DOKUMENT 1: "Missbraucht, geschlagen, lächerlich gemacht" – Schülerinnen und Schüler von Sogyal Rinpoche erheben schwere Vorwürfe, Brief vom 14. Juli 2017

Der Brief vom 14. Juli 2017 mit den schweren Vorwürfen von acht Rigpa-Schülerinnen und -Schüler sollte nach dem Willen der Briefautorinnen und -autoren zunächst nur an Sogyal Rinpoche selbst und ausgewählte Mitglieder der Gemeinschaft versandt werden. Doch bald schon kursierte er auch außerhalb von Rigpa und wurde rasch auch von der amerikanischen buddhistischen Zeitschrift "Lion's Roar" auf der Webseite des Magazins zur Verfügung gestellt. BUDDHISMUS aktuell dokumentiert den Brief im vollen Wortlaut.

Sogyal Rinpoche | © Olivier Riché

Ein Beitrag von Redaktion BUDDHISMUS aktuell veröffentlicht in der Ausgabe "Debatte um Sogyal Rinpoche" unter der Rubrik Debatte

Sogyal Lakar,

 

die Rigpa-Sangha befindet sich in einer Krise. Seit langem schwelende Probleme mit deinem Verhalten können nicht länger ignoriert oder geleugnet werden. Als Schülerinnen und Schüler, die dir seit langem verpflichtet und ergeben sind, sind wir davon überzeugt dass wir uns zu deinem gewalttätigen und missbrauchenden Verhalten äußern müssen. Dein Verhalten hat uns persönlich, unseren Brüdern und Schwestern in der Rigpa-Organisation und darüber hinaus dem Buddhismus im Westen geschadet. Wenn wir dir schreiben folgen wir dem Dalai Lama darin, dass Schülerinnen und Schüler tibetischer Lamas dazu verpflichtet sind, Bedenken über ihre Lehrerinnen und Lehrer zu teilen:

Wenn man die Lehren klar präsentiert, ist dies zum Wohle anderer. Aber wenn jemand den Dharma lehren soll und sein Verhalten ist schädlich, ist es unsere Verantwortung, dies mit einer guten Motivation zu kritisieren. Das ist konstruktive Kritik, und man braucht sich dabei nicht unwohl zu fühlen. In "Die zwanzig Verse über das Bodhisattva-Gelübde“ heißt es, dass Handlungen gleich welcher Art frei von Schuld bleiben, die Sie mit einer reinen Motivation ausüben. Buddhistische Lehrer, die Sex, Macht, Geld, Alkohol oder Drogen missbrauchen, und die ihr Verhalten nicht korrigieren, wenn ihre eigenen Schülerinnen und Schüler sie mit legitimen Beschwerden konfrontieren, sollten offen und namentlich kritisiert werden. Das kann sie beschämen und veranlassen, ihr missbräuchliches Verhalten zu bedauern und zu beenden. Das Negative herauszustellen schafft Raum dafür, dass die positive Seite zunimmt. Wenn man ein solches Fehlverhalten veröffentlicht, sollte klargestellt werden, dass solche Lehrer den Rat des Buddhas nicht beachtet haben. Allerdings ist es nur fair, auch deren gute Qualitäten zu erwähnen, wenn man das ethische Fehlverhalten eines buddhistischen Lehrers oder einer buddhistischen Lehrerin öffentlich macht.
Der Dalai Lama, Dharamsala, Indien, im März 1993


Dieser Brief bringt unsere Forderung zum Ausdruck, dein unethisches und unmoralisches Verhalten zu beenden. Dein öffentliches Auftreten ist das des Weisen, des Freundlichen, des Humorvollen, des Warmherzigen, voll des Mitgefühls; dein privates Verhalten aber, deine Art, wie du dich hinter der Bühne zeigst, sind zutiefst verstörend und verunsichernd. Einige von uns haben unsere Bedenken über dein Verhalten mit dir persönlich besprochen, aber das war für dich kein Anlass zur Veränderung.

Die von uns, die dir heute schreiben, haben deine missbrauchenden Verhaltensweisen und die großen Bemühungen, sie vor anderen zu verbergen, persönlich erlebt. Und unser Unmut in dieser Sache steigert sich noch, wenn wir anschauen, welche Organisationskultur du um dich herum erzeugt hast, um zu gewährleisten, dass absolute Verschwiegenheit in Bezug auf deine Handlungen herrscht. Dabei steht das alles im scharfen Kontrast zu deiner Weisung, in der Sangha für Offenheit und Transparenz zu sorgen. Wir wollen diese Verschleierung durch Geheimhaltung, Betrug und Falschheit beenden. Wir können nicht länger schweigen.

