DEBATTE 1: "Auch Nicht-Buddhisten kennen Vergänglichkeit"

Der Beitrag in BUDDHISMUS aktuell 4/2016 ("Bedeutet Leben Leiden?") von Professor Karl-Heinz Brodbeck hat unseren Leser Dr. Rigmar Osterkamp nachdenklich gestimmt und in einigen Punkten zum Widerspruch herausgefordert.

Vergänglichkeit – auch ohne Buddhismus zu praktizieren eine vertraute Erfahrung | © Askal Bosch

Ein Beitrag von Dr. Rigmar Osterkamp veröffentlicht in der Ausgabe Diskussionen unter der Rubrik Ökonomie

 

Lieber Herr Brodbeck,

 

nach  unseren Assistentenzeiten haben wir uns fast gänzlich aus den Augen verloren, obwohl wir ja beide viele Jahre lang an der Münchner Hochschule für Politik Dozenten waren. Aber dort gab es leider wenig Gelegenheit für die Dozenten, zu einem Vortrag oder einem Gedankenaustausch zusammenzukommen. Dennoch habe ich immer mal wieder etwas von Ihnen gelesen, was mein Interesse geweckt (auch manchmal Stirnrunzeln verursacht) hat – eine Vorlesungsankündigung zum Beispiel oder einen Artikel in der SZ, wenn ich mich nicht täusche. Und jetzt bin ich auf Ihren Beitrag in BUDDHISMUS aktuell (4/2016) gestoßen. Meine Kommentare im Folgenden sind nicht die eines Buddhisten, weder eines praktizierenden noch eines fachgelehrten  Buddhisten, sondern die eines – ich möchte mal sagen – an Vielem interessierten Menschen, der im Übrigen, genau wie Sie, einmal eine gründliche ökonomische Ausbildung genossen hat.

Ich setze ein unter Ihrer Überschrift „Grundlegende Denkfehler …“. Noch vor Ihren Ausführungen zu einem ersten Denkfehler (Glück könne dauerhaft sein) erwähnen Sie eine in der heutigen (kapitalistischen,  reichen) Welt angeblich verbreitete Vorstellung, dass Glück, wie alles andere, herstellbar oder käuflich sei. Sicher scheint mir: wenn die Menschen etwas kaufen (oder sich selbst etwas herstellen (das soll es ja hin und wieder auch noch geben)), dann soll es ihnen oder ihrer Familie nützen, ihnen eine Befriedigung verschaffen, Bequemlichkeit ermöglichen, einem Mangelzustand abhelfen, Sicherheit gewähren u.ä.m. Aber streben diese Menschen – also z.B. ich und viele andere, vielleicht auch Sie – bei Ihren Kaufentscheidungen nach Glück? Wird da nicht zu viel hineininterpretiert? Kann man von lächelnden Menschen auf Reklametafeln darauf schließen, dass die Käufer das Lächeln als Angebot oder gar Versprechen von Glück wahrnehmen – und es permanent missverstehen und immer wieder enttäuscht sind?


Nun zu Ihren ersten zwei Denkfehlern („Ihren“, Sie verstehen schon). Der erste ist, dass Glück dauerhaft sein könne. Stattdessen sei Vergänglichkeit die „todsichere Wahrheit“. Der zweite Denkfehler ist die Vorstellung, dass Glück „allein“ erreichbar sei, also ohne andere Menschen. Ich frage mich, wie weit beide Denkfehler außerhalb des Kreises  von Buddhisten wirklich verbreitet sind. Handelt es sich nicht in beiden Fällen um Erfahrungen, die jeder Mensch im Leben macht – der eine eher, der andere später?


Die Vergänglichkeit erfährt doch jeder schon am eigenen Leib, der sich abnutzt und schließlich vergeht, am Ende sterben wird. Auch die  Vergänglichkeit von Glück – oder von Zufriedenheit und Wohlbefinden – wem könnte das, selbst wenn buddhistische Einsicht fehlt, keine Erfahrungstatsache sein?

