Und manche Leute mögen beides …

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche hielt 2014 vor einem größtenteils bhutanischen Publikum einen Vortrag mit dem Titel „Das Guru-Rinpoche-Prinzip“. Darin ging er auch auf das Thema der sexuellen Orientierung ein. Ausgestrahlt wurde dies in der bhutanischen Fernsehsendung Jangchub Shing.

© Mark Atkinson, Abdruck genehmigt

Ein Beitrag von Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche übersetzt von Niklaus Zumstein veröffentlicht in der Ausgabe 2015/3 unter der Rubrik Gender

Man hat mir eine interessante Frage gestellt zu den unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, insbesondere dazu, wie Homosexualität in eine buddhistische, in eine bhutanische Welt hineinpasst. Darauf möchte ich kurz eingehen. Shantideva hat gesagt: „Alles bisher Dargelegte hat der Mächtige im Hinblick auf Weisheit gelehrt.“1

Im Buddhismus ist also die Weisheit das Wesentliche. Alles andere ist sekundär. Die Wahrheit zu sehen ist das Wichtigste. Es ist wichtiger als Moral, Disziplin und sogar die sogenannte Meditation. Wie kostbar das Wort auch klingen mag – wenn eure Meditation euch nicht die Wahrheit „sehen“ lässt, verfault ihr im Grunde bloß auf eurem Hintern. Nun gut, vielleicht beruhigt Meditation euch ein wenig. Na und? Das bisschen Ruhe und Entspannung kann man auf vielerlei Art herbeiführen. Die Wahrheit zu „sehen“ ist wichtig. Die so genannten Methoden2 sind immer mit Kultur vermischt. Die buddhistischen Wahrheiten dagegen, wie beispielsweise die Vier Siegel3, können unmöglich von Kultur befleckt werden. Um jedoch zu diesen Wahrheiten zu gelangen, müssen sie anderen Menschen vermittelt werden, und da kommt man an der Kultur nicht vorbei. Menschen können nun mal nur im Rahmen von Kultur denken. Aus diesen Gründen möchte ich euch sagen, dass eure sexuelle Orientierung überhaupt nichts damit zu tun hat, ob ihr die Wahrheit versteht oder nicht. Egal ob schwul, lesbisch oder heterosexuell: Man weiß nie, wer zuerst erleuchtet wird… Wahrscheinlich die Lesben! (lacht) Wir können es nicht wissen – denn es hat tatsächlich nichts damit zu tun!

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche, New York | © Noa Jones
Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche, New York | © Noa Jones

Traditionell Denkende würden dem widersprechen und solche Orientierung der Kategorie „sexuelles Fehlverhalten“ zuordnen. Aber hier muss man vorsichtig sein. Denn wir vermischen die Wahrheit ständig mit Kultur und der jeweiligen Situation und das sollten wir wirklich nicht tun. Mir wurde vor geraumer Zeit die Frage gestellt, warum Frauen in Bhutan nicht in den Gön-Khang4 gehen dürfen. Darauf gibt es eine sehr simple Antwort: Nirgendwo im Kangyur oder Tengyur5 noch in tantrischen Texten steht geschrieben, dass Frauen davon abgehalten werden sollten. Die Frauen sollten sich da nicht aufhalten lassen. Ich meine das vollkommen ernst. Solche Vorstellungen wurden von Leuten geschaffen, welche die Kultur überbewertet haben. Natürlich solltet ihr in Gegenwart von Misogynen6 – in diesem Fall buddhistischen Misogynen – wohl besser still sein, wenn ihr eure Haut retten wollt. Die Wahrheit aber sieht anders aus, und das möchte ich hier auch aussprechen:

Es gibt die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen, und ich möchte besonders den bhutanischen Eltern sagen: Wenn sich eure Kinder ein wenig „anders“ zu offenbaren scheinen, dann solltet ihr großes Verständnis haben. Ihr solltet es nicht als eine Krankheit betrachten. Das ist mir wichtig. Es ist eher so, wie manche Leute Hüttenkäse mögen und andere Schweizer Käse. Es ist ziemlich vergleichbar. Und manche Leute mögen beides. Warum auch nicht? Aber ich möchte auch den Homosexuellen und Bisexuellen sagen, dass ihr geduldig sein solltet. Denn so sehr wir Bhutanesen auch denken, dass wir eines der großartigsten Völker der Erde sind, sind wir doch äußerst konservativ und festgefahren in unserem Größenwahn. Wir können uns einfach nicht vorstellen, weshalb andere Menschen auf der Welt Ema-Datshi7 nicht mögen. Wir sind dermaßen selbstgefällig: „Dies ist das großartigste Gericht. Wie kann man das nicht mögen? Es gibt doch nichts Besseres!“ Diese Art Mentalität haben wir.

Aber die Zeiten ändern sich, und wir sollten wahrhaftig tolerant sein. Wobei Toleranz das falsche Wort ist. Ihr solltet verschiedene sexuelle Orientierungen nicht tolerieren, ihr solltet sie respektieren. Toleranz ist nichts Gutes. Wenn wir von Toleranz sprechen, denkt ihr immer noch, dass etwas eigentlich falsch wäre. Hier müsst ihr wirklich euren Horizont erweitern. Ihr solltet das respektieren.

Das wollte ich einmal gesagt haben.

ANMERKUNGEN:

  1. Rinpoche rezitierte dies nur auf Tibetisch; deutsche Übersetzung Jobst Koss, in Shantideva: Die Lebensführung im Geiste der Erleuchtung, Berlin 2004, 9:1; S. 157.
  2. Methode ist im Buddhismus alles, was nicht in den Bereich von Weisheit bzw. Wahrheit fällt. (A.d.Ü.)
  3. Alles Zusammengesetzte ist vergänglich; alle Gefühle sind Schmerz; alle Dinge haben keine unabhängige Existenz und Erleuchtung ist jenseits von Konzepten.
  4. Raum des Schützers Mahakala in bhutanischen Tempeln.
  5. Kanon des tibetischen Buddhismus: Übersetzungen der Schriften des Buddha aus dem Sanskrit und Kommentare von Gelehrten.
  6. Frauenhasser.
  7. Bhutanisches Nationalgericht aus Chili und Käse.

 

Übersetzung: Niklaus Zumstein; Redaktion: Doris Wolter

Zu sehen ist der Auszug auf Youtube: Dzongsar Khyentse Rinpoche about Homosexuality and Buddhism

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Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche,1961 in Bhutan geboren und von S. H. Sakya Trizin als Emanation von Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö (1894–1959) anerkannt, erhielt Einweihungen und Unterweisungen von Meistern aller vier Traditionsrichtungen des tibetischen Buddhismus. Er ist buddhistischer Lehrer, Autor und Filmregisseur.
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