Unsere aufrichtige Hoffnung ist, dass dieses gemeinsame Schreiben konkretere Ergebnisse hervorbringt als unsere jeweiligen Einzelgespräche mit dir. Wir hoffen, dass sich nun statt oberflächlicher Versprechen langfristige und ehrliche Veränderungen ergeben.

Unsere wichtigsten Sorgen sind:

1. Dein physischer, emotionaler und psychischer Missbrauch von Schülerinnen und Schülern.
2. Deine sexuellen Vergehen an Schülerinnen und Schülern.
3. Dein unersättlich verschwenderischer und genusssüchtiger Lebensstil.
4. Handlungen von deiner Seite, die unsere Wertschätzung für die Dharmapraxis vergiftet haben.
 

1.    Physischer, emotionaler und psychischer Missbrauch

Wir haben persönlich durch dich viele verschiedene Formen der physischen Misshandlung erfahren bzw. haben diese bei anderen miterleben müssen. Du hast uns gehauen und getreten, an den Haaren und den Ohren gezogen, du hast uns mit verschiedensten Dingen geschlagen. Mit deinem Rückenkratzer, mit Kleiderbügeln, Telefonen, Tassen, mit was auch immer gerade zur Hand war. Wir haben über viele Jahre darauf vertraut, dass diese körperliche und emotionale Behandlung von Schülerinnen und Schülern – was du als deine „geschickten Mittel“ des  „zornvollen Mitgefühls“ in der Tradition der „verrückten Weisheit“ geltend gemacht hast – dazu diente, uns in unserem eigenen tiefsten Interesse von unseren „Gewohnheitsmustern“ zu befreien. Wir glauben nicht länger, dass das so ist. Wir glauben, dass dein Verhalten nicht anteilnehmend war, sondern deinem eigenen Mangel an Disziplin und deinen eigenen Frustrationen entspringt. Deine körperlichen Misshandlungen – die unter der jeweiligen Rechtsprechung, unter der du sie begangen hast, einen Bruch des Gesetzes darstellen – haben deine Mönche, Nonnen sowie Laienschülerinnen und -schüler mit blutigen Verletzungen und Narben zurückgelassen. Das ist kein Wissen aus zweiter Hand, wir haben dein Verhalten über Jahre persönlich erfahren und können es bezeugen.

Warum bist  du uns und unseren Freundinnen und Freunden im Dharma gegenüber so gewalttätig geworden? Warum hast du uns geschlagen, geohrfeigt, getreten, uns an den Haaren gezogen? Weil dein Essen nicht heiß genug war, weil du eine halbe Stunde zu spät aus deinem Nickerchen geweckt wurdest, weil in deiner Telefonliste ein Name fehlte oder eine Schrift die falsche Größe hatte, weil das Internet zu langsam war, dein Assistent nicht aufmerksam genug war (1), wir uns nicht richtig „auf deinen Geist einstellten“ und nicht vorhersehen konnten, was du wolltest, oder weil du schlechter Laune warst wegen einer Verstimmung mit einer deiner Liebhaberinnen. Es gibt Hunderte von Beispielen trivialer Vorfälle, die dich ausrasten ließen und dich dazu brachten, so brutal zu reagieren.

Deine psychischen und emotionalen Misshandlungen waren aber vielleicht verletzender als die körperlichen Narben, die du uns zugefügt hast. Während wir für dich gearbeitet haben, um die Infrastruktur für deine Lehrtätigkeit in verschiedenen Teilen der Welt zu organisieren (Europa, Nordamerika, Australien, Indien, Nepal), hast du einige deiner engsten Schülerinnen und Schüler so bloßgestellt und ihnen so gedroht, dass sie emotionale Zusammenbrüche erlitten. Du hast uns immer erzählt, wir sollten dankbar sein für deine persönliche Anteilnahme und dafür, dass du uns unsere versteckten charakterlichen Mängel „aufzeigst“ und uns von unserem „eigensüchtigen Ego“ befreist.

