsverwaltungsrat als auch die demokratischen Kräfte in der Verantwortung, die Gewalt zu beenden, unabhängig davon, welche glaubwürdigen Gründe jede Partei vorbringen kann.  

 

Als spiritueller Freund (kalyanamitra), des Volkes von Myanmar fordert INEB 

 

– den Staatsverwaltungsrat nachdrücklich auf:

  1. Sofort auf Gewalt als Mittel zur Beilegung politischer Meinungsverschiedenheiten zu verzichten, einschließlich der unmenschlichen Taktik der Aufstandsbekämpfung.
  2. Sofort und bedingungslos alle politischen Gefangenen freizulassen, einschließlich Daw Aung San Suu Kyi, U Win Myint und anderer prominenter Politiker, Aktivisten und derjenigen, die in der Todeszelle sitzen.
  3. Dringend einen allumfassenden politischen Dialog einzuberufen, zu dem der Konsultativrat der Nationalen Einheit, die Regierung der Nationalen Einheit, das Komitee zur Vertretung des Zweikammerparlaments, die Nationale Liga für Demokratie und andere politische Parteien, bewaffnete ethnische Organisationen, demokratische Kräfte und andere zivilgesellschaftliche Organisationen eingeladen werden. Dieser sollte von der Sangha, religiösen Führern, der UNO und anderen relevanten unabhängigen Akteuren vermittelt werden.  

 

– die Menschen in Myanmar auf:

stark zu bleiben, die Hoffnung nicht aufzugeben und so weit wie möglich auf Gewalt und Vergeltung zu verzichten! Wir verstehen, dass es bei Ihrem Kampf um den Schutz Ihres eigenen Lebens, Ihrer Gemeinschaft und Ihres Landes geht.

 

– den Konsultativrat der Nationalen Einheit, die Regierung der Nationalen Einheit, das Komitee zur Vertretung des Zweikammerparlaments auf: 

alle möglichen Mittel zu nutzen, einschließlich gewaltfreier Ansätze und des politischen Dialogs, um Demokratie und Menschenrechte wiederherzustellen.  

 

"Sieg erzeugt Hass. Eine Niederlage schafft Leiden. Die Weisen wünschen sich weder Sieg noch Niederlage." Phrea Maha Ghosananda 

 

 

 

Über uns: Das Internationale Netzwerk Engagierter Buddhisten ist eine unabhängige Organisation mit Mitgliedern aus mehr als 25 Ländern in Asien, Europa, Nordamerika und Australien. Seine  Hauptaufgabe besteht darin, das Leiden zu bekämpfen und zu beenden, indem es sich bei seinen Analysen und Handlungen von den Vier Edlen Wahrheiten leiten lässt, die von Gautama Buddha gelehrt wurden. Die Grundwerte des INEB sind Mitgefühl, soziale Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Koexistenz und kalyanamitra – Solidarität der spirituellen Freundschaft. Das INEB organisiert aktiv internationale Konferenzen und Kooperationen, engagiert sich für einige der am meisten marginalisierten Gemeinschaften in der ganzen Welt und steht ihnen bei, um strukturelle und kulturelle Ursachen des Leidens zu bekämpfen. Das INEB wird dafür anerkannt, dass es einzigartige buddhistische Perspektiven in die globalen Debatten und Dialoge zu Themen wie Jugend, Bildung, Kinderschutz, Gender, Menschenrechte, Friedensförderung, agrarökologische Landwirtschaft und Klimawandel einbringt. 

 

Übersetzung: Kirsten Schulte 

 

Ausgangsbeitrag auf Englisc):

inebnetwork.org/statement-calling-for-solidarity-and-preserving-the-sanctity-of-life-in-myanmar

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Aktuelle Ausgabe
Inhalt der Ausgabe