 

Ähnliches dürfte auch für die Einsicht gelten, dass jeder Mensch von anderen Menschen und von äußeren Dingen und Einflüssen abhängig ist. So hat doch jeder, zumindest zunächst, die Erfahrung von Familie, Clan oder Sippe gemacht und damit die Erfahrung nicht nur von Geborgenheit sondern  auch von Abhängigkeit.  Glaubt wirklich jemand, von anderen Menschen und den äußeren Dingen unabhängig zu sein? Glaubten wir „eben noch“, die Natur zu beherrschen – aber nun zeigten sich uns, anscheinend unerwartet, die Seuchen, die Krankheiten, der Klimawandel? Wir erleiden die Natur, ja. Aber wir ernähren uns auch von ihr. Diese Abhängigkeit ist eine gegenseitige und als solche doch jedem bewusst. Unterschätzen Sie da nicht Ihre Mitmenschen?

 

 

Das Ende des Sommers | © Olivier Riche

 

Eine alte philosophische Frage

 

Jedenfalls lerne ich aus Ihren Ausführungen über die ersten zwei Denkfehler, dass zentrale Einsichten der buddhistischen Lehre sich gar nicht so sehr unterscheiden von dem Weltverständnis, zu dem die meisten Menschen (wie ich vermute) durch Überlegung und Erfahrung gekommen sind. Davon bin ich angenehm überrascht. Vielen Dank.
Nun zu Ihrem dritten Denkfehler, der Ich-Illusion. Ein von den Dingen abgegrenztes und darüber hinaus noch beständiges Ich sei eine Illusion, das würden schon die Wissenschaften und insbesondere die Evolutionslehre zeigen. Nicht beständig, das ist klar. Aber auch nicht abgegrenzt, nicht einmal überhaupt existierend? Eine alte philosophische Frage. Descartes glaubte, eine endgültige, die Ich-Existenz bejahende Antwort gefunden zu haben. Aber das ist nicht unwidersprochen geblieben.


Die Haltung, die Sie – oder der Buddhismus – in dieser Frage einnehmen, also die Annahme der Nicht-Existenz von „Ichs“, steht in der Tradition des Widerspruchs zur Descartes’schen These. Damit nehmen Sie auch die Gegenposition ein zu der von Ihnen erwähnten Ansicht Margret Thatchers, dass es gerade nur Individuen (und deren Familien) gebe, aber keine Gesellschaft. Die Triftigkeit dieser Ansichten – Ihrer, der der Thatcher und der Descartes‘ – hängt m.E. allein an der Bedeutung von „es gibt“ oder „es existiert“. Philosophen haben mögliche Bedeutungen von „es gibt“ durchdacht und entwickelt. Ich, der für diese Diskussion nicht kompetent bin, würde sagen: jedenfalls existieren die Begriffe „Ich“, „Individuum“ und „Gesellschaft“. Und mit diesen Begriffen kann man widerspruchsfrei arbeiten. Für eine weiterführende Diskussion Ihres Verständnisses von „Ich-Illusion“ wäre es allerdings wichtig zu wissen, was Sie unter „es gibt“ bzw. „es gibt nicht“ verstehen.


Im Zusammenhang mit diesem dritten Denkfehler erwähnen Sie auch die Ökonomen, die fälschlicherweise glaubten, dass selbstbezogenes Handeln der Menschen von gesellschaftlichem Nutzen sei. Auch seien die Ökonomen blind gegenüber der gegenseitigen Abhängigkeit, in der sich Menschen, andere Lebewesen und die Dinge befinden.


Lieber Herr Brodbeck, Sie wissen doch immer noch sehr wohl, dass der Adam Smith’sche Zusammenhang zwischen eigennützlichem Handeln und gesellschaftlichem Wohl nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen bestehen kann, und dass diese Voraussetzungen von den Ökonomen im Laufe der Zeit sehr genau herausgearbeitet worden sind. Und die Blindheit der Ökonomen? Auch hier: Sie kennen doch die Mikroökonomik, die Wettbewerbstheorie, die Industrieökonomik, die Spieltheorie, die Umweltökonomik, die Verteilungstheorie, die Sozialpolitik. All diese Fachgebiete der Ökonomik und die dazu arbeitenden Ökonomen sind blind gegenüber gegenseitigen Abhängigkeiten?

 

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Unbeständigkeit | © Krishna Santhanam

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Dr. Rigmar Osterkamp

Rigmar Osterkamp ist Diplom-Volkswirt und war am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in leitender Position tätig. Seit vielen Jahren ist er an der Hochschule für Politik in München Lehrbeauftragter für Volkswirtschaftslehre. Seine Forschungsfelder sind: Entwicklungspolitik, Sozialpolitik und Gesundheitsökonomik.
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