 

Wir glauben nicht länger, dass das so ist. Das alles hat uns verletzt, anstatt zu helfen. Das alles war eine Form der Kontrolle, es war eine massive Form der Unterwerfung und unangemessene Einflussnahme, die uns unsere Freiheit nahm. Du hast uns und anderen angedroht, dass wir „Blut spucken wie Ian Maxwell“ (2), wenn wir dir nicht gehorchen. Du hast uns erzählt, dass wir die Gesundheit unserer Liebsten riskieren oder dass sie gestorben sind, weil wir dir in irgend einer Form missfallen haben. (3) Bei öffentlichen Unterweisungen hast du regelmäßig uns und alle, die für deine Retreats gearbeitet haben, kritisiert, dir zum Vorteil beeinflusst oder bloßgestellt. Du hast uns über Jahre hinweg erzählt, das sei dein einzigartiger Stil, deine Schülerinnen und Schüler „auszubilden“ und dass öffentliche Beschämung Teil der Guru-Schüler-Beziehung sei. Wir glauben nicht länger, dass das so ist.

Als immer mehr Schülerinnen und Schüler auf Grund deiner „Ausbildung“ an den Rand des emotionalen Zusammenbruchs gerieten, hast du die „Ripa-Therapie“ für deine engsten Schülerinnen und Schüler eingeführt. Professionelle praktizierende Therapeuten (die auch deine Schüler sind) wurden damit beauftragt, an den Qualen derjenigen zu arbeiten, die du körperlich, emotional und psychisch misshandelt hattest. In Zweiersitzungen hörte der Therapeut von deinen Methoden der „verrückten Weisheit“ und sah die Traumata, die das in der Klientin und im dem Klienten verursacht hatten. Eine der Methoden dieser „Rigpa-Therapie“ zu Bearbeitung solcher Traumata bestand darin, die Einsicht für ungültig zu erklären, dass du als Lehrer und Verursacher die Quelle dieser Traumata warst. Stattdessen wurden wir angewiesen, alte Familienverhältnisse und -geschichten als das Problem anzusehen. Wir wurden daran gehindert, dich in unseren klaren, konkreten Einsichten als denjenigen zu erkennen, der tatsächlich Täter war, und stattdessen wurden wir beschuldigt und dazu gebracht, uns selbst als minderwertig zu betrachten. Falls eine „Therapie“ der Schülerin oder dem Schüler nicht dazu verhalf, ihre oder seine Ansicht zu ändern, wurde der Therapeut dazu gebracht zu glauben, er oder sie sei nicht qualifiziert genug für die Aufgabe.

2. Sexuelle Vergehen

Du nutzt deine Rolle als Lehrer, um Zugang zu jungen Frauen zu finden, um sie zu nötigen, einzuschüchtern und sie dazu zu bringen, dir sexuelle Gefälligkeiten zu erweisen. (4) Die andauernden Kontroversen um deine sexuellen Verfehlungen, über die wir im Internet erfahren, sind nur ein kleiner Ausschnitt aus deinem jahrzehntelangem Verhalten. Für manche von uns bestand die sexuelle Schikane darin, dass man angewiesen wurde, sich auszuziehen oder die eigenen Genitalien zu zeigen (Männer wie Frauen) oder dich mit oralen Sex zu beglücken oder dass man sich von dir begrapschen lassen musste, dass man angewiesen wurde, Fotos von den eigenen Genitalien zu machen, dass man Sex mit der eigenen Partnerin oder dem Partner in deinem Bett haben musste, dass man dir die sexuellen Beziehungen zum eigenen Partner beschreiben musste. Du hast Schüler damit beauftragt, deine Assistentinnen und Partnerinnen nackt zu fotografieren. Diese Fotos sollten dann von anderen Schülern zu Collagen verarbeiten werden, die du wiederum weiter herumzeigtest. Du hast eine deiner weiblichen Assistentinnen einem anderen (bei Rigpa wohlbekannten) Lama zum Sex angeboten. Du hattest und hast seit Jahrzehnten sexuelle Beziehungen mit einer Reihe deiner weiblichen Schülerinnen, die auch deine Assistentinnen sind. Manche von ihnen sind verheiratet. Du hast uns angewiesen zu lügen, um dich zu decken, um deine sexuellen Beziehungen vor deinen anderen Liebschaften zu verbergen. Öffentlich behauptest du, dass deine Beziehungen völlig normal seien, einvernehmlich und angemessen, da du kein Mönch seist. Du verneinst jedes Fehlverhalten und hast mitunter sogar behauptet, dass du verführt worden seist. (5) Du und andere in deiner Organisation behaupten, dass dies das Verhalten eines buddhistischen Meisters der „verrückten Weisheit“ sei, genau wie es tantrische Adepten der Vergangenheit taten. Wir glauben nicht, dass das so ist. Stattdessen gehen wir davon aus, dass solche Behauptungen Versuche sind, offenkundig empörendes Verhalten wegzuerklären.

3. Unersättlicher Lebensstil

Dein verschwenderischer Lebensstil wird vor Tausenden deiner Schülerinnen und Schüler versteckt. Es ist eine Sache, eine Spende vom Besten (was jemand zu bieten hat) als anerkennendes Zeichen unserer Dankbarkeit für spirituelle Belehrungen anzunehmen. Es ist etwas ganz anderes, dies von uns zu fordern. Viel von dem Geld, welches deine luxuriösen Bedürfnisse befriedigt, stammt aus Spenden von Schülerinnen und Schülern, die glauben, damit Weisheit und Mitgefühl in der Welt zu fördern.

Als Assistenten, Fahrer und Organisatorinnen entfällt der Großteil unserer Zeit und Energie darauf, einen steten Fluss sinnlicher Vergnügungen für dich bereit zu halten. Du verlangst jede erdenkliche Form von Essen – zu jeder Tages- und Nachtzeit – von deinen persönlichen Köchen und Bediensteten, (für die Rigpa bezahlt), die mit dir die Welt bereisen. Du verlangst alle möglichen Formen der Unterhaltung. Das beinhaltet zum Beispiel detaillierte TV-Programmführer für die Sendungen, die du oft endlose Stunden lang anschaust. Dazu kommen ausführliche Listen über Filmprogramme, damit du immer weißt, was es in den Kinos in deiner Nähe zu sehen gibt. Oder die kontinuierlichen Updates über Restaurants mit Take-away-Essen, 24 Stunden am Tag abrufbereite Fahrer und Masseurinnen, um dich zu bedienen oder dich und deine Freunde ins Kino, in teure Restaurants, zum Shoppen oder an verschwiegene  Orte zu bringen, an denen du deine teuren Zigarren rauchen kannst.

Mit Ungeduld hast du stets nach solchen Vergnügungen und dekadenten sinnlichen Genüssen verlangt. Wenn diese nicht auf Fingerschnippen zur Verfügung standen oder nicht genau so, wie verlangt, wurden wir beleidigt, erniedrigt, als wertlos, dumm oder inkompetent bezeichnet und oft genug geschlagen oder geohrfeigt. Dein Verhalten hat nicht unsere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gefördert, sondern uns in Schrecken davor versetzt, einen Fehler zu machen. Du erzählst deinen Schülerinnen und Schülern, du würdest die meiste Zeit damit verbringen, buddhistische Studien und Praxis zu betreiben, doch diejenigen von uns, die dir über Jahre privat gedient haben, wissen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht.

Wir denken, dass es unethisch ist, wenn unsere finanziellen Beiträge – die man dem Dharma zu geben meint – dazu genutzt werden, deinen verschwenderischen Lebensstil zu bezahlen. Wenn du dich deines Verhaltens nicht schämst, dann trage es offen zur Schau. Erlaube deinen Schülerinnen und Schülern zu sehen, wer du wirklich bist, und lass sie nach eigenem bestem Wissen ihre Entscheidung darüber treffen, ob du ihr Lehrer sein solltest.


4. Vergiftung unserer Wertschätzung der Dharmapraxis

Du solltest wissen, dass das Unglück, welches du über uns gebracht hast, auch unsere Wertschätzung des Dharma und seiner Praxis vergiftet hat. Während Jahrzehnten der Studien und der Praxis des tibetischen Buddhismus mit dir haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, dich als die „Verkörperung des Juwels“ zu sehen, als die „Quelle aller Lehren und des Segens“ des Buddhadharmas. Wir haben dir völlig vertraut. Trotzdem haben wir Jahre damit zurecht kommen müssen, dass dein Verhalten nicht mit deinen Lehren in Übereinstimmung zu bringen waren.

Heute, da viele von uns dich, die Lerab Ling-Gemeinschaft und die Rigpa-Organisation verlassen haben, ist die Basis unseres Vertrauens in den Buddhadharma in Frage gestellt. Manche von uns haben ihren gesamten Besitz zurückgelassen, als sie verzweifelt versuchten, so schnell wie möglich deinen Misshandlungen und der Gemeinschaft, die diese unterstütze, zu entkommen. Egal, ob wir plötzlich verschwanden oder allmählich von dir und Rigpa Abstand nahmen, wir ringen darum, die Anerkennung für eine transformative Lehre und ihre Lehrerinnen und Lehrer wieder zu gewinnen. Oft, wenn wir versuchen zu meditieren oder zu praktizieren, spüren wir das Gift, das wir durch unsere Erfahrungen mit dir aufgenommen haben. Einige von uns verbinden mit den Vajrayana tiefes Misstrauen. Andere von uns versuchen, die Basis für ihre Studien und Praxis von Grund auf zu erneuern und müssen dabei erkennen, dass deine Machenschaften sich mit allem vermischt haben, was sie gelehrt wurden. Manche versuchen das alles therapeutisch zu verarbeiten. Das alles ist das genaue Gegenteil deines Anspruchs, allen Menschen den Dharma zu bringen. Resultat deiner Methoden ist, dass unser Verhältnis zum Dharma korrumpiert wurde. Wir erkennen nun deutlich, wie du unser Vertrauen in vielfacher Weise ausgenutzt, wie du uns in deine Machenschaften verwickelt und uns und unsere Brüder und Schwestern im Dharma missbraucht hast.

Wir zeigen hier keinen Mangel an Vertrauen und Respekt, als seien wir „Störenfriede“, die „unrechte Rede“ führten, wie du so oft behauptet hast, wenn jemand es wagte, gegen deine Methoden aufzubegehren. Wir haben dir zu lange vertraut, wir haben wieder und wieder im Zweifel für den Angeklagten gestimmt. Bei dem Versuch, diese Bedenken zu äußern, hast du uns bloßgestellt und damit gedroht, die Lehre an niemanden mehr weiterzugeben, weil wir „Zweifel“ hegten. Du hast uns dazu ermutigt, andere zu diffamieren, besonders in Frankreich, wo besonders viele Menschen in den vergangen Jahren ihre Stimme gegen dich erhoben. Wir mussten mit ansehen, wie du die Lehren zur Geisel nahmst, um von Schülerinnen und Schülern zu fordern, dass sie ihre Verehrung immer wieder durch „Spenden“ in Form von Geld und unbezahlter Arbeit zeigten. Du erzählst uns, das sei die Art und Weise einer authentischen Praxis des Dharma. Wir glauben nicht, dass so der Weg des Dharma aussieht.

Was deinen Missbrauch angeht, deine sexuellen Verfehlungen und deinen verschwenderischen Lebensstil, so sehen wir keine klar erkenntlichen ethischen Standards oder Richtlinien, an die du dich halten würdest. Wir haben es mit einem Vakuum an Verantwortlichkeit zu tun. Wir hoffen, dass wir, indem wir diesen Brief an unsere Gefährten und die Rigpa-Dzogchen-Mandala-Schüler schicken, helfen, dieses Vakuum zu füllen.

Was du die letzten dreißig Jahre gelehrt hast, besonders „Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“, hat vielen großen Nutzen gebracht, auch denjenigen, die dir dies heute schreiben. Falls wir das alles falsch sehen, berichtige unsere falsche Sichtweise. Wenn es tatsächlich das ethische und mitfühlende Verhalten eines buddhistischen Lehrers sein sollte, uns zu schlagen und zu treten, Sex mit Schülerinnen und verheirateten Frauen zu haben und deinen verschwenderischen Lebensstils aus den Spenden deiner Schülerinnen und Schüler zu finanzieren, dann bitte erkläre uns dies. Falls es aber so sein sollte, dass wir mit unserer Beurteilung richtig liegen, dann beende dein Verhalten, da es für andere verletzend ist.

Zum Schluss bestätigen wir, dass das meiste, was an öffentlicher Kritik im Internet zu finden ist, den Tatsachen entspricht. Einige von uns, die verantwortliche Positionen innerhalb von Rigpa innehatten, ringen schwer damit, dich gedeckt und deine Verhalten „wegerklärt“ zu haben, während sie sich nicht um die gekümmert haben, die traumatische Erfahrungen davontrugen. In der der Vergangenheit hat uns die Motivation geleitet, alle Handlungen unseres tantrischen Lehrers als rein anzusehen. Dies hat uns den Blick für den ganz realen Schaden verstellt, den du verursachst. Jeder von uns überdenkt sein eigenes Verhalten genau und versucht daraus seine Schlüsse zu ziehen, während wir uns gegenseitig auf dieser Reise unterstützen. Wir können nicht länger stillhalten, während du andere im Namen des Buddhismus verletzt. Unser ehrlicher Wunsch ist es, den Buddhismus im Westen blühen zu sehen. Wir wollen uns nicht länger an der Dummheit versündigen, den Guru um jeden Preis als perfekt anzusehen. Der Weg fordert nicht von uns, unsere Unterscheidungsfähigkeit zu unterscheiden, unsere Ethik und Moral oder unsere Integrität auf dem Altar des „Guru-Yoga“ zu opfern.

Unser aufrichtiger Wunsch ist es, dass du dir Orientierungshilfe beim Dalai Lama holst, bei anderen Lamas mit gutem Herzen oder bei wem auch immer, der es dir ermöglichen würde, auf den wahren Pfad des Dharma zurückzukehren.



Mit dem tiefsten Respekt für den Dharma,
                                             
Mark Standlee, Schüler sei 33 Jahren, Drei-Jahres-Retreat, ehemaliger Direktor von International Rigpa Online Courses & Rigpa US Teaching Services für 5 Jahre, International Senior Instructor
Sangye, Schüler seit 16 Jahren, Drei-Jahres-Retreat, buddhistischer Mönch seit 14 Jahren, Co-Direktor bei Technology for Rigpa International
Damcho, Schülerin seit 15 Jahren, Drei-Jahres-Retreat, buddhistische Nonne seit 10 Jahren, persönliche Begleiterin von Sogyal Lakar
Matteo Pistono, Schüler seit 19 Jahren, ehem. Rigpa US Board Member, Autor von Fearless In Tibet: The Life of the Mystic of Tertön Sogyal
Joanne Standlee, Schülerin seit 18 Jahren, Leitung von Sogyal Lakars Haushalt in den USA für 15 Jahre, National Director von Rigpa US für 7 Jahre, Director von ZAM America für 5 Jahre, Rigpa Instructor
Graham Price, Schüler seit 20 Jahren, Sogyal Lakars persönlicher Begleiter und Fahrer
Michael Condon, Schüler seit 21 Jahren, Rigpa Instructor, Sogyal Lakars persönlicher Begleiter und Fahrer in den USA
Gary Goldman, Schüler seit 23 Jahren


 
Anmerkungen:
1 Im August 2016 boxte Sogyal Lakar einer Nonne vor einer Versammlung von  über tausend Schülerinnen und Schülern in Lerab Ling in Frankreich in den Bauch.
2 Während einer live übertragenen Unterweisung aus dem unvollendeten Tempel sagte Sogyal Lakar über Ian Maxwell, einen seiner ältesten Schüler, dass er „ein Arschloch“ sei. Ian lag zu dieser Zeit sterbend in einem Krankenhaus in Paris. Nach Ians Tod sagte Sogyal, das Ian „Blut spuckend starb“, da er ihm in der Vergangenheit Schwierigkeiten bereitet habe. Sogyal Lakar nutzte dieses Ereignis regelmäßig, indem er sagte: „Wollt ihr etwa Blut spuckend sterben wie Ian, weil ihr mir Schwierigkeiten gemacht habt?“. Er nutzte dies als Beispiel, um anderen Schülerinnen und Schülern mit den fatalen Konsequenzen zu drohen, die sie zu tragen hätten, falls sie seine Befehle nicht befolgten.
3 Sogyal Lakar erklärte Graham Price, dass seine geliebte Partnerin Elena krank wurde (und ein Jahr später starb), weil Graham ihn angeschrien habe. Tatsächlich hatte Graham nicht einmal die Stimme erhoben.


Übersetzung: Susanne Billig, Online-Redaktion BUDDHISMUS aktuell



 

 

 

 

 

 

 

© Olivier Riché

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Redaktion BUDDHISMUS aktuell

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