Sprache und Geschlecht – oder gibt es nichts Wichtigeres?

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2015/3 unter der Rubrik Gender

Was für ein Bild taucht vor Ihrem geistigen Auge auf, wenn Sie „ein Lehrer“ lesen oder hören? Oder „ein Praktizierender“, „Gott“, „ein Bodhisattva“? Eher das Bild eines Mannes oder einer Frau? Wie ist es bei „die Meister und ihre Schüler“? Sie würden zu einer Minderheit gehören, wenn Sie sich dabei eher eine Frau oder im Plural Frauen oder selbst eine gemischte Gruppe vorstellten. In psycho- und soziolinguistischen Experimenten wurde nachgewiesen, dass Menschen weitgehend unabhängig vom eigenen Geschlecht bei einem maskulinen Wort („ein Buddhist“) prototypisch an einen Mann und nicht an eine Frau oder an einen geschlechtsunbestimmten Menschen denken. Und selbst bei Begriffen wie „ein Kind“, „ein Mensch“, „eine Person“ tritt dieser Effekt auf, was bedeutet, dass es sich hier nicht nur um ein sprachliches, sondern auch um ein soziologisches Phänomen handelt. Dank der Frauenbewegung ist das Bewusstsein für das Problemfeld Sprache gewachsen: Frauen wollen nicht immer nur raten, ob sie bei der Verwendung des generischen Maskulinums nun „mitgemeint“ sind oder nicht, sie wollen auch sprachlich repräsentiert und damit sichtbar sein. Denn das sprachliche Sichtbarmachen hat natürlich Auswirkungen auf unsere Sicht der Wirklichkeit. Doch die vielfältigen Ansätze einer gendergerechteren Sprache scheinen an der deutschsprachigen buddhistischen Welt fast unbemerkt vorbeigezogen zu sein. Da ist meist ungebrochen von „den Buddhisten, den Lehrern/Meistern/Schülern, den Freunden des Dharma“ usw. die Rede. Eine solche Sprache aber fügt unseren ohnehin zahlreich vorhandenen Schleiern noch einen weiteren hinzu, hinter dem die Frauen unsichtbar bleiben. „Aber gibt es denn nicht wirklich Wichtigeres?“, hört man/frau oft, leicht herablassend oder genervt, auf ein kritisches Hinterfragen solchen Sprachgebrauchs.

Mitte der 90-Jahre fand in Marburg ein Treffen von Menschen statt, die mit der Übersetzung buddhistischer Bücher zu tun haben. Die Idee war, sich auf bestimmte deutsche Begriffe als Übertragung von Begriffen aus dem Englischen, aber auch dem Sanskrit oder Pali zu einigen. Ziel war, mit der Zeit ein buddhistisches Wörterbuch oder Glossar zusammenzustellen. Richtig lebhaft wurde unsere Diskussion, als es um das Geschlecht von Buddha, Dharma und Sangha ging. Beim Buddha erschien das noch einfach, ist doch der historische Buddha zweifelsohne ein Mann gewesen. Aber wie ist das nun bei Dharma und Sangha. Da gab es zwei Lager. Das eine meinte, es müsse in jedem Fall der Dharma und der Sangha heißen, da das Geschlecht dieser Begriffe in der Ursprungssprache männlich sei. Das andere argumentierte, dass man als Geschlecht des Fremdworts im Deutschen auch das grammatische Geschlecht des Übersetzungswortes nehmen kann (die E-Mail, da es im Deutschen die Post heißt). Also: die Sangha, da man das Wort im Deutschen gemeinhin als die Gemeinschaft oder die Gemeinde übersetzen würde. Und da Dharma so vielfältige Bedeutungen habe (die Lehre, das Gesetz, die kosmische Ordnung usw.) biete es sich an, das Neutrum zu verwenden, dann habe man den diesbezüglichen Variantenreichtum im Deutschen – der, die, das – bei den Drei Juwelen – Buddha, Dharma, Sangha – ausgedrückt. Die Diskussion wurde sehr emotional geführt, was ich erst nicht verstand, denn es gibt einfach keine feste Regel, wie das grammatische Geschlecht bei Fremdwörtern in der deutschen Sprache festgelegt werden kann, da gibt es Varianten und Spielräume. Und wenn sich, wie einer sagte, die Indologen totlachen und die Buddhisten nicht mehr ernst nehmen würden, die „das Dharma“ sagen, fällt es eigentlich auf sie und ihre mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache zurück. Doch dann sagte ein weiterer aus der Runde, er war ein langjähriger Buddhist und erfahrener Übersetzer, in vollem Ernst: Mit „das Dharma“ könne er eventuell noch leben, aber das weibliche Geschlecht in „die Sangha“ würde die Drei Juwelen ganz klar abwerten. Da habe ich verstanden, dass es in unserer ganzen Diskussion um weit mehr als nur um Fragen der Grammatik ging.

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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