Alles fließt

Ein Blick in das heutige wissenschaftliche Verständnis zeigt: Inter- und Transsexualität sind ebenso natürlich wie andere Formen der Geschlechtlichkeit. Die Natur hat Mensch und Tier fließend angelegt – Buddhistinnen und Buddhisten kann das eigentlich nicht erstaunen.

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2015/3 unter der Rubrik Gender

Der Fall machte letztes Jahr Schlagzeilen: Lann Hornscheidt fühlt sich weder als Mann noch als Frau und möchte als „Professorx für Gender Studies und Sprachanalyse“ bezeichnet werden. Alle Elemente der deutschen Sprache, die auf eine geschlechtliche Zuordnung hinauslaufen, sollten durch ein schlichtes X ersetzt werden. Daraufhin schlug Lann Hornscheidt eine Welle der Empörung entgegen. Sie erreichte ihren Tiefpunkt in dem Vorschlag eines aufgebrachten Facebook-Nutzers, Lann Hornscheidt einschläfern zu lassen.

Warum die Empörung? Buddhistinnen und Buddhisten wissen, wie schwer es ist, scheinbar selbstverständliche Ansichten als Konstrukte zu erkennen und aufzulösen. Die Wissenschaften interpretieren Geschlechtsidentität wie auch sexuelles Erleben längst als fließendes „biopsychosoziales“ Geschehen. Chromosomen, Hormone, Kindheitserfahrungen, soziale Bedürfnisse und gesellschaftliche Konzepte spielen hinein. Auch die körperliche Ausprägung der Geschlechtsorgane ist biologisch fließend angelegt. Ein inter- oder transsexueller Mensch darf sich darum mit Recht als natürlich begreifen. Dieser Umstand macht die Zwangsoperationen so absurd, denen Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen unterworfen werden: Was natürlicherweise von Geburt an mitgegeben ist, passt die Medizin künstlich an – im Namen der Natürlichkeit. Interessanterweise weisen auch Tiere eine hohe biopsychosoziale Variabilität auf: Bei weiblichen Hyänen ist die Vagina soweit nach außen verlagert, dass sie nach unseren Kategorien außerordentlich männlich wirken, Delfinmännchen gehen langjährige sexuell-soziale Allianzen miteinander ein, zwanzig Prozent aller brütenden Möwenpaare bestehen aus zwei Weibchen, zahlreiche Fische sind Zwitter und wechseln je nach Umweltbedingungen das Geschlecht, und im Reich der Gliedertiere und Mollusken verliert sich alle Eindeutigkeit. Lange Zeit war die Biologie gegenüber diesen Realitäten blind – verblendet von Illusion, ließe sich im buddhistischen Kontext sagen.

Die Philosophie steuert eine weitere Überlegung bei – die des „naturalistischen Fehlschlusses“: Aus dem, was ist, lässt sich kein Werturteil generieren, sondern allein aus moralischen Überlegungen. Die Verantwortung bleibt bei uns – auch das entspricht der buddhistischen Haltung. Wenn die Moral uns aus der Natur zuzufliegen scheint, bewegen wir uns tatsächlich in der Welt unserer Wertsetzungen. Der Bezug auf „die“ Natur als Gesetzgeberin sozialer Ordnung ist nicht alt, betonen zudem die Kulturwissenschaften. Er stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde zeitgleich mit dem Nationalismus geboren und teilt mit ihm den Mythos, sich auf „uralte Gesetzmäßigkeiten“ zu beziehen. Tatsächlich war im Mittelalter allgemein klar, dass gelegentlich Zwitter geboren werden. Der Vater legte bei der Taufe das Geschlecht des Kindes vorläufig fest, bis der junge Erwachsene selbst entscheiden konnte. Und noch Goethe war das Wort homosexuell völlig unbekannt; auch den Begriff und die Idee der „Sexualität“ (als etwas, das medizinisch verstanden werden müsse) kannte er nicht.

Neben Lann Hornscheidt versuchen viele Menschen jenseits des gängigen Schemas solche Einsichten in die Öffentlichkeit zu tragen. Das ruft Abwehr hervor. Die Vorstellung, eherne Geschlechterkategorien über Bord zu werfen, ist schwer zu akzeptieren, wenn Menschen erstmals damit konfrontiert sind. Es tut eben weh, den vermeintlich festen Bo den vermeintlicher Sicherheiten zu verlassen. Doch eben dieser Schmerz mündet in mehr Freiheit und Lebendigkeit – ist das Dharma-Praktizierenden nicht allzu vertraut? Ist dies nicht das tägliche Unterfangen der Meditation – innere Vorannahmen und Engführungen zu lösen und den Geist immer wieder neu zu öffnen für das, was jenseits starrer Muster vielleicht wirklich ist?